Wall-Street-Ausblick In Fetzen zerrissen

Die Börsianer an der Wall Street tragen ihre Krawatten derzeit etwas lockerer – damit sie genug Luft bekommen. Denn die Sorgen sind erdrückend. Intel könnte diese Woche für eine weitere böse Überraschung sorgen.

New York – Börsianer leben in einem ständigen Wechselbad der Gefühle. Ihr Kompass ist eine schwer zu definierende Gemengelage aus Daten und Gerüchten, Hoffnungen und Ängsten. Im Moment deutet dieser Zeiger, auch Stimmung genannt, mal wieder Richtung Keller.

Vergangene Woche verlor der Dow Jones Industrials erneut 1,7 Prozent, der Nasdaq Composite gab 2,8 Prozent nach. Bei der Beurteilung der Lage nehmen Beobachter kein Blatt vor den Mund. "Es ist der perfekte Markt, um in Fetzen zerrissen zu werden", sagte Joe Liro, Analyst bei Stone and McCarthy Research Associates, gegenüber "CBS Marketwatch".

Auf die Frage nach ihren größten Sorgen beten Börsianer eine ellenlange Liste herunter: Drohender Atomkrieg zwischen Pakistan und Indien, drohende Eskalation im Nahen Osten, drohende Anschläge in den USA, drohender US-Angriff auf Irak, der schwache Dollar, gefälschte Bilanzen, steigende Arbeitslosenzahlen und stagnierende Unternehmensgewinne.

Zinserhöhung? Später vielleicht

So groß ist plötzlich die Unsicherheit, dass die Ökonomen das Datum für die erste Zinserhöhung der Federal Reserve immer weiter nach hinten schieben. Galt Anfang des Jahres noch Mai als wahrscheinlich, glaubt die Deutsche Bank in New York inzwischen nicht mal mehr an August. Die Zinserhöhung komme vielleicht erst im September oder sogar November, sagt Chefvolkswirt Peter Hopper.

Kein Wunder, dass die Anleger keine Anstalten machen, ihr Geld von den Sparkonten herunterzuholen. Zwei Prozent Zinsen sind immer noch besser als fast schon garantierte Verluste. Viele fliehen ganz altmodisch in den vermeintlich sichersten aller Häfen: Gold.

Die "New York Times" hat das ganze Ausmaß der Vertrauenskrise beziffert: 71 Prozent der Anleger glauben einer neuen Umfrage zufolge, dass fragwürdige Bilanzierungstricks gang und gäbe sind. Im Februar waren es erst 62 Prozent. 40 Prozent der Befragten sagten, sie würden deshalb vor Aktien zurückscheuen.

Arbeitslosigkeit steigt weiter

Daran werden auch die Konjunkturdaten diese Woche wenig ändern. Zumindest aber wird der Einkaufsmanager-Index für Mai, den das Institute for Supply Management (ISM) am Montag vor Börseneröffnung bekannt gibt, wohl für einen guten Wochenstart sorgen. Seit Februar liegt der Index über der 50-Punkte-Marke. Das dürfte so weiter gehen - ein Zeichen dafür, dass die Produktion expandiert.

Die zweite wichtige Zahl der Woche kommt erst am Freitag: Dann gibt die Regierung die Arbeitslosenlosenquote für Mai bekannt. Sie ist voraussichtlich auf 6,1 Prozent gestiegen. Eine Abweichung von den Erwartungen könnte den Markt deutlich beeinflussen.

Ökonomen sagen seit langem voraus, dass die Zahl der Arbeitslosen bis zum Sommer ansteigen wird, bevor Unternehmen wieder Leute einstellen. Doch dieses Szenario wird inzwischen auch schon wieder in Zweifel gezogen. Denn erst müssen sich die Unternehmensgewinne erholen, und das dauert länger als erwartet.

Technologiewerte im Blickfeld

Laut Analystenkonsensus sollen die Gewinne im zweiten Quartal um knapp acht Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum steigen, doch die Wirklichkeit liege wohl eher bei drei Prozent, berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf First Call. Gewinnwarnungen vor Ablauf des Quartals Ende Juni sind also garantiert.

Für Schlagzeilen - und Marktbewegungen - wird diese Woche der Technologiesektor sorgen. Am Dienstag redet PC-Hersteller Hewlett-Packard mit Analysten, am Mittwoch dann Softwarehersteller EMC. Nach beiden Treffen dürfte es neue Einschätzungen zum IT-Markt geben. Zusätzlich gibt am Donnerstag Chiphersteller National Semiconductor seine Quartalszahlen bekannt. Analysten rechnen mit einem Verlust von 15 Cent pro Aktie. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 26 Cent gewesen.

Am meisten warten die Tech-Watcher jedoch auf den Ausblick von Intel. Der weltgrößte Chiphersteller wird am Donnerstag nach Börsenschluss seine Prognose für zukünftiges Umsatz- und Gewinnwachstum bekannt geben. Es könnte eine böse Überraschung werden.

Laut Dan Niles, Analyst bei Lehman Brothers, sei Intels bisherige Prognose unhaltbar, berichtet "Barrons". Auf einer Konferenz im Silicon Valley verglich Niles Intels Wachstumsprognose mit der eines Hauptabnehmers, PC-Hersteller Dell. Während Dell für 2003 nur neun Prozent Umsatzwachstum erwartet, rechnet Intel mit 15 Prozent. Wenn die Vergangenheit ein Anhaltspunkt ist, müsste Dells Wachstum bei mindestens 40 Prozent liegen, damit Intel dieses Ziel erreichen kann.

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