Euro Angst vor dem "Dollarkollaps"

Die Gemeinschaftswährung läuft zu Hochform auf. Besorgte Stimmen warnen, ein "Dollarkollaps" könnte die Börsen bedrohen. Exporteure müssten zudem um ihre Geschäfte bangen. Doch ein schwacher "Greenback" hat auch Vorteile.

Hamburg/Düsseldorf – Der Euro strotzt vor Stärke und rückt dem Dollar auf den Pelz. Trotz eines unerwartet schwachen Wirtschaftswachstums in der Eurozone hat die Gemeinschaftswährung zwischenzeitlich die Marke von 94 US-Cent geknackt und damit ein 15-Monatshoch erreicht. Vereinzelt gehen Marktbeobachter von einer Parität zum Greenback noch in diesem Jahr aus.

Besorgte Volkswirte warnen indes vor einem "Dollarkollaps", der die Börsen ernsthaft bedrohen könnte. Sie empfehlen Anlegern, ihre Depots vorsorglich einem "Währungs-Stresstest" zu unterziehen. Es scheint fast, dass die Devisenmärkte den Aktienbörsen derzeit – zumindest was die Aufmerksamkeit betrifft - den Rang ablaufen.

Gregor Beckmann, Finanzmarkt-Analyst von HSBC Trinkaus & Burkhardt, teilt die Aufregung nicht. "In diesem Jahr erwarten wir keine Dollarparität. Unsere Jahresendprognose für den Euro liegt derzeit bei 95 US-Cent", sagt der Experte im Gespräch mit manager-magazin.de. Wenn überhaupt, würde die Gemeinschaftswährung frühestens im kommenden Jahr zum Dollar gleichziehen.

Folgt jetzt die Kapitalflucht aus den USA?

Der starke Anstieg des Euro ließe sich aus Sicht fundamentaler Wirtschaftsdaten in dem Umfang nicht nachvollziehen. Die USA würden seiner Auffassung nach auch in Zukunft stärker wachsen als die Eurozone. Die Schwäche des Dollar speise sich eher aus dem wachsenden Misstrauen der Investoren gegenüber den Finanzmärkten. Die Anleger treibe die Sorge, dass sie im Land des ehemaligen Währungskraftprotz in Zukunft nicht mehr höhere Renditen erwirtschaften können als anderswo.

Pessimisten malen mittlerweile das Schreckensbild einer Kapitalflucht aus den USA an die Wand und begründen dies mit der Furcht der Investoren vor Währungsverlusten – mit kaum abzuschätzenden Folgen für die amerikanischen Aktien- und Anleihemärkte. Dies könnte trotz zunehmenden Kapitalflusses nach Europa auch hier die Aktienmärkte belasten, denn die Wall Street bleibe das Maß aller Dinge.

Deutschlands Exporteure in Bedrängnis

Deutschlands Exporteure geraten in Bedrängnis

Beckmann glaubt indes nicht an den skizzierten "Dollarkollaps", der zu einer markanten Verlagerung der Kapitalströme nach Europa und Japan führen könne: Ob die Investoren auf dem Alten Kontinent oder in Fernost in Zukunft höhere Renditen einfahren werden, sei noch fraglich. "Deswegen gehen wir auch davon aus, dass die Abwertung des Dollar eher langsam vonstatten gehen wird", sagt der Experte.

Eine zunehmende Schwäche des Greenback könnte andererseits stark exportorientierte Branchen wie Chemie- und Autoindustrie in Deutschland unter Druck setzen, weil sich ihre Exporte in die USA wegen des starken Euro verteuerten. Schon wird gemutmaßt, "das zarte Pflänzchen Konjunkturerholung" sei in Gefahr, schreibt etwa die West LB.

Gregor Beckmann von HSBC Trinkaus & Burkhardt geht davon aus, dass sich die Exporteure gegen solche Unbilden zumindest kurzfristig über Termingeschäfte absichern können. "Aber es ist klar, sollte die Dollarschwäche in den nächsten Monaten anhalten, dann wird der Exportsektor immer mehr in Bedrängnis geraten", sagt der Analyst.

Die positiven Effekte eines starken Euro

Die Euro-Stärke birgt aus Sicht Beckmanns dennoch positive Wirkungen. "Der Inflationsdruck nimmt ab, und die EZB sieht sich weniger zu Zinssenkungen veranlasst." Zugleich verringere sich der Preisdruck auf Importe durch einen schwachen Dollar, was die Kaufkraft der Verbraucher und damit die derzeit schwache Binnenkonjunktur im Euroraum stärken sollte.

Schließlich sehen Experten in einem starken Euro einen möglichen Katalysator, um strukturelle Entwicklungen voranzutreiben. Durch die schmerzhafte Konkurrenz auf den Weltmärkten, zitiert die Börsen-Zeitung Kevin Gaynor von UBS Warburg, seien die europäischen Konzerne angehalten, ihre Produktivität zu erhöhen. Zugleich wachse der Druck auf die Volkswirtschaften, den Reformprozess zu verschärfen.