Cargolifter Die Chronik eines Absturzes

Der Cargolifter war eines der abenteuerlichsten Projekte der Luftfahrts-Geschichte. Ein riesiges Luftschiff war geplant, das Lasten bis zu 160 Tonnen von Kontinent zu Kontinent fliegen soll. Zwei Jahre nach dem Börsengang ist das ehrgeizige Vorhaben gescheitert. Die AG ist zahlungsunfähig. Eine Chronologie der Ereignisse.

September 1996:

Der gelernte Jurist Carl Freiherr von Gablenz gründet in Wiesbaden die Cargolifter AG. Unternehmensziele sind "Entwicklung, Bau, Betrieb und Vermarktung von Großluftschiffen zum weltweiten Transport großer und schwerer Güter".

Geplant ist der Bau eines gigantischen Luftschiffs namens Cargolifter (CL) 160, das Lasten bis zu 160 Tonnen fortbewegen soll. Diese Idee stößt nicht überall auf Zustimmung, viele Fachleute halten diese Idee für nicht realisierbar.

Mai 1998: Symbolischer Spatenstich für die Werfthalle auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz im brandenburgischen Brand.

Dezember 1998: Die Grundlagenplanung ist abgeschlossen. Mit 260 Metern Länge, 82 Metern Höhe und einem Durchmesser von 65 Meter soll der CL 160 noch größer werden als ursprünglich geplant.

Januar 1999: Der Bund und das Land Brandenburg gewähren eine Bürgschaft. Wunschtermin für den Jungfernflug ist der Sommer 2001.

Oktober 1999: Das 32 Meter lange Experimental-Luftschiff "Joey" hebt zum Erstflug ab.

Januar 2000: Cargolifter verlegt den Firmensitz nach Berlin.

Eine Computeranimation des CL 160

Eine Computeranimation des CL 160

Foto: DPA
Der Vorstandsvorsitzende der Cargolifter AG, Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz

Der Vorstandsvorsitzende der Cargolifter AG, Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz

Foto: DDP
Der Cargolifter CL 160, wie er geplant war

Der Cargolifter CL 160, wie er geplant war

Foto: DER SPIEGEL
Die Werfthalle der Cargolifter AG

Die Werfthalle der Cargolifter AG

Foto: DPA
Das Experimentalluftschiff "Joey" der CargoLifter AG

Das Experimentalluftschiff "Joey" der CargoLifter AG

Foto: DPA


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Mai 2000: Die Cargolifter AG  geht an die Börse. Nach und nach zeichnen mehr als 70.000 Aktionäre. Am 30. Mai erfolgt die Erstnotiz. Der Ausgabepreis liegt bei 15 Euro, der erste Kurs bei 15,50 Euro.

Insgesamt wurden bei dem IPO 6,23 Millionen Aktien platziert. Dabei werden 270 Millionen Euro eingenommen. Das Emissionskonsortium bestand aus fünf Banken: Commerzbank (Konsortialführer), Bayerische Landesbank, Hauck & Aufhäuser, Schroder Salomon Smith Barney und Kling, Jelko.

November 2000: Die riesige Werfthalle in Brand wird eröffnet.

Januar 2001: Der europäische Flugzeugkonzern Airbus gibt Cargolifter einen Korb. Die Entwicklung des CL 160 verzögert sich.

Das Ende der Höhenflüge

Oktober 2001: Der erste Transport-Ballon CL 75 verlässt die Werfthalle.

Januar 2002: Gablenz gibt erstmals zu, dass der Cargolifter nur noch mit staatlicher Hilfe zu bauen ist. Der Aktienkurs notiert erstmals unter 5 Euro.

März 2002: Die Cargolifter AG  verkauft nach eigenen Angaben den ersten Transport-Ballon an eine neu gegründete Firma aus Kanada. Zugleich wird der Starttermin des CL 160 wieder verschoben - diesmal auf Frühjahr 2005.

Mai 2002: Der US-Konzern Boeing willigt in eine Zusammenarbeit ein, gibt aber kein Geld. Bund und Land Brandenburg lehnen eine schnelle Finanzhilfe ebenfalls ab. Cargolifter muss sich darauf beschränken, nur noch Ballons zu bauen. Die Aktie sackt auf 1,22 Euro ab.

28. Mai 2002: Der Luftschiffbauer erklärt sich für zahlungsunfähig. Trotz aller Anstrengungen sei es der Gesellschaft bisher nicht gelungen, die benötigten Finanzmittel einzuwerben, teilt der Vorstand in Berlin mit. Die Aktie wird vom Handel ausgesetzt. Der letzte Kurs vor Aussetzung liegt bei ca. 1,05 Euro - mehr als 90 Prozent unter dem Ausgabekurs vom Mai 2000.

30. Mai 2002: Das Land Brandenburg erklärt, unter Umständen weiterhin Hilfe bereitzustellen. Voraussetzung bleibe aber ein 20-prozentiger Anteil Privatkapital. Sonst könne die Bund-Länder-Bürgschaft nicht freigegeben werden. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte zuvor gemeint, zunächst sei das Land Brandenburg am Zuge.

31. Mai 2002: Cargolifter meldet für die wichtigste Tochter, die Cargolifter Development GmbH, die sich mit der Entwicklung und Produktion des CL 160 befasst, Insolvenz an. Es wird gehofft, somit eine Insolvenz der gesamten Gruppe vermeiden zu können.

3. Juni 2002: Insolvenzverwalters Rolf-Dieter Mönning sieht noch Chancen auf eine Rettung. Der Erfolg sei jedoch untrennbar mit der Weiterentwicklung des Transport-Luftschiffs CL 160 verbunden.

4. Juni 2002: Ein regionales Kompetenzzentrum für Luftfahrt und Technologie am Standort Brand will Cargolifter retten. Der Landkreis (Dahme-Spreewald) erörtert dazu mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß (CDU) einen Förderantrag.

5. Juni 2002: Die Initiative "Zukunft in Brand" von Aktionären der Cargolifter AG zeigt mit einem Tag der offenen Tür auf dem Werftgelände Solidarität mit dem Unternehmen.

7. Juni 2002: Die Cargolifter AG meldet nach wochenlangem Überlebenskampf Insolvenz an.

14. Juni 2002: Der US-Riese Boeing prüft einen Einstieg. Die Cargolifter-Aktie fährt Achterbahn.

17. Juni 2002: Wieder hat sich ein möglicher Partner gemeldet. Nach Boeing bekundet der Rivale ATG Interesse an Cargolifter.

Das Insolvenzverfahren wird eröffnet

18. Juni 2002: Cargolifter  soll nun doch eine Finanzspritze vom Land Brandenburg erhalten. Das Landeskabinett beschließt eine Soforthilfe von 4,15 Millionen Euro.

20. Juni 2002: Konzerngründer Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz wird entmachtet. Neuer Unternehmensleiter wird der Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning.

10. Juli 2002: Ein Unwetter zerstört den Prototyp des Ballons CL 75 in Brand.

12. Juli 2002: Experten erklären das Luftschiff CL 160 grundsätzlich für technisch machbar und sehen auch einen Markt.

Ende Juli 2002: Cargolifter stellt 178 Mitarbeiter frei. Die Restmannschaft ist etwa 260 Mann stark. Ursprünglich arbeiteten bei dem Unternehmen fast 500 Menschen.

1. August 2002: Das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Cargolifter AG und sechs Töchter wird eröffnet. Betriebsratschef Manfred Flörsch sieht die Schuld für das jetzige Aus des Unternehmens vor allem beim mittlerweile abgesetzten Vorstandschef Carl von Gablenz. Das Unternehmen hofft nun auf Landesmittel, für die der Bund bürgen soll.

11. August 2002: Das Bundeswirtschaftsministerium lehnt eine staatliche Hilfe von 40 Millionen Euro für den Fortbestand von Cargolifter ab.

12. August 2002: Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning stellt nach einer Betriebsversammlung bis auf etwa 30 Beschäftigte alle der zuletzt 230 verbliebenen Cargolifter-Mitarbeiter frei. Ursprünglich hatte das Unternehmen rund 500 Beschäftigte.

13. August 2002: Neue Hoffnung kommt auf. Die Tageszeitung "Die Welt" will erfahren haben, dass die Technologie der Cargolifter AG möglicherweise von einem branchenfremden Investor aus Deutschland weitergeführt werden soll. Das Blatt beruft sich auf Aussagen des Vorsitzenden der Wirtschaftförderungsgesellschaft Dahme-Spreewald (WFG), Udo Effert. Das Unternehmen soll demnach bereit sein, insgesamt 77 Millionen Euro aufzubringen. Der Name des Investoren solle Ende der Woche bekannt gegeben werden, heißt es weiter.

10. Dezember 2002: Die Aktionäre der Cargolifter AG üben harte Kritik an der Arbeit des Insolvenzverwalters und erwägen rechtliche Schritte. Die Aktionärsinitiative "Zukunft in Brand GmbH" wolle zusammen mit der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz e.V versuchen, Vermögensansprüche der Aktionäre notfalls per Klage geltend zu machen, sagte GmbH-Geschäftsführer Mirko Hörmann zu vwd. Die Aktionäre wollten unter anderem wissen, "welche Dokumentationen für den Nachweis der Verwendung von Geldern vor und während der Insolvenz erstellt wurden."

Vorstandschef Wolfgang Schneider erklärt, die intensiven Bemühungen des Aufsichtsrates und der Aktionärsinitiative zur Beschaffung von Finanzmitteln zur Reorganisation der Cargolifter AG seien nicht ausreichend erfolgreich gewesen seien. Es sei müßig, über die Gründe dafür noch lange zu diskutieren, zumal bei "aller berechtigter Kritik gegenüber den Gründern des Unternehmens auch eine teilweise unqualifizierte Polemik das Bemühen um eine Fortführung der Gesellschaft erheblich behindert habe".

Verdacht auf Konkursverschleppung

19. Dezember 2002: Das US-Logistikunternehmen Universal Express bekundet Interesse an der Übernahme des Cargolifter-Standorts in Brand und will dort möglicherweise eigene Luftschiffe bauen. Cargolifter  würde bei dieser Lösung jedoch aufhören zu existieren, sagte Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning. Die Aktiengesellschaft würde bei dieser Variante abgewickelt. Mönning: "Der Kaufpreis dient zur Befriedigung der Gläubigerforderungen."

21. Januar 2003: Der Verdacht der Konkursverschleppung bei dem insolventen Luftschiff-Planer hat sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft erhärtet. Weil ein Anfangsverdacht gegeben sei, seien die Akten an die Potsdamer Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte weitergeleitet worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Cottbus.

8. Februar 2003: Der Aufsichtsrat der Cargolifter AG wird fast vollständig neu besetzt. Fünf der sechs Mitglieder verlassen das Gremium, wie Aufsichtsratschef Heinz Herrmann in Brand (Dahme-Spreewald) mitteilt. Zur Begründung sagen die Manager, sie sähen sich nicht mehr hinreichend legitimiert.

Herrmann betont, der Handlungsspielraum des Aufsichtsrates sei auf Grund der Insolvenz weitgehend eingeschränkt. Das betreffe auch Hauptversammlungen der Cargolifter AG. Es stünden keinerlei Mittel zur Einladung der rund 70.000 Aktionäre sowie zur Durchführung einer HV zur Verfügung. Da es aber ohne Hauptversammlung nicht möglich sei, einen neuen Aufsichtsrat wählen zu lassen, sei dem Amtsgericht Charlottenburg eine Liste von Personen übermittelt worden, aus denen das Gericht die neuen Mitglieder des Aufsichtrats bestellen könne.

10. Februar 2003: Neue Verdachtsmomente gegen den Vorstand des Unternehmens: Nach Angaben der ORB-Sendung "Brandenburg aktuell" hat Cargolifter die Öffentlichkeit möglicherweise gezielt getäuscht. Im Sommer 2000 habe die Firma eine geheime Studie erstellt, die klar zeige, dass bis zum ersten Flug des Cargolifter mindestens noch zehn Jahre vergehen würden und das vorhandene Geld nicht ausreichen könne.

Von diesen Fakten hätten die Anleger jedoch nichts erfahren, berichtete die Sendung. "Die Studie wurde stillschweigend vernichtet", hieß es. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Potsdam zum Verdacht der Insolvenzverschleppung halten unterdessen an.

3. März 2003: Der neu gebildete Aufsichtsrat (AR) der Cargolifter AG hat in seiner konstituierenden Sitzung Hans-Georg Engelken zum neuen Vorstand des insolventen Unternehmens bestimmt, wenn der bisherige von der EADS freigestellte Manager Wolfgang Schneider den Posten aufgeben wird. Gleichzeitig sei der langjährige CargoLifter-Aktionär Arnd Middelmann zum neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt worden.

14. März 2003: Nach dem Absturz des Unternehmens droht nun auch der riesigen Werfthalle in Brand das Ende. Die "Lausitzer Rundschau" berichtet, der an einer Übernahme interessierte Konzern Universal Express habe sich erkundigt, was ein Abriss kosten würde.

19. Juni 2003: Erneut gibt es Hoffnung für Cargolifter. Nachdem vor einigen Wochen Spekulationen aufgekommen waren, die Werfthalle der Aktiengesellschaft müsse wegen der hohen Unterhaltskosten abgerissen werden, hört man nun von Plänen, das Gelände des Unternehmens in einen Freizeitpark mit Tropenlandschaft umzuwandeln.

Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning teilt dazu mit, die malaysisch-englische Investorengruppe Colin Au und Tanjong Public Ltd.  habe den Zuschlag im Bieterverfahren erhalten. Ziel sei es, das Kaufgebot bis zum 15. Juli abschließend zu verhandeln und einen rechtsverbindlichen Kauf- und Übertragungsvertrag abzuschließen. Über den Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden.

8. Oktober 2003: Mehr als ein Jahr nach der Insolvenz von Cargolifter hat die Versteigerung der Ausrüstung im brandenburgischen Brand begonnen. Allerdings könnten damit die Gesamtschulden des Unternehmens in Höhe von 120 Millionen Euro bei weitem nicht gedeckt werden, sagte Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning. Bis zum 11. Oktober stehen 8.000 Teile für ein Mindestgebot von 1,9 Millionen Euro zum Verkauf.

Die vor drei Jahren eröffnete Halle, die als weltweit größte ihrer Art gilt, war bereits im Frühjahr für 17,5 Millionen Euro an einen malaysischen Investor verkauft worden. Dieser will in dem 360 Meter langen, 210 Meter breiten und 107 Meter hohen Bau ein künstliches Tropenparadies einrichten. Eröffnung soll im Oktober 2004 sein. Derzeit stehen Werkzeuge, Büromöbel und Computer zum Verkauf.

Cargolifter: Luftfahrt-Träume unter dem Hammer Deutsche Pleiten: Chronik der größten Insolvenzen

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