Cargolifter Aus der Traum

Der Luftschiffbauer hat sich für zahlungsunfähig erklärt. Dem Vorstand bleiben jetzt noch maximal drei Wochen Zeit, bis Insolvenz angemeldet werden muss. Die Aktie gibt erneut kräftig ab.

Berlin - Der finanziell angeschlagene Luftschiffbauer Cargolifter  ist zahlungsunfähig. Trotz aller Anstrengungen sei es bisher nicht gelungen, die benötigten Finanzmittel einzuwerben, teilte die im MDax notierte Aktiengesellschaft am Dienstagabend in Berlin mit.

Die Aktie des Unternehmens stürzte am Mittwoch unmittelbar nach Handelsbeginn an der Frankfurter Börse um rund 36 Prozent auf 0,65 Cent. Am späten Vormittag notierte das Papier bei 0,80 Cent und lag damit damit noch mit rund 22 Prozent im Minus.

Nach der Mitteilung über die Zahlungsunfähigkeit war die im MDax notierte Aktie am Dienstag bis Börsenschluss vom Handel ausgesetzt worden. Beim Börsengang vor rund zwei Jahren hatte der Ausgabekurs 15 Euro betragen, der Höchstkurs wurde wenige Zeit später bei 23 Euro erreicht.

Hauptgrund für die Feststellung der Zahlungsunfähigkeit seien die derzeit nicht zu finanzierenden Einkommen der rund 470 Beschäftigten gewesen, sagte am Dienstagabend eine Sprecherin. Cargolifter könne alle fälligen Zahlungen derzeit nicht begleichen.

Maximal noch drei Wochen Zeit

Dem Unternehmen blieben jetzt maximal noch drei Wochen Zeit, bis eine Insolvenz gerichtlich angemeldet werden müsse. Wenn berechtigte Hoffnung auf eine Wiedererlangung der Liquidität bestehen würden, könne diese Frist voll ausgeschöpft werden, sagte die Sprecherin weiter. Die Politik hat sich wie im Fall Sachsenring bislang nicht zur Rettung von Cargolifter verpflichten lassen.

Eine Computeranimation des CL 160

Eine Computeranimation des CL 160

Foto: DPA
Der Vorstandsvorsitzende der Cargolifter AG, Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz

Der Vorstandsvorsitzende der Cargolifter AG, Carl-Heinrich Freiherr von Gablenz

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Der Cargolifter CL 160, wie er geplant war

Der Cargolifter CL 160, wie er geplant war

Foto: DER SPIEGEL
Die Werfthalle der Cargolifter AG

Die Werfthalle der Cargolifter AG

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Das Experimentalluftschiff "Joey" der CargoLifter AG

Das Experimentalluftschiff "Joey" der CargoLifter AG

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Es fehle ein schlüssiges Finanzierungskonzept, schreibt die "Financial Times Deutschland" (FTD) heute. Auch auf eine Rettung durch den Luftfahrtkonzern Boeing könne Cargolifter zunächst nicht hoffen. Ergebnisse aus einer Studie über die mögliche Zusammenarbeit sollen erst in drei bis neun Monaten vorliegen.

Hoffen auf den Lastballon

Das Projekt zum Bau des großen Lastenluftschiffs war von Cargolifter kürzlich gestoppt worden. Jetzt konzentriert sich das Unternehmen auf die Vermarktung eines unbemannten Transportballons und senkt früheren Angaben zufolge damit den monatlichen Mittelbedarf von neun Millionen auf 3,5 Millionen Euro.

Bei einer Insolvenz soll laut FTD die kanadische Heavy Lift Canada zumindest die Transportballone in Lizenz in Kanada oder im US-Bundesstaat Alaska herstellen. Cargolifter, selbst mit 20 Prozent an Heavy Lift beteiligt, soll diese Lizenz unentgeltlich gewähren.

Am Dienstag haben die Gespräche zwischen Cargolifter und dem brandenburgischen Wirtschaftsministerium über eine mögliche Weiterfinanzierung noch nicht zu einem Ergebnis geführt. Sie sollen fortgesetzt werden, sagte der Potsdamer Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß in einer ersten Reaktion.

Rund 470 Mitarbeiter betroffen

Zur Inanspruchnahme einer Bund-/Land-Bürgschaft brauche Cargolifter eine Bank zur Finanzierung des 20-prozentigen Eigenanteils. Fürniß wies darauf hin, dass es dem Land vorwiegend darum gehe, die von Cargolifter entwickelte Technologie in der Region zu halten.

Daran dürfte auch dem Bund gelegen sein, glaubt der Wirtschaftsminister. Der die Werft beherbergende Landkreis Dahme-Spreewald habe Antrag auf Förderung eines Kompetenzzentrums für die Leichter-als-Luft-Technologie von Cargolifter gestellt, bestätigte das Ministerium.

Neben den Verhandlungen mit Banken, Investoren und dem Land Brandenburg, die fortgesetzt werden, werden auch konkrete Gespräche mit potenziellen Investoren geführt, die sich beim Zustandekommen eines Konsortiums von Finanzpartnern ebenfalls an einer weiteren Finanzierung beteiligen könnten.

Das Nachsehen haben vorerst die rund 470 Mitarbeiter. Ihre Gehälter können unter den jetzigen Umständen nicht mehr gezahlt werden.

Die verzweifelte Suche nach Geld

Genau vier Wochen ist es her, da träumte Cargolifter-Chef Carl von Gablenz noch vom Ausflug in die Stratosphäre. Zusammen mit dem US-Konzern Boeing wollte der Freiherr Luftschiffe in mehr als 12.000 Metern Höhe auf Beobachtungsmission schicken. Nun scheint der endgültige Absturz nur noch eine Frage der Zeit sein. Auf Unterstützung aus der Politik kann CargoLifter jedenfalls wohl kaum noch hoffen.

Am Überzeugungswillen kann es nicht gelegen haben. In zahllosen Gesprächen versuchte Gablenz in den vergangenen Wochen, doch noch Geld zusammen zu bekommen. Für seine Idee, in der brandenburgischen Provinz ein riesiges Luftschiff zum Transport von 160-Tonnen-Lasten zu entwickeln, bekam er im Grundsatz viel Lob. Aber wenn es ums Geld ging, handelte er sich überall Absagen ein. Bei Boeing, bei anderen Firmen aus der Privatwirtschaft, bei Banken und auch beim Staat, wo man am ehesten auf Nachgiebigkeit gehofft hatte.

Das Land Brandenburg verweist auf bereits gezahlte Zuschüsse von knapp 50 Millionen Euro. Auch wenn rund 500 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen: In Potsdam wird befürchtet, dass Cargolifter die Millionen in den märkischen Sand setzt.

Auch Kanzler Schröder hält sich zurück

Ein Brief an Kanzler Schröder brachte Gablenz ebenfalls keinen Erfolg - auch wenn der Cargolifter-Gründer sein Vorhaben noch so sehr als Musterbeispiel für "Zukunfts-Projekte aus den neuen Ländern" lobte. Zitat Gablenz: "Alle reden davon, dass wir im Osten etwas aufbauen wollen. Das machen wir."

Bei einem Treffen mit SPD-Wahlkampfchef Matthias Machnig priesen die Cargolifter-Leute ihr Produkt geradezu als Symbol für die Fähigkeit zur nationalen Erneuerung, die sich die Sozialdemokraten auf die programmatischen Fahnen geschrieben hätten. Deutschland könne es sich nicht leisten, dass - wie beim Transrapid in China - wieder ein zukunftsträchtiges Verkehrssystem erst im Ausland realisiert werde.

"Wir haben keine Staatswirtschaft"

Doch im Kanzleramt reagierte man kühl auf solche Umgarnungsversuche. "Wir haben keine Staatswirtschaft", sagte Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye zu der sich abzeichnenden Pleite. Es gebe aber eine "emotionale Betroffenheit". Die Lust, wenige Monate vor der Bundestagswahl noch eine spektakuläre staatliche Hilfsaktion zu starten, hält sich im Regierungslager in Grenzen.

Dass sich solche Rettungsversuche nur selten in Wählerstimmen auszahlen, musste Schröder erst vor kurzem erfahren. Trotz seines wählerwirksamen Einsatzes zur Erhaltung eines Bombardier-Standorts stürzten die Sozialdemokraten in Sachsen-Anhalt böse ab. Und nach der Insolvenz des Baukonzerns Holzmann musste sich der Kanzler viel Häme wegen seiner früheren Rettungsversuche gefallen lassen.

Banken scheuen das Risiko

Die staatliche Vorsicht hat aber auch noch einen anderen Grund: Die mehr als deutliche Zurückhaltung der Banken, das Cargolifter-Projekt am Leben zu erhalten. Bislang fand sich nicht einmal eine Bank, die das Rest-Risiko einer bestehenden Staatsbürgschaft über 35 Millionen Euro abdecken wollte. In der Bundesregierung ging deshalb die Befürchtung um, am Ende müsse vor allem der Bund finanziell gerade stehen.

Die gesunkene Wertschätzung ließ sich auch im Verhalten des Kanzlers ablesen. Auf einer seiner Ost-Touren, als Cargolifter noch zu den Renommier-Projekten gehörte, hatte sich Schröder gerne vor der riesigen Halle des Unternehmens fotografieren sehen lassen. Beim Rundgang über die Berliner Luftfahrtmesse ILA Anfang Mai - längst wurde über eine Pleite spekuliert - machte er einen großen Bogen um den Cargolifter-Stand.


Cargolifter - die Chronik eines Absturzes

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