Deutsche Telekom Abrechnung in Köln

Die T-Aktionäre haben die Geduld verloren. Vage Versprechungen und laue Aussagen werden mit gellenden Pfiffen quittiert: Telekom-Chef Ron Sommer verkörpert den Fall der einst hochgehandelten Branche. mm.de-Redakteur Kai Lange berichtet live von der Hauptversammlung.

8.30 Uhr:

Köln am frühen Morgen. T-Aktionäre, wohin man schaut. Unmöglich, sie zu verfehlen an diesem sonnigen Morgen im Stadtteil Deutz. Das Messegelände ist gepflastert mit Wegweisern in Magenta, und hunderte Menschen streben lange vor der Zeit dem Eingang der riesigen Köln-Arena zu. Vor genau sieben Jahren hat Konzernchef Ron Sommer die Regentschaft übernommen. Doch die Volksaktionäre sind an diesem Morgen kein selbstbewusst-fröhliches, sondern ein ziemlich angespanntes Volk.

"Guten Morgen, ein Wort zur Deutschen Telekom ? Welche Fragen haben Sie an Ron Sommer?" Schulterzucken, weitergehen. Einige Lächeln verlegen. Vielen hat es spätestens seit dem Rekordtief, 11,76 Euro in der vergangenen Woche, die Sprache verschlagen. "Fragen zur T-Aktie habe ich viele", sagt ein älterer Mann im Weitergehen, "doch mein Sohn sollte nicht unbedingt erfahren, dass ich sie noch immer halte."

Sie haben viel herunterschlucken müssen, die T-Aktionäre. Sie sind das Rückgrat der deutschen Aktienkultur, massenhaft umworben vor den drei Börsengängen der Jahre 1996, 1999 und 2000. Wer beim IPO vor fünfeinhalb Jahren dabei war, hält seinen Verlust noch in Grenzen. Aktionäre der zweiten und dritten Tranche, 39,50 und 66,50 Euro je T-Aktie, werden noch lange auf ihre Einstandkurse warten müssen. Sie scheinen es eilig zu haben an diesem Morgen, und ihre Geduld ist verflogen. Vor einem Jahr waren es 9000, heute dürften es noch mehr werden.

"Ein Schnäppchen" für Anleger?

Ob ein Teil des aufgestauten Ärgers in der Weite der Köln-Arena verfliegt, wird sich erst bei Beginn der Generaldebatte zeigen: Der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Dietrich Winkhaus wird die Aktionäre um 10 Uhr begrüßen, bevor Unternehmenschef Ron Sommer gegen 10.20 Uhr mit seinem Rechenschaftsbericht beginnt. Die T-Aktie sei zum Preis von zwölf Euro "ein Schnäppchen", hatte Konzernchef Ron Sommer vor der Hauptversammlung betont: Damit kann er eher bei Neueinsteigern punkten, nicht aber bei der Mehrheit der angereisten Aktionäre. Sie wollen nicht noch mehr T-Aktien, sie wollen ihre Einstandskurse wiedersehen.

9 Uhr: Auch Herr Rother aus Dortmund will zunächst weitergehen. Mehr als 100 Kilometer angereist, Urlaub genommen und keine Fragen an Ron Sommer? "Lass mal", sagt Herr Rother. "Steht doch alles in der Zeitung." Für die Deutsche Telekom ist der Markt extrem transparent: Jede Kleinigkeit, jede neue Zahl wurde in den vergangenen Wochen x-mal durchgekaut, auf die Goldwaage gelegt und meist für zu leicht befunden. Kein Wunder, dass die gutgelaunten Telekom-Teamer, die in ihren Magenta-Shirts die U-Bahn-Aufgänge belagern, auf ihren riesigen Flyern ausschließlich positive Zahlen bringen: "Konzernumsatz plus 15 Prozent, Ebitda Mobilfunk im ersten Quartal verdoppelt", steht dort in dicken Lettern zu lesen.

"Die Zahlen muss Ron Sommer nicht noch mal bringen", sagt Herr Rother. Sommer soll Herrn Rother stattdessen den Glauben zurückgeben, dass die Telekom trotz der massiven Kritik noch eine Zukunft hat. "Er muss mich überzeugen, dass der Laden bald wieder läuft."

9.10 Uhr: Der Strom der Menschen aus Richtung Rhein und Dom nimmt zu. Meist sind es gepflegt angezogene Aktionäre älteren Semesters, die vom Bahnhof Deutz entlang der zahlreichen Telekom-Fahnen Richtung Haupteingang schlendern. Anteilseigener unter 40 Jahren sind die Ausnahme. Aufsichtsratchef Hans-Dietrich Winkhaus soll in 50 Minuten die Versammlung eröffnen.

9.20 Uhr: Die Eheleute Winscholl sind Zeichner der dritten Tranche. Treffer. Rund 80 Prozent Verlust bis heute. Die müssen doch stocksauer sein. "Na ja, die Hoffnungen waren groß, und die Preise für UMTS waren verrückt", sagt Olaf Winscholl, erstaunlich gelassen. "Doch was wäre erst losgewesen, wenn Sommer bei UMTS nicht dabei gewesen wäre? Verrückt waren doch alle", ergänzt seine Gattin.

Die Preise für T-Aktien sind bis Frühjahr 2000 auf verrückte Höhen gestiegen, ebenso wie die Preise für UMTS-Lizenzen und Mobilfunkunternehmen wie Voicestream. Wachsen oder weichen, hieß es damals. Die Hoffnungen sind geplatzt, die Preise purzeln.

Den Aktionären der dritten Tranche hilft auch der Rat vom Onkel aller T-Aktionäre, Manfred Krug, nicht mehr: Die Telekom, die mache das. Mal seien Kurse hoch, mal niedrig, hatte Krug im Vorjahr einen frustrierten T-Aktionär belehrt. Man könne ja auch rechtzeitig verkaufen.

Doch "zeitig verkaufen" wollten Aktionäre wie die Eheleute Winscholl die Volksaktie nicht. Das Papier sollte das Vertrauen der Menschen in die Aktie als langfristig lohnende Anlage stärken. Kaufen und halten, haben Analysten gebetmühlenartig wiederholt. Das ist schiefgegangen. Wer gekauft und gehalten hat, hat Pech gehabt.

Wie bitte? "Modern Teams"?

9.28 Uhr: Auch die Börse spielt (noch) mit. Pünktlich zur Hauptversammlung steigt die T-Aktie im frühen Handel an der Frankfurter Börse um mehr als drei Prozent auf magere 12,90 Euro.

9.30 Uhr: Vor den weißen Auffangzelten vor der runden Arena bilden sich lange Schlangen. Helfer Günter Kutz, ein recht schickes Handy um den Hals, versucht freundlich und energisch die Massen zu verteilen. Es gibt Sondercounter und Eingänge für Aktionäre mit und ohne Eintrittskarte. Alles gut organisiert, zumindest hier soll kein Ärger aufkommen.

9.45 Uhr: Obwohl die Tische draußen noch auf ein Frühstück einladen, ist die Stirnseite der dunklen, riesigen Arena bereits dicht gefüllt. "Herzlich willkommen", strahlt auf dem großen blauen Leuchtwürfel, der an Stahlseilen rund 80 Meter über den Köpfen der Besucher hängt. Rund 6000 dürften es bereits sein.

Dunkel ist es hier, das Stimmengewirr gedämpft. Stünde das Podium in der Mitte und nicht an der Stirnseite, die Halle hätte etwas vom Circus Maximus. Nur dass die Gladiatoren auf dem Podium sehr entspannt sind und dunkle Anzüge tragen. Wer zu ihnen herüberlaufen wollte, müsste zunächst auf das knapp zwei Meter erhöhte Podium klettern und dann noch rund 20 Meter zurück legen. Die grauen Stirnblenden der Vorstandspulte wirken wie riesige Schutzschilde.

Ron Sommer schlendert demonstrativ entspannt von Tisch zu Tisch, schüttelt Hände, die Linke hält das Redeskript. Nun geht er nach vorne, sofort flammt das Blitzlichtgewitter auf. Die Aktionäre interessiert das weniger. Sie lesen in ihren Flyern oder blättern im pfundschweren Geschäftsbericht. "Modern Teams" steht auf der Titelseite.

10.03 Uhr: Aufsichtsratchef Winkhaus steht auf, erscheint überlebensgroß auf den Bildschirmen links und rechts des Podiums sowie auf dem Leuchtquader unter der Kuppel der Arena. Grauer Anzug, weißes Hemd, Kreuz durchgedrückt - die Korrektheit in Person. Er bittet um etwas Geduld, es gäbe noch "einige Staus vor der Arena". Aktionäre fächeln sich mit den riesigen Flyern (Konzernumsatz plus 15 Prozent) Luft zu.

"Modern Teams?" "Was ist denn Teams?", fragt eine Aktionärin mit Blick auf den Geschäftsbericht. Kinder sind auf dem Einband zu sehen. Kinder im Sommer, die am Strand einen magentafarbenen Drachen steigen lassen. "Nicht 'Modern Times'?", fragt ihr Nachbar. T.I.M.E.S. Das kennt man. Steht für Telekommunikation, Informationstechnologie, Multimedia, Entertainment und Security. Steht für die von Sommer gerühmte Vier-Säulen-Strategie.

Aber Teams? Die Erläuterung folgt auf der ersten Seite: Modern Teams seien "kooperative Experten aus allen vier Divisionen". Und dort steht noch: "Konvergenz ist Realität, die Schlüsseltechnologien sind zusammengewachsen und wir beweisen uns täglich als Innovationsführer". Oh Gott. Wenn Ron Sommer gleich ein ähnliches Sprachgewitter loslässt, kann das heiter werden.

10.15 Uhr: Der Aufsichtsratvorsitzende Winkhaus eröffnet die Versammlung. Mit Ausnahme von Michael Sommer, der derzeit in Berlin zum neuen DGB-Vorsitzenden gewählt wird, sind Vorstand und Aufsichtsrat vollständig erschienen.

Winkhaus stellt den Fahrplan vor, erklärt Dinge wie 'Stimmkartenblock' und 'Subtraktionsverfahren' und gibt Hinweise zur bevor stehenden Generaldebatte, die nach Sommers Rede gegen 12 Uhr beginnen wird. Winkhaus testet den Gong, es klingt wie ein Schulgong. Einige Aktionäre im Saal schreiben mit, schreiben sich schon mal warm für die Worte des großen Vorsitzenden Ron Sommer. Allein sein Manuskript, raunen Mitarbeiter, habe 50 Seiten.

Der Aufsichtsratsvorsitzende holt 20 nett anzusehende Auszubildende auf die Bühne, alle im Corporate Design gekleidet. Er bedankt sich bei ihnen, schüttelt Hände. Applaus im Saal. Junge Leute, das steht für Zukunft, Hoffnung, Zuversicht. Das können hier alle gebrauchen.

Ron Sommers Rede

10.30 Uhr: Winkhaus nimmt Stellung zu den Vorstandsgehältern, deren Erhöhung auf 17,4 Millionen Euro für so viel Ärger gesorgt hat. Das sei keinesfalls eine Steigerung um 90 Prozent, weil darin Abfindungen für zwei ausgeschiedene Vorstandsmitglieder enthalten seien. Es gehe also um eine Erhöhung von 50 Prozent - als ob das Reizthema damit aus der Welt sei.

"Der Aufsichtsrat ist der Überzeugung, dass der Vorstand im vergangenen Jahr gute Arbeit geleistet hat, sagt Winkhaus. Er wird von Buhrufen und Pfiffen unterbrochen. Winkhaus redet tapfer gegen die Pfiffe an, spricht von Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit und einer angemessenen Vergütung. Wieder Pfiffe. Die Gehälter, so Winkhaus, seien im marktüblichen Rahmen. Dann lässt er das Thema erst einmal auf sich beruhen und gibt die Bühne frei.

10.40 Uhr: Ron Sommer beginnt seine Rede, spricht in seiner Einleitung sogleich von einer "höchst unerfreulichen Entwicklung" der T-Aktie. Für seine Lieblingsworte "Wachstumsstory", "Zukunftsinvestitionen" und "Umsatzwachstum" wird er später noch viel Zeit haben. Also gleich zu Anfang raus mit den unerfreulichen Dingen.

"Was wir in den letzten Wochen beobachtet haben, ist nicht mehr nachvollziehbar und lässt sich nur mit psychologischen Mechanismen erklären", sagt Sommer. Er räumt Fehler ein, wenn auch nur über einen Umweg: "Die Branche hat Fehler gemacht, und auch wir haben nicht immer alles richtig gesehen."

Der studierte Mathematiker steht kerzengerade und bemüht sich, aufzuräumen mit all den garstigen Behauptungen der Kapitalmärkte, die sein Unternehmen so stark unter Druck setzen. "Fakt ist, dass unser Markt in Deutschland im Vorjahr um fast fünf Prozent gewachsen ist, während die übrige Wirtschaft nahezu stagnierte. Fakt ist, mit 18 Prozent Umsatzwachsutum und 15 Prozent im ersten Quartal sind mir nur wenig andere Dax-Unternehmen bekannt, die solche Umsatzsprünge verzeichnen können." Die Welt der Fakten und Zahlen, das ist sein Terrain. Was auch immer die anderen behaupten mögen, er stellt seine Fakten dagegen.

"Fakt ist ..., Fakt ist...". Der Chef ist unerschütterlich und unbeirrbar. Jetzt müssen ihm nur noch die Märkte glauben.

10.45 Uhr: "Weiter wird behauptet, die Deutsche Telekom breche unter ihrer Schuldenlast zusammen", sagt Sommer. Natürlich sei es richtig, "dass wir erheblich in unser Wachstum investiert haben und das dadurch unsere Verschuldung deutlich angestiegen ist". Wachstums-Investitionen statt Schulden. Das hört sich doch gleich viel besser an. Die Aktionäre halten noch zurück. Keine Pfiffe wie bei Winkhaus, gespanntes Warten.

"Fakt ist auch, dass wir ohne diese Investitionen nicht gewachsen, sondern geschrumpft wären", sagt Sommer. Er glaube nicht, dass man auf diese Investitionen hätte verzichten können. Sommer sieht sich auf Kurs. Eine "sachliche, objektive und faire Diskussion", betont er immer wieder, sei das Ziel seiner Wünsche.

10.50 Uhr: Nun spricht Sommer die Medien und Märkte an, spricht von der "unterbewerteten Aktie" und davon, "dass wir ungerechtfertigterweise mit der Branche gemeinsam abgestraft worden sind". Vor wenigen Tagen hatte er gesagt, für zwölf Euro sei eine derart stark aufgestellte Deutsche Telekom geradezu "ein Schnäppchen". Damit lockt er vielleicht Einsteiger, nicht aber die treuen Aktionäre hier in der Arena, die noch immer höflich reserviert schweigen. Sie wollen nicht noch mehr T-Aktien, sie wollen steigende Kurse sehen.

10.55 Uhr: Sommer ist bei seinem Lieblingswort, dem Ebitda. Dieses Wort verbirgt mehr, als es offen legt. Es ist das Ergebnis ohne Abschreibungen, Steuern und Zinsen. Und gerade die milliardenschweren Abschreibungen und Zinsen bringen den Konzern derzeit so schwer in Bedrängnis. Dennoch: Umsatz und Ebitda sind gestiegen. Die Entwicklung, so Sommer, sei erfolgreich. Beim Stichwort Voicestream gibt sich der Konzernchef vollends seinen Zahlen hin, spricht von "46 Prozent Kundenwachstum im Jahr 2001", einem "Kundenbestand, der um fast 670.000 auf sieben Millionen ausgeweitet" wurde, und von "90 Prozent Vertragskunden". Dann muss ja alles gut werden.

Zahlen, Zahlen, Zahlen

Einige Aktionäre stehen auf und schlendern den Gang hinunter. Die Wucht der Zahlen scheint sie zu erdrücken. Sommers Zuhause sind nun einmal die Zahlen: Er speichert sie, argumentiert mit ihnen und wirkt dabei manchmal wie eine Maschine - kühl, kalkulierend, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Er hat heute einen harten Job, den er allein mit Zahlen nicht lösen kann. Er muss seine Aktionäre ansprechen, nicht belehren. Er muss glaubhaft sein. Er muss sie überzeugen, dass der Mobilfunk eine Chance und die Deutsche Telekom eine Zukunft hat.

Denn die inzwischen knapp 10.000 Menschen im Saal brauchen keinen Oberlehrer, der nur verständnislos die Schultern zuckt über einen Markt, der die T-Aktie herunterprügelt. Sommer hält sich am liebsten an Fakten, doch er muss auch "rüberkommen" und die Leute spüren lassen, dass er selbst noch an den Erfolg glaubt. Allzu optimistisch wirkt er nicht. Eher unerschütterlich.

11.05 Uhr: Fakten, Fakten, Fakten. Die "Diskussion versachlichen". Das sind die meistgebrauchten Worte in Sommers Rede. Er erwarte, dass der Umsatz 2002 deutlich über dem Niveau von 2001 liegen werde und geht von einer Steigerung von rund zehn Prozent aus. Der Auslandsumsatz soll auf Jahresbasis sogar rund ein Drittel der Konzernerlöse bringen.

Die Telekom will wachsen und gleichzeitig sparen: "Wir werden die Zinsbelastung kontinuierlich senken und die Investitionen auf diesjährigem Niveau halten", gibt sich der Konzernlenker kämpferisch.

Er beschwört noch einmal die Wachstumsdynamik, die Umsatzsteigerung von 18 Prozent und wiederholt, dass man einer der größten Arbeitgeber und Einzelinvestoren in Deutschland sei. Das klingt gut, kommt gut rüber. Größe beruhigt. Die Großen werden irgendwie überleben.

11.15 Uhr: Ron Sommer kommt zum entscheidenden Thema: dem Mobilfunk. Er sei einer der "zentralen Wachstumstreiber und wird es in Zukunft noch einmal mehr". Klar, dass er jetzt Voicestream aus dem Hut zaubert. Die US-Tochter entwickele sich "hervorragend" und sei im ersten Quartal erstmals positiv - natürlich auf Ebitda-Basis.

Die bescheidenen Wachstumsprognosen vom Konkurrenten Vodafone würden die Deutsche Telekom als breit aufgestellten Konzern weniger hart treffen als einen reinen Mobilfunkanbieter. Gleich darauf schwärmt er vom Kundenwachstum bei T-Mobile. In Deutschland plus 10,5 Prozent, in Großbritannien plus 19 Prozent, in Tschechien plus 46 Prozent. "Die Tschechen, die reißen es raus", murmelt ein Aktionär. Ob das ernst gemeint ist, erschließt sich dem Zuhörer nicht.

Sommer spürt, dass er nicht ausnahmslos bei Zahlen und Fakten bleiben kann. Er wagt sich vorsichtig auf das Gebiet Vision. Die Boomjahre des Mobilfunks seien beendet. Nun beginne "eine Periode qualitativen Wachstums, die ihre Dynamik aus neuen Anwendungen und Diensten beziehen wird". Da ist es. UMTS! Die Zauberformel, die das hässliche Entlein in den Prinzen zurückverwandeln soll.

Mittlerweile ist die Köln-Arena voll bis unter das Dach. Mehr als 10.000 Besucher hören Ron Sommer zu.

11.25 Uhr: UMTS, sagt Sommer, sei inzwischen eines der Reizthemen am Kapitalmarkt. Nun vergleicht Sommer Vergangenheit und Zukunft, die Zuhörer spüren den Stimmungswechsel. "Die kritischen Stimmen fragten auch 1992: Wer braucht schon ISDN? Sie fragten 1995: Wer braucht schon einen Internetanschluss?" Heute habe man 21 Millionen ISDN-Kanäle in Deutschland und über neun Millionen Teilnehmer allein beim Internetdienst T-Online. Sommer macht eine bedeutungsschwere Pause. "Auf die Frage - wer braucht schon UMTS? - antworte ich heute: Schon in naher Zukunft sehr viel mehr Menschen, als sich die Kritiker heute vorstellen können." Das bleibt leicht unscharf, aber es kommt bei den Aktionären gut an. Es ist ein ungewöhnlicher Satz für den kühl wirkenden Zahlenmann.

"Niederschmetternde Börsenentwicklung"

11.30 Uhr: Sommer ist allgegenwärtig. Monitore übertragen ihn in jeden Flur. Auch in den Waschräumen ist seine Stimme über Lautsprecher zu hören. Der Konzernlenker redet lange über UMTS: "In Deutschland werden wir bis Jahresende Netze in rund 20 Städten aufgebaut haben." Seit Mitte der 90er Jahre habe die Deutsche Telekom 80 Milliarden Euro in den Ausbau des gesamten Netzes investiert. Dabei wurden auch 50 Millionen Festnetzanschlüsse vollständig digitalisiert. Das Unternehmen sei zum "Inbegriff modernster Telekommunikationstechnik geworden".

Gegen Ende der Rede wird Sommer wieder grundsätzlich, spricht von einem Konzern "mit mehr als 100 Millionen Kundenbeziehungen, der außerdem zu den vier größten Mobilfunkgesellschaften in der Welt gehört".

Doch Größe ist nicht alles. Bei einem der drängendsten Probleme der Deutschen Telekom - der Verbesserung der Ertragsstärke - bleiben seine Aussagen lau. Er spricht von "Synergieeffekten", "Skaleneffekten", "Know-how-Transfer" und "Prozessverbesserungen", die allein im vergangenen Jahr bei T-Mobile rund 750 Millionen Euro eingespart hätten.

Nun wird es doch konkret: Sommer spricht vom geplanten Abbau von rund 22.000 Stellen, der sozialverträglich ablaufen soll. Als er sich nach mehr als einer Stunde Redezeit ausdrücklich bei allen Mitarbeitern für ihr Engagement bedankt, brandet erstmals während seiner Rede Applaus auf.

11.45 Uhr: Die Deutsche Telekom gehöre zu den fünf wertvollsten Marken in Deutschland. Erst vor sieben Jahren habe man sich vom guten, alten Posthorn getrennt. Sommer spricht über den Ausbau zum Global Player, dessen immense Kosten ihm die Aktionäre jetzt verübeln. Er verteidigt auch das 20 Millionen Euro teure Marketing-Engagement beim Fußballklub Bayern München. "Fußball ereicht ein Maximum an Zuschauern bei effizientem Mitteleinsatz." Das ist so ein schöner, echter Sommer-Satz. Von wegen Kunden durch Kicker. Er spricht von "enormer Mediensubstanz" und "nachweisbar hohen Sympathiewerten".

11.50 Uhr: Die Rede nähert sich dem Ende. Sommer betont, "dass sich der Vorstand weder selbst bedient noch bereichert hat". Pfiffe, Buhrufe. Sommer macht eine Pause. Die Zwischenrufe nehmen zu. Er setzt dreimal neu an, löst sich aber nicht von seinem Manuskript. Im vierten Anlauf klappt es endlich, es geht weiter im Text mit einer erstaunlich schlichten Erkenntnis: Vorstand und Mitarbeiter würden sich weiter dafür einsetzen, das Unternehmen voranzubringen.

12.05 Uhr: Finale. Sommer spricht von "Licht und Schatten", einem "erfolgreichen operativen Geschäft" und einer "niederschmetternden Börsenentwicklung". Nun sei es Zeit, die Ärmel hochzukrempeln: Die Telekommunikation sei ein "Wachstumsmarkt mit erheblichen Potenzial", diesen Satz wird er nicht müde zu betonen.

"Vergleichen Sie die Daten und Fakten", ruft Sommer zum Abschluss seiner Rede fast beschwörend in den Saal. "Manch ein Anleger, der heute kein Vertrauen in die T-Aktie hat, wird dies in der Zukunft bereuen." Dafür erntet er keine Buhrufe, sorgt aber für deutliche Erheiterung im Saal. Doch Sommer wäre nicht Sommer, wenn er auch hier nicht unbeirrt bliebe. Er glaubt fest an steigende Kurse: "Wann dies sein wird, kann kein Hellseher voraussagen. Wir werden jedoch das uns Mögliche tun, um die Voraussetzung für eine Trendwende zu schaffen." Ende der Durchsage. Nun folgt ein radikaler Stimmungswechsel.

Auftritt der Anlegerschützer

12.10 Uhr: Eine Vertreterin der Aktionärsschützervereinigung DSW, Jella Benner-Heinacher, tritt ans Podium. Ihre emotionale Abrechnung mit Vorstand und Aufsichtsrat wird immer wieder von heftigem Applaus unterbrochen. Sie spricht vom "Desaster der T-Aktie", dem "Fehlen einer klaren Strategie", und von den erhöhten Vorstandsbezügen, die sie als "Ohrfeige für die Aktionäre" ansieht.

"Wer in Zeiten der Cholera Kaviar bestellt, kann nicht mit der Zustimmung der Aktionäre rechnen", sagt sie. Heftiger Applaus. Sie fragt nach, ob es wahr sei, dass die Telekom für einen neuen Jet rund 110 Millionen Euro ausgeben wolle. Zwischenrufe: "Das gibt's doch nicht. Unverschämtheit." Die Wut im Saal entlädt sich. Die Rednerin setzt noch einen drauf: "Es wäre fatal, wenn sich der Vorstandvorsitzende während seiner Regentschaft vom Sony-Boy zum Sonnenkönig entwickelt hätte." Sie kündigt an, die DSW werde den Vorstand nicht entlasten. Heftiger Applaus.

12.40 Uhr: Ein Vertreter der SdK (Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre), Lars Labryga, schlägt in dieselbe Kerbe. Er lässt ein Fragengewitter los, kurz, provokant und sehr volksnah: "Wie rechnen sich diese Marterpfähle, die neuen Telefonhäuschen eigentlich? Haben Sie einmal versucht, eine Aktentasche darauf abzustellen? Wie stabil ist das Festnetzgeschäft wirklich? Wie groß ist die Gefahr bei Voicestream, in den USA bald an die Wand gedrückt zu werden?" Und wie, das genießt der Sprecher besonders, rechtfertigte die Telekom ihren Aktienoptionsplan, dem lediglich eine Steigerungsquote von 20 Prozent in zehn Jahren zugrunde liege? "Diese Hürden sind so niedrig, dass die Athleten vor Lachen nicht mehr laufen können", sagt Labryga, begleitet von Gejohle und Applaus.

Das Gelächter schlägt schnell in Ärger um, als Labryga die Kosten des Optionsplans hochrechnet: 100 Millionen Euro in zehn Jahren. Auch die SdK werde den Vorstand nicht entlasten. Nach der langen, ernsten Rede von Sommer machen sich nun die Emotionen der Anleger Luft.

13 Uhr: Vertreter der Gewerkschaften sprechen. Es ist Mittagszeit. Aktionäre schlendern durch die Gänge an der rund 40 Meter langen Bühne entlang. Das Podium ist eingefasst von riesigen Bildern: Zwei Kinder am Strand, die in die Luft schauen, auf der anderen Seite ein Junge, der zum Sprung ansetzt. Dazwischen diagonal ein übergroßes T - die Fluchtlinien sind sehr dynamisch angelegt. Je nach Blickwinkel in der Arena könnte man auch meinen, das T kippe nach hinten.

13.15 Uhr: Klaus Martini, Leiter des DWS-Fondsmanagements für europäische Aktien, tritt ans Pult. Er spricht schnell und hakt bei all den Dingen nach, über die Ron Sommer trotz vieler Worte kaum etwas gesagt hat. Die DWS halte noch T-Aktien, aber deutlich weniger als noch vor einem Jahr, sagt Martini. Der sonst als nüchtern und zurückhaltend geltende Fondsmanager spart diesmal nicht mit Zynismus. An die Adresse Ron Sommers gerichtet: "Sie sagen, Sie haben noch viel vor und würden am Boden bleiben. Nun, das trifft leider vor allem für die Aktie zu."

Martini hat viele Fragen. "Sind Sie angesichts Ihres angekündigten harten Sparkurses bei den Umsatzschätzungen nicht zu optimistisch? Kann die Deutsche Telekom ihren Cash Flow im Festnetz bei wachsender Konkurrenz verteidigen? Und wie wird sich Voicestream im umkämpften US-Markt entwickeln?" Der Marktanteil des Unternehmens liege unter 10 Prozent. Der Mobilfunker brauche aber 20 Prozent Marktanteil, um profitabel zu sein.

Martini legt nochmals den Finger in die Wunde: "Nicht nur die DSL-Angebote, sondern auch der Schuldenstand ist XXL. Bringen Sie sich durch diese enorme Verschuldung um die Möglichkeit, die Chancen des Marktes zu ergreifen?" Der Geschäftsbericht der Deutschen Telekom strotze vor Optimismus. "Dort heißt es, die starke Position der Telekom spiegle sich leider nicht in den Bewertungen wider." Martini macht eine Pause. "Meine 18 Jahre Erfahrung an den Kapitalmärkten haben mich Demut gelehrt. Und ich muss sagen: Meist hat der Markt doch recht." Anhaltender Applaus.

Dennoch lässt auch Fonds-Manager Martini nicht alle Hoffnung fahren. "Es gibt Chancen", sagt er. "Im Erfolgsfall können wir uns im kommenden Jahr zu höheren Kursen wieder sehen. Es gibt viel zu lernen und viel zu tun", spricht Martini zum Abschluss den Vorstand direkt an. "Wir hoffen auf Sie."

13.30 Uhr: Neben dem Podium haben sich lange Schlangen gebildet. Hunderte Aktionäre geben ihre Stimmen an die Aktionärsschützer ab, die ihnen vor wenigen Minuten aus dem Herzen gesprochen haben. Mitarbeiter hinter dem Vorstandspodium stecken die Köpfe zusammen und diskutieren, ob dies juristisch möglich ist. Die Schlangen werden länger, die Sitzung muss zweimal kurz unterbrochen werden.

13.45 Uhr: Rolf Drees, Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment, folgt dem Beispiel seines DWS-Kollegen Martini und wendet sich mit ungewöhnlich scharfen Worten an Ron Sommer. Der Ton wird rauer.

Drees wischt zunächst das Argument "Branchenschwäche" beiseite. Der Dax habe im vergangenen Jahr um knapp 20 Prozent nachgegeben, die T-Aktionäre verloren jedoch 38 Prozent ihres Kapitals. Die spanische Telefonica habe die Verluste auf zehn Prozent begrenzt. "Dies ist um Klassen besser als die Deutsche Telekom", sagt Drees.

Den stärksten Applaus erntet der Union-Investment-Mann, als er nach den Gewinnen fragt: "Wann sind Sie endlich profitabel? Und zwar nicht auf Basis ihrer Ebitda-Zahlen, sondern nach allen Kosten?" Sein Nachsatz, eine angemessene Gewinnorientierung sei nicht zu erkennen, geht im Applaus der Anleger beinahe unter.

Streit um die Dividende

Auch Drees spricht über den Aktienoptionsplan. Immer und immer wieder bekommt der Vorstand diesen Plan um die Ohren gehauen, und immer wieder brandet Applaus auf.

Es sei unangemessen der Option einen Zeitraum von zehn Jahren einzuräumen, bis eine Kurssteigerung von lediglich 20 Prozent übertroffen werden muss. "Dies ist - mit Verlaub - ein Lacher", sagt Drees. Wenn bei einer Jahresrendite von lediglich zwei Prozent bei den Begünstigten bereits die Sektkorken knallen, sei dies nicht hinzunehmen. "Es wäre ein Gebot des Anstands, angesichts der Aktionärsverluste, auf diesen Plan zu verzichten."

Von den Vorstandsmitglieder machen sich bei diesem heiklen Thema nur Sommer und Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick die Mühe, direkt zum Redner herüberzusehen. Die anderen blicken in ihre Unterlagen. Dort müssen wichtige Dinge stehen.

Bei der Entlastung des Vorstandes werde sich Union Investment enthalten, sagt Drees. Doch der Geduldsfaden sei extrem angespannt, fügt er hinzu. Auch mit der Geduld der Großinvestoren könne es bald vorbei sein.

14.00 Uhr: Der Aktionär Wolfgang Philipp aus Mannheim nimmt sich die Dividendenpolitik der Deutschen Telekom vor. Er kritisiert nicht die drastische Senkung der Dividende von 0,62 auf 0,37 Euro, sondern beanstandet, dass diese überhaupt gezahlt wird. "Den Aktionären nützt eine nicht-verdiente Dividende nichts", sagt Philipp. Eine aus der Substanz gezahlte Dividende nütze kurzfristig lediglich dem Großaktionär Bundesrepublik, der gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau 42 Prozent der Anteile hält. "Ich fordere Sie auf, auf die Dividende zu verzichten", wendet sich Philipp an den anwesenden Staatssekretär. Applaus. So bescheiden sind die T-Aktionäre inzwischen geworden, dass auch ein möglicher allgemeiner Dividenden-Verzicht auf Zustimmung stößt. Wenn es nur endlich besser wird.

14.32 Uhr: Der Einzelaktionär Wolfgang Philipp redet sich in Rage. Winkhaus unterbricht: "Herr Dr. Philipp, Sie reden jetzt 31 Minuten. Ich bitte Sie, sich kurz zu fassen." Wütende Proteste und lautes Pfeifen folgen. "Noch eine Minute", sagt Philipp und winkt in die Menge. Als der zornige Anleger fertig ist, stehen viele Aktionäre auf und applaudieren minutenlang.

Winkhaus wirkt immer angespannter, über seinen Augen gräbt sich eine tiefe Falte. Zwei Anmerkungen möchte der Aufsichtsratsvorsitzende machen. Er wird wieder unterbrochen von einem gellenden Pfeifkonzert. Die anfangs verhaltene Stimmung im Saal wird im Minutentakt emotionaler. Und mehr als 50 Redner stehen noch auf Liste.

14.50: Jetzt ist Ron Sommer wieder am Pult und beantwortet einige der Aktionärs-Fragen. Er wirkt aufgewühlt, die massive Kritik hat ihn aus der Reserve gelockt. Jetzt spricht er direkt ins Publikum, hält sich nur an Stichworte und ist nicht mehr so reserviert wie zuvor.

"Was hätten wir denn machen sollen?", fragt Sommer und blickt in den Saal. Wenn die Telekom nicht in den Mobilfunk investiert hätte, wäre sie heute ein schrumpfendes Unternehmen. "Nicht jeder, der nach HGB Gewinne ausweist, hat langfristig eine Überlebenschance", sagt der Konzernlenker. Das Telekom-Geschäft brauche nun mal langfristige Investitionen - "das ist kein Geschäft, in dem man über Nacht reich wird." Nun hat der sonst unnahbare Chef die Aktionäre fest im Blick. "Wenn wir nur auf dem Festnetzgeschäft hocken geblieben wären, dann hätten sie wirklich keine Freude mit der T-Com heute."

14.55 Uhr: Ron Sommer kommt noch einmal auf die unvermeidlichen Kennziffern Ebitda und Free-Cashflow zurück. "Dies sind nicht die allein seligmachenden Zahlen", räumt er ein. Er weiß, dass diese Zahlen kaum noch jemand hören will. Aber dennoch: "Es sind die wichtigsten Kennzahlen, um den Verlust langfristig zu reduzieren." Die Deutsche Telekom werde in diesem Jahr ihren höchsten Verlust ausweisen, doch dies könne auf Grund der Abschreibung von 16 Milliarden Euro auch gar nicht anders sein. "Wir werden unsere Investitionen auf neun Milliarden Euro senken, ohne unser Wachstum zu gefährden."

Sommer bezeichnet den US-Mobilfunkmarkt als "einen der attraktivsten überhaupt". T-Mobile werde man nicht unter Wert an die Börse bringen. Überdies diene dies nicht nur dem Schuldenabbau, sondern auch dazu, eine Akquisitionswährung für das weitere Wachstum zu schaffen. Die UMTS-Investitionen würden in diesem Jahr voraussichtlich vier Milliarden Euro betragen. Doch nicht vor 2004 werde die neue Technologie einen signifikanten Beitrag zum Ergebnis leisten.

Das ist so ein Beispiel. Langfristig denken. Man müsse wachsen, wachsen, wachsen und dafür fordert er erneut die Geduld der Aktionäre ein: "Wenn Sie nicht langfristig denken, gefährden Sie die Existenz." Der Applaus bleibt aus, doch in seiner ersten Antwortrede ist der Konzernlenker deutlich stärker auf die Augenhöhe seiner Aktionäre gekommen.

"Aufhören, aufhören!"

15.20 Uhr: Finanzvorstand Eick erläutert Umstrukturierungen und steuerrechtliche Veränderungen in der AG. Staubtrockene Materie. Die Aktionäre sind schwer genervt. Mehrfach wird Eick von rhythmischem Klatschen unterbrochen. Dutzende Anleger skandieren lautstark: "Aufhören!"

Winkhaus muss zweimal eingreifen: "Herr Eick kommt nur seiner Informationspflicht nach. Es ist auch in ihrem Interesse." "Ich bin gleich fertig", ruft Eick. Starker Applaus.

15.35: Uhr Noch immer stehen Anleger vor den Tischen der Aktionärsschützer, um ihre Stimmrechte zu übertragen. Finanzvorstand Eick äußert sich unterdessen zu den immensen Kosten für die Voicestream-Übernahme: "Wir haben die Chance ergriffen, T-Mobile zum ersten transatlantischen GSM-Anbieter zu machen." Im Klartext: Markteintritt zählte, nicht die Kosten. Bei der Bewertung der T-Aktie hält sich Eick zurück und verweist auf die Analysten-Einstufungen, mit denen die Aktionäre nahezu täglich beglückt werden. Schweigen im Saal. Langeweile. Analysten-Einstufungen. Erst hochgejubelt, dann niedergeknüppelt. Diesen Mechanismus kennen die Aktionäre bereits.

Niemand im Saal erwartet mehr rund 500 Prozent möglichen Gewinn wie zwischen dem IPO 1996 und dem Höchststand im März 2000. Aber eine bessere Bilanz als minus zehn Prozent in fünfeinhalb Jahren, das sollte es schon sein.

Auch auf den Schuldenberg geht Eick nur knapp ein und bestätigt das Ziel, die Verbindlichkeiten bis Ende 2003 auf 50 Milliarden Euro zu drücken. Nur noch 50 Milliarden Euro? Na dann. Selbst das klappt nur, wenn sich für das Kabelnetz ein dem Kartellamt genehmer Käufer findet und sich die Stimmung an der Börse soweit aufhellt, dass ein T-Mobile-Börsengang weitere zehn Milliarden Euro in die Kasse spült. Doch auch wenn die Baisse durchschritten ist: Den Appetit auf Aktien aus dem Hause Telekom hat der Konzern mit seiner drastischen Dividendenkürzung nicht unbedingt gesteigert. Eick hat ein Gefühl für die Stimmung im Saal, er beschränkt sich gegen Ende seiner Rede auf das Notwendige. Nur wenige hören zu.

16 Uhr: Es geht wieder um Geld. Aufsichtsratschef Winkhaus tritt erneut ans Podium, spricht über den Aktienoptionsplan und die Einzelgehälter des Vorstands. Die Regierungskommission Corporate Governance empfiehlt, die Gehälter der Konzernlenker künftig einzeln zu veröffentlichen. Winkhaus jedoch "bittet um Verständnis, dass sich der Aufsichtsrat erst im August mit dieser Frage beschäftigen wird". Wütende Proteste und Pfeifkonzerte im Saal. Ob die Einzelgehälter im kommenden Jahr veröffentlicht werden, steht also weiterhin in den Sternen. Die Herren auf den Vorstandssitzen zeigen keine Regung, sitzen dort wie angeleimt.

16.15 Uhr: Winkhaus spricht über Aktienoptionen des Vorstandes, doch auch hier kann er die Wogen nicht glätten. "Schauen Sie auf die USA, was da gezahlt wird", ruft er. Die Aktionäre reagieren mit Gelächter und Pfiffen. Winkhaus erklärt, dass die Hälfte der Vorstands-Gehälter fix und die andere Hälfte erfolgsabhängig gezahlt werde. "Dann müssen die doch was zurückzahlen", ruft einer dazwischen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende bewahrt die Haltung, obwohl er solch einen Gegenwind bei einer Hauptversammlung noch nicht erlebt haben dürfte. "Im deutschen Vergleich ist unser Vergütungssystem sehr gut", fährt er unbeirrt fort. Er hat Mühe, in der Tonlage zu bleiben und durch die höhnischen Zwischenrufe zu dringen. Keinesfalls seien die Bezüge um 90 Prozent gestiegen, wiederholt Winkhaus, da zwei Vorstandsmitglieder ausgeschieden seien. Dies scheint ihm sehr am Herzen zu liegen. Als ob damit das Reizthema aus der Welt wäre. Um konkrete Zahlen windet er sich jedoch herum. Grund für die Steigerung der Bezüge sei das "qualitativ gute Jahr 2000". "Mit einem Ergebnis von fünf Milliarden Euro, aus dem auch die Dividende gezahlt wurde", schiebt er nach, um die Zwischenrufe zu übertönen.

Ein Handy klingelt. Es ist das Handy in Winkhaus' Jackettasche. Der Redner hält kurz inne. Vor Beginn der Hauptversammlung hat er als Versammlungsleiter noch darum gebeten, auf Vibrationsalarm umzustellen.

Auch nach dieser kleinen Panne bleibt der Aufsichtsratsvorsitzende unerschütterlich. Er bricht eine Lanze für den Top-Aufreger des Tages, den Aktienoptionsplan. "Wir dürfen nicht Gefahr laufen, bei den Top-Besetzungen nicht mehr konkurrieren zu können. Wir sind auch in Zukunft darauf angewiesen, dass wir die Besten der Besten bekommen."

Zynismus und Heiterkeit

16.30 Uhr: "Es ist schon spät", schimpft ein Aktionär am Rednerpult. Auch Vorstand und Aufsichtsrat "sollen sich jetzt kurz halten, sonst sitzen wir noch Mitternacht hier". Versammlungsleiter Winkhaus nimmt dankbar die Vorlage auf: "Wir haben noch 36 Redner auf der Liste." Ab sofort gilt eine Beschränkung der Redezeit auf zehn Minuten. Die folgenden Einzelaktionäre sind gezwungen, ihren Ärger mit kurzen pointierten Sätzen Luft zu machen.

Die Stimmung dreht in Richtung Zynismus und Heiterkeit. Einzelne Aktionäre halten selbstgemachte Bilder hoch, ein Anleger aus Düsseldorf zitiert aus einem Chat-Forum im Internet: "Die T-Aktie steigt erst wieder nach der Sommer-Zeit." Der Witz ist mittelwitzig, findet aber trotzdem Lacher. Ron Sommer scheint davon unberührt. Dass dies kein Spaziergang werden würde, war ihm schon vor Stunden klar.

17 Uhr: Privatanleger und Interessenvertreter geben jetzt den Ton an. Es scheint, als hätten die Vorstandsmitglieder mittlerweile einen unsichtbaren Panzer übergezogen. Sie lassen die Kritik abtropfen, widmen sich intensiv dem Aktenstudium, schauen ins Leere und nur noch ab und an zum Rednerpult herüber.

Dabei geht der Redner Klaus Bezikofer noch vergleichsweise sanft mit den Topmanagern um. "Niemand bezweifelt im Grundsatz den Sinn von UMTS und Voicestream", sagt er. Was ihn aber auf die Palme bringe, sei folgendes Problem: "Wir Kleinaktionäre haben viel Geld verloren. Und Sie sind nicht in der Lage, auf konkrete Fragen konkrete Antworten zu geben." Und er setzt noch einen drauf, wo er schon mal vorne steht: Werbetreiber Bayern München verkörpere nicht nur aberwitzige Spielergehälter. Der Verein genieße in Deutschland auch sehr wenig Sympathien. Dafür gibt's in Köln Applaus. Ein bisschen billig, der Schlussgag, kommt aber gut an.

17.15 Uhr: Henry Matthews, ein weiterer Einzelaktionär, fragt vom Rednerpult aus, wann sein längst eingereichter Fragenkatalog zur Gleichstellung von Frauen endlich beantwortet werde. Oder soll er seine Fragen hier und jetzt noch einmal vorlesen? Winkhaus bittet, dies jetzt nicht zu tun. Wenn Blicke töten könnten.

17.25 Uhr: Rechtsanwalt Klaus Rotter vertritt geschädigte T-Aktionäre, wie er selber sagt. Er kritisiert die Wertberichtigung auf das Immobilienvermögen. Damit seien die Anleger der dritten Tranche über die wirkliche Geschäftslage getauscht worden. Normalerweise nimmt Rotter Neue-Markt-Firmen aufs Korn. Doch auch diese Anwürfe können Sommer zu dieser Stunde nicht mehr erschüttern.

17.35 Uhr: Ron Sommer arbeitet nun Fragen ab. Er hat zurückgestellt auf die neutrale Tonlage der Eröffnungsrede. Ein neues Zahlengewitter prasselt auf die Aktionäre nieder. Keine Regung in der Stimme, jeder Satz druckreif und wie auf Knopfdruck herausgebracht. Wenn die im Saal es nicht verstehen wollen, muss er eben alles noch einmal erklären.

17.45 Uhr: Konzernlenker Sommer geht auf die Fragen von Fondsmanager Klaus Martini ein. Ob Unterinvestitionen die Umsatzchancen bedrohen würden. "Nein", bürstet der Telekom-Manager die Frage ab. Auch Sommer kann es kühl und knapp. "Einerseits fragen Sie: 'Herrscht genug Wachstum im Markt?'. Und andererseits wollen Sie wissen, ob wir genug tun, um den Wachstumschancen gerecht zu werden", schiebt er nach. Die Beiden haben sich auch schon mal besser verstanden.

18 Uhr: Aufsichtsratschef Winkhaus gibt bekannt, dass über die Entlastung des Aufsichtsrates einzeln abgestimmt werde. Das nötige Quorum für diesen Antrag wurde erreicht. Bis zur Abstimmung kann es allerdings noch dauern. Bis Mitternacht muss die Hauptversammlung allerdings beendet sein. Sonst muss die Deutsche Telekom neu einladen. Die diesjährige Hauptversammlung hat wie im Vorjahr rund zehn Millionen Euro gekostet.

18.20 Uhr: Ron Sommer hakt wieder Fragen ab. Etwa: "Haben Sie beim aktuellen Kursniveau schon einmal an Rücktritt gedacht?" "Nein", antwortet der Konzernchef.

18.30 Uhr: Die Herren vom Vorstand harren hinter ihren Pulten aus. Die eisgrauen Platten vor den Kabinen wirken wie Schutzschilde. Unnahbar, zwei Meter über den Köpfen der Aktionäre thronend. "Sie sitzen hier wie auf einer Festung", ruft ein älterer Anleger in Richtung Vorstandsbühne herüber. "Warum steht nicht eine einzige Blume hier im Saal? Das lässt einen doch frösteln." Der Mann hat Recht. Eisgrau ist die Grundfarbe, unterkühlt die Stimmung.

18.45 Uhr: Es kommt Bewegung in die Rednerliste: Einzelne Aktionäre, die Winkhaus aufruft, haben den Saal bereits verlassen. Das beschleunigt den weiteren Ablauf. "Ich höre immer nur Goodwill", ruft ein Anleger. "Goodwill wäre, wenn Sie unsere Fragen auch wirklich konkret beantworten würden."

Maria Diercks und Jürgen Schöpgens aus Mönchengladbach sind vom Ablauf der Versammlung enttäuscht. Diercks ist erschöpft von den vielen Zahlen, den endlosen Nachfragen und den Vorwürfen. "Sommer und seine Kollegen müssen sich annähern. Sie sind zu weit weg von uns Aktionären", sagt Schöpgens. Die Führung wirke abgeschottet. Nun wollen die beiden nach Hause: "So eine Veranstaltung kann man auch straffen." Die Entlastung der massiv kritisierten Vorstände sei doch schon in trockenen Tüchern - dem Bund als Mehrheitsaktionär sei Dank.

20.30 Uhr: Die Rednerliste ist geschlossen. Die Stimmkarten werden ausgezählt. Ron Sommer, seine Vorstandskollegen und die Mitglieder des Aufsichtsrates haben sich viel Kritik anhören müssen - dass der Gegenwind so heftig werden würde, damit hatten am Morgen nur wenige gerechnet. Doch die stoische Ruhe, mit der Vorstand und Aufsichtsrat insbesondere die Aktienoptionsprogramme verteidigt haben, brachte den Saal erst richtig in Wallung.

Ruhe bewahren konnten die Vorstände trotzdem, denn sie haben mit Bund und Kreditanstalt für Wiederaufbau einen geduldigen, treuen Großaktionär hinter sich. Die Entlastung nach rund zehn Stunden Vollversammlung ist daher nicht überraschend: Die Zustimmung lag sowohl beim Vorstand wie auch beim Aufsichtsrat bei rund 95 Prozent. Doch mit ruhigen Zeiten für die Deutsche Telekom ist es vorbei.

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