Telekom-HV "Das wird ein heißer Tanz"

Rekordtief, Rekordverlust, Rekordschulden – wenn am Dienstag in der Köln-Arena die Hauptversammlung der Deutschen Telekom beginnt, kann sich Vorstandschef Ron Sommer auf einen emotionalen Empfang gefasst machen. manager-magazin.de ist live dabei.

Hamburg/Köln - Aktionäre werden Telekom-Chef Ron Sommer viele Fragen stellen. Wenige Tage vor der Hauptversammlung ist die T-Aktie  auf ein Rekordtief von 11,76 Euro abgesackt. Seit dem Höchststand ist das ein Kursverlust von knapp 90 Prozent. Die Schulden sind mit 67 Milliarden Euro auf der Zinne, die Unsicherheit über UMTS ist groß, und schwarze Zahlen sind bis 2006 nicht in Sicht.

Rekordverlust in diesem Jahr

"Das wird ein heißer Tanz", sagte ein Telekom-Analyst am Montag mit Blick auf die Hauptversammlung. Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick hat die Besucher der Arena schon einmal eingestimmt. In diesem Jahr werde die Telekom mit voraussichtlich 5,5 Milliarden Euro ihren bislang höchsten Nettoverlust verbuchen. Die Abschreibungen für die US-Tochter Voicestream und UMTS lasten tonnenschwer: Sie betragen 2002 etwa 16 bis 17 Milliarden Euro, rund zwei Milliarden Euro mehr als im Vorjahr.

Bereits 2001 hatte die Deutsche Telekom einen Verlust von 3,5 Milliarden Euro verbucht. Tendenz steigend: Allein für das erste Quartal 2002 stehen 1,8 Milliarden Euro Miese in den Büchern. Die Telekom werde "inklusive 2004 keinen Überschuss erzielen", hat Eick eingestanden. Es sei denn, ein Börsengang von T-Mobile spüle zusätzlich Geld in die Kasse. Angesichts schrumpfender Gewinne im Festnetz, hoher Zinsen und immenser Abschreibungen werden Anleger wahrscheinlich erst im Jahr 2006 wieder schwarze Zahlen sehen.

Sommer: Telekom noch auf Kurs?

Telekom-Chef Ron Sommer spricht sich vor seinem schweren Gang nach Köln Mut zu. Die Deutsche Telekom sei heute nicht weniger wert als vor drei Jahren, als die Aktie mit mehr als 100 Euro notierte. "Ich hätte nie geglaubt, dass man die Telekom in so starker Position so billig kaufen kann. Die T-Aktie ist mit zwölf Euro ein Schnäppchen", sagt er. Damit kann Sommer vielleicht bei Anlegern punkten, die jetzt erst einsteigen – nicht aber bei denen, die ihn am Dienstag nach den Gründen des Kursrutsches fragen.

Altaktionäre vertröstet der Unternehmenschef mit lauen Aussagen. Erst bei einem Aktienkurs von 60 Euro werde er wieder ruhig schlafen. Er muss sehr, sehr müde sein. Für den dramatischen Kursverlust macht er den "Liebesentzug der Märkte" verantwortlich sowie die bösen Kommentare der Analysten: Erst hochgejubelt, jetzt niedergemacht, so sei die ungerechte Welt.

Zu Spekulationen über einen Rückzug sagte Sommer, er werde zurücktreten, wenn er der Meinung sei, das Unternehmen in die falsche Richtung geführt zu haben. Offenbar sieht er den Konzern jedoch auf dem richtigen Kurs: "Wir müssen auch in stürmischen Zeiten Kurs halten", betont Sommer. Stürmisch wird es für ihn in der Köln-Arena sicherlich, denn für Aktionäre dürften trotz dieser Gesundbeterei viele Fragen offen bleiben.

Dividende runter – Vorstandsbezüge hoch

Dividende runter – Vorstandsbezüge hoch

Um 40 Prozent hat der Konzern die Dividende gekürzt. Gleichzeitig steigen die Bezüge des achtköpfigen Vorstands um rund 90 Prozent auf 17,4 Millionen Euro – angesichts des drastischen Kursrutsches für viele Anleger ein Schlag ins Gesicht (siehe: "Die Raffgesellschaft").

Der Hamburger Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler Michael Adams hat die "astronomischen Aktienoptionen" für Manager des Bonner Konzerns kritisiert. Das für 2001 genehmigte Optionsprogramm könne den Vorstandsmitgliedern bei einer Laufzeit von zehn Jahren "einen dreistelligen Millionen-Betrag zuschanzen", sagte Adams. Den Aktionären bleibt die bange Frage, ob für das laufende Geschäftsjahr überhaupt noch eine Dividende gezahlt wird.

Wie kommt die Telekom von den Schulden runter?

67,3 Milliarden Euro sind eine kaum vorstellbare Zahl – und nur noch wenige Optimisten können sich vorstellen, dass die Deutsche Telekom diesen Schuldenberg wie versprochen bis Ende 2003 zumindest auf 50 Milliarden Euro drücken kann. Der Schuldenabbau stockt, da sowohl der Verkauf des Kabelnetzes an Liberty Media (geplante Einnahmen: rund fünf Milliarden Euro) geplatzt als auch der Börsengang der Mobilfunksparte T-Mobile (gewünschte Einnahmen: rund zehn Milliarden Euro) verschoben ist.

Der Konzern wartet auf bessere Börsenstimmung und neue Interessenten für das Kabelnetz – Experten bezweifeln, dass die angestrebten Erlöse tatsächlich zu erzielen sind. Die Rating-Agentur-Moody's hat die Deutsche Telekom herabgestuft, so dass die jährlichen Kreditkosten um rund 100 Millionen Euro auf 4,7 Milliarden Euro steigen.

Sinkende Umsätze bei der Cash-Cow

Dies wiegt umso schwerer, da die Cash-Cow der Deutschen Telekom, das traditionell starke Festnetzgeschäft, sinkende Umsätze meldet. Ab Dezember dürften die Umsätze in der T-Com-Sparte weiter nachgeben: Dann können sich Kunden auch bei Ortsgesprächen einen anderen Betreiber aussuchen – mit Hilfe einer Vorwahl, wie es bereits bei Ferngesprächen üblich ist. Im Gegensatz zum Kabelnetzverkauf, der am Einspruch der Kartellwächter gescheitert ist, hätte man diese Entwicklung einplanen können: Der Markt für Telekommunikation wird seit vier Jahren liberalisiert.

Wie alle Anleger im Telekomsektor trauen auch die T-Aktionäre den stolzen Wachstumsprognosen im Mobilfunk nicht mehr. Der Marktanteil des Hoffnungsträgers Voicestream in den USA liegt noch unter zehn Prozent. Sollte Voicestream auf dem US-Mobilfunkmarkt an den Rand gedrängt werden, wird es eng. Doch auf Voicestream und auf T-Mobile ruhen alle Hoffnungen des Konzerns (siehe: "Planung mit der T(ee)-Aktie)".

Heftiger Gegenwind erwartet

Heftiger Gegenwind erwartet

Alarmierend ist, dass die Zahl der Mobilfunkkunden in Deutschland im ersten Quartal leicht gesunken ist – sieben von zehn Deutschen haben bereits ein Handy. Die Zukunft des Konzerns wird sich daran entscheiden, ob mobiles Internet und der neue Mobilfunkstandard UMTS, der eine schnelle Übertragung von Daten und Bildern über Handy ermöglicht, die Nachfrage nach neuen Geräten und Dienstleistungen wieder deutlich steigern kann.

Aktionärsverbände wie die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) wollen dem Vorstand am an diesem Dienstag die Entlastung verweigern. Der Bund, der zusammen mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau zusammen 43 Prozent der Telekom-Anteile hält, stärkt Sommer zwar noch den Rücken, dürfte sich nach der Wahl im September aber mit dem Top-Manager erneut zusammensetzen.

Ron Sommers Vertrag läuft noch bis 2005. Er wird am Dienstag ein paar aufmunternde Worte bitter nötig haben: Die Schulden der Bonner seien zwar immens, doch im Verhältnis zum Eigenkapital stehe die Deutsche Telekom noch deutlich besser da als zum Beispiel France Télécom oder British Telecom, sagt zum Beispiel Ilona Hasselbring, Analystin der Berenberg Bank.

Die pessimistischen Ausblicke der Netzausrüster Ericsson und Nokia haben die Telekombranche mit nach unten gezogen, bedeuten aber auch, dass die großen Telefonkonzerne ihre Ausgaben verringern und mit Hilfe dieses Sparkurses künftig höhere Gewinne erzielen können (siehe: "Das 3G-Risiko"). Den Sparkurs haben die Aktionäre zunächst in Form der gekürzten Dividende zu spüren bekommen. Ob sie dies als Investition in die Zukunft sehen, wird sich am Dienstag zeigen.

Zum Live-Ticker: Hochbetrieb in der Arena

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