Wall-Street-Ausblick Rallye geht die Puste aus

Nach der Überraschungsrallye vergangene Woche sind die Börsianer an der Wall Street in guter Stimmung. Doch die Anleger haben ihre Skepsis noch nicht abgelegt. Dafür müssen sich noch einige Eckdaten und Regeln ändern - so wie wahrscheinlich diese Woche bei Merrill Lynch.

New York - Es war ein Hochgefühl wie nach der Cisco-Rally vor zwei Wochen - aber es hielt länger an. Fünf Tage in Folge stieg der Nasdaq Composite vergangene Woche. Am Ende hatte er 8,8 Prozent zugelegt. Das hatte es seit über einem Jahr nicht mehr gegeben. Auch der Dow Jones gewann über vier Prozent. Sind die Hundetage an der Wall Street endgültig vorbei?

Schön wär's, aber noch will niemand Entwarnung geben. Zwar sehen Beobachter die Indizes auf Grund der günstigen Konjunkturentwicklung langfristig im Aufwärtstrend, doch gleichzeitig verweisen sie darauf, dass Nasdaq und Dow Jones bei den jüngsten Mini-Rallys nie die Widerstandslinien bei 1800 bzw. 10.600 Punkten durchbrechen konnten.

Der nächste Dämpfer kommt bestimmt

Diese Woche, sagen Beobachter, wird es wahrscheinlich eine technische Gegenreaktion geben, einen Dämpfer auf die Euphorie. Viele Anleger werden ihre Gewinne realisieren, die Indizes dürften - wenn überhaupt - nur verhalten zulegen. Zum Ende der Woche hin könnte sich das Interesse an Aktien merklich verringern, denn dann beginnt das lange Memorial-Day-Wochenende, der inoffizielle Sommeranfang in den USA.

Zwar ist ein Stimmungsumschwung an der Wall Street bemerkbar, doch das allein dürfte kaum reichen, Dow und Nasdaq nachhaltig nach oben zu treiben. Es gibt einfach keinen Anlass zum Feiern. Während vergangene Woche Chipgigant Applied Materials gleich am Montag die Rallye lostrat, die dann von Wal-Mart und Dell am Leben gehalten wurde, sind diese Woche keine vergleichbaren Positivnachrichten zu erwarten. Die Quartalszahlensaison ist so gut wie vorbei, nur einige Einzelhändler melden noch Ergebnisse.

Neues von der Konjunktur

An der Konjunkturfront lässt die wichtigste Nachricht bis Donnerstagmorgen auf sich warten: Dann werden die Auftragseingänge für langlebige Güter im April bekannt gegeben. Die Zahl ist einer der Hauptindikatoren für das Investitionsverhalten der Unternehmen. Erwartet wird ein Zuwachs von 0,5 Prozent - besonders getrieben von den 33 Flugzeugbestellungen, die bei Boeing im April eingegangen sind. Trotz des positiven Trends drehen amerikanische Unternehmen weiterhin jeden Cent dreimal um, bevor sie ihn ausgeben.

Am Freitag wird die korrigierte Zahl des Wirtschaftswachstums im ersten Quartal veröffentlicht. Statt der bisher angenommenen 5,8 Prozent soll die Wirtschaft sogar um sechs Prozent gewachsen sein. Die hohe Zahl ist jedoch vor allem durch die Auffüllung der zuvor geplünderten Lager zustande gekommen. Zieht man den Lager-Effekt ab, bleiben zwischen zwei und drei Prozent "echtes" Wachstum.

Gliedert Merrill seine Analysten aus?

Mit Spannung wird diese Woche auch die Einigung zwischen dem New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer und der weltgrößten Investmentbank Merrill Lynch erwartet. Die beiden Seiten verhandeln über eine Reform der Analysten-Abteilung bei Merrill. Der Kompromiss dürfte wegweisenden Charakter für alle Wall-Street-Banken haben.

Spitzer sagte bei einem von der Zeitung "Crain's New York Business" veranstalteten Frühstück vergangenen Donnerstag, dass es "Bewegung" in den Verhandlungen gebe. Deshalb habe er die Frist für die Einigung um eine Woche verlängert. Merrill soll laut Berichten 100 Millionen Dollar Strafe zahlen. Außerdem will Spitzer eine wirksame Trennung von Investmentbankern und Analysten innerhalb der Bank durchsetzen.

Während Spitzer auch eine Ausgliederung der unprofitablen Analysten-Abteilung nicht ausschließen will, halten die Banken dies für undurchführbar. Merrill-Chef David Komansky gab allerdings vergangene Woche bei einer Goldman-Sachs-Konferenz zu, dass man die beiden Bereiche besser trennen könne.

Die Reform werde letztendlich ein Wettbewerbsvorteil für Merrill sein, prognostizierte Spitzer bei dem Frühstück. "Es wird ihre Berichte glaubwürdiger machen. Sie können sogar damit werben", sagte der Staatsanwalt.

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