Telekom Die schweren Zeiten des Ron Sommer

Die T-Aktie findet keinen Boden und durchrauscht eine Unterstützungslinie nach der anderen. Konzernchef Ron Sommer wachsen die Probleme langsam über den Kopf. Kritiker fordern seine Ablösung.

Hamburg - Man mag einfach nicht mehr hinsehen: Noch "mit Erleichterung" kommentierten am Montag einige Marktbeobachter zeitweilige Kursgewinne der T-Aktie , nachdem sie in der Woche zuvor rund 14 Prozent abgegeben hatte. Doch den Optimismus teilen die Märkte nicht und drücken das Papier immer tiefer in den Keller.

Am Dienstag rutschte die Aktie unter die Marke von 12,50 Euro. Mittlerweile beklagen selbst Privatinvestoren der ersten Stunde Verluste, die im November 1996 rund 28 Mark für die Volksaktie zahlten.

Sie tröstet es wenig, dass es der Konkurrenz derzeit kaum besser geht und Analysten den Ausverkauf der Telekoms für übertrieben halten. Vielmehr steigert sich Unmut zur Wut, und das zu Recht: Die T-Aktie durchkracht eine Unterstützungslinie nach der anderen.

Wie lange kann sich Ron Sommer noch halten?

Parallel wird bekannt, dass der Vorstand für seine Leistungen im vergangenen Jahr 90 Prozent mehr Bezüge kassiert. Manager genehmigen sich überdies einen Millionen-Aktienoptionsplan, die Dividende aber wird zusammengestrichen.

Telekomchef Ron Sommer wird diesen geballten Unmut am 28. Mai zu spüren bekommen. Aktionärsgemeinschaften wollen Aufsichtsrat und Vorstand nicht entlasten. Und auch große Fondsgesellschaften werden nach Informationen von manager-magazin.de den Vorstandschef in die Zange nehmen. Mit einem Bedauern zur Kursentwicklung und Durchhalteparolen von Ron Sommer werden sie sich diesmal nicht abfinden.

Scharfe Kritik von Fondsmanagern

"Der muss endlich weg", sagt ein Fondsmanger im vertraulichen Gespräch mit manager-magazin.de. Viel schlechter würde ein anderer diesen Job auch nicht machen. Öffentlich dürfe man solche Forderungen allerdings nicht stellen, zumal sich die Telekom im Umgang mit Geschäftspartnern nicht gerade zimperlich zeige.

Der entscheidende Impuls zu einer Entthronisierung Sommers müsste aus Berlin kommen. Die Bundesrepublik und die Kreditanstalt für Wiederaufbau halten zusammen 43 Prozent der Anteile. Auch wenn einige Politiker den Führungsstil des Vorstandschefs scharf kritisieren, gehen Marktbeobachter aber nicht davon aus, dass Berlin noch vor der Wahl den Stab über Sommer brechen wird. "Ich denke, der Staat wäre aber gut beraten, wenn er sich dieser Frage stellen würde", sagt der Fondsmanager. "Dann hätte auch Berlin was davon, nämlich einen starken Aktienkurs."

Unter großen Investmentbanken hat Ron Sommer ohnehin kaum noch Fürsprecher. Goldman Sachs, Merrill Lynch, Dresdner Kleinwort Wasserstein und Lehman Brothers haben der Telekom längst den Rücken zugedreht und die Aktie abgestuft. Mittlerweile halten einige Analysten Kurse unter zehn Euro nur noch für eine Frage der Zeit. Wann und wo das Papier seinen Boden sehen wird, darüber wagt kaum noch jemand eine Prognose.

Besorgter Blick in die USA

Optimisten wenden ein, die T-Aktie  sei mittlerweile auf ein Niveau gefallen, die eindeutig Kaufkurse signalisierten. Sollte der TMT-Sektor (Technologie, Medien, Telekom) nach oben drehen, sei die Telekom bei der Erholung auf jeden Fall ganz vorne dabei. "Aber den Aufschwung erwarten wir seit einem Jahr und bislang ist er nicht gekommen", erklärte ein frustrierter Händler in der vergangenen Woche. Letztlich hänge die Entwicklung wesentlich vom Aufschwung in den USA ab.

Hier allerdings wachsen die Zweifel an der viel zitierten Konjunkturwende. Das Double-Dip-Szenario rückt wieder in den Vordergrund. Demnach befürchten manche Experten, dass die Konjunktur einen W-förmigen Verlauf nehmen wird und einem kurzen Aufschwung zu Jahresbeginn ein zweiter Tiefpunkt folgen könnte.

Worldcom-Probleme drücken auf die Stimmung

Nicht zuletzt eine Rekordarbeitslosenquote für den Monat April hatte die Indizes auf Talfahrt geschickt. Die Wachstumsbörse Nasdaq markiert mittlerweile ein Niveau, dass sie erstmals im August 1997 erreicht hatte. Der Gesamtindex verlor seit Jahresbeginn rund 20 Prozent. Lediglich Branchenindizes für Telekom-Aktien notierten noch schlechter.

Eine Pleite des hochverschuldeten Telekomkonzerns Worldcom wird nicht mehr ausgeschlossen. Die Kurse langlaufender Worldcom-Anleihen haben sich in den vergangenen 14 Tagen halbiert. Um Anleihen des Konkurrenten AT&T war es noch schlechter bestellt. Neue Hiobsbotschaften aus der US-Telekombranche könnten nicht nur den gesamten Anleihemarkt aufwirbeln, sondern auch zu einer Massenflucht aus europäischen Telekomtiteln führen, sagen Marktbeobachter.

Angesichts des schwachen Marktumfeldes warnen Analysten davor, dass die geplante Anleihe der Deutschen Telekom sich zu einem Flop entwickeln könnte. Die Bonds mit einem Gesamtvolumen von fünf bis acht Milliarden Euro sollen die Liquidität der Telekom erhöhen.

Zwar sprach Vorstandschef Ron Sommer während der jüngsten Bilanzpressekonferenz von einem guten Start ins erste Quartal. Doch um die Telekom ist es nach einhelliger Meinung von Marktbeobachtern nicht gut bestellt. Kritiker werfen Ron Sommer zudem schwere strategische Fehler vor.

Wachstumswahn und Rekordschulden

Erstickt die Telekom an der Schuldenlast?

Der Wachstumswahn der vergangenen Jahre hat die Schulden der Telekom  auf das Rekordniveau von rund 67 Milliarden Euro steigen lassen. Keine Übernahme schien Ron Sommer zu teuer, keine Mobilfunklizenz zu kostspielig. Eine höchst kostspielige Expansionsstrategie: Allein im vergangenen Jahr musste die Telekom rund 4,4 Milliarden Euro an Zinsen zahlen.

Je stärker die Schulden steigen, desto schlechter fällt die Bewertung der Rating-Agenturen aus. Eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit wie sie im April Standard & Poors oder im Februar Moody's ausgesprochen hatten, treibt allerdings die Zinsen weiter in die Höhe.

Schuldenabbau verzögert sich

Die Telekom selbst hat unlängst ihr Ziel verworfen, die Schulden bis Jahresende auf 50 Milliarden Euro zu reduzieren. Der Konzern begründete dies mit dem geplatzten Verkauf des TV-Kabelnetzes an Liberty Media für 5,5 Milliarden Euro und dem schlechten Börsenumfeld, durch das sich der geplante Börsengang von T-Mobile verzögert.

Zwar sind nach Informationen von manager-magazin.de die Verhandlungen für den Verkauf des Kabelnetzes wieder aufgenommen worden, doch ein Abschluss steht noch in den Sternen. Gleiches gilt für einen möglichen Börsengang von T-Mobile. Insgesamt wollte die Telekom mit diesen Transaktionen 15 Milliarden Euro einspielen.

"Die kann Sommer sich jetzt abschminken. Diesen Preis wird er nie und nimmer mehr erzielen", sagt ein Kritiker im Gespräch mit manager-magazin.de. Sommer habe mit dem Börsengang viel zu lange gezögert und wäre aus strategischer Sicht mit einem etwas geringeren Emissionerlös viel besser gefahren.

UMTS: Ungedeckter Scheck auf die Zukunft

Der Aufbau neuer Breitbandfunknetze (UMTS) verschlingt Milliardensummen und verläuft schleppend. Experten rechnen frühestens in fünf Jahren mit einem Break-even. Dies wird Ron Sommer aber nur gelingen, wenn er die Umsätze durch neue Datendienste deutlich steigern kann. Noch ist allerdings völlig unklar, ob die schöne, neue und vor allem schnellere Datenwelt angenommen wird und sich die hohen Investitionen überhaupt lohnen.

Zweifelhafter Hoffnungsträger Mobilfunk

Nicht zuletzt hat die Telekom nach Ansicht von Experten einen viel zu hohen Preis für die UMTS-Lizenzen selbst bezahlt. In dem Bemühen einen Konkurrenten bei der Versteigerung aus dem Markt zu drängen, so die Kritiker, hatte der Konzern den Preis in die Höhe getrieben.

Allerdings wurden auch in anderen europäischen Ländern bei den Auktionen Rekordpreise für die Lizenzen gezahlt, die die beteiligten Konzerne nun ebenfalls mit enormen Schulden und Abschreibungen belasten. "Die Europäer haben sich hier gegenseitig hochgetrieben und dann ist die Entwicklung in die USA rübergeschwappt", sagte ein Marktkenner im Gespräch mit manager-magazin.de. "Die waren damals noch gar nicht so weit." Vor diesem Hintergrund habe die Telekom schließlich einen "viel zu hohen Preis" für Voicestream bezahlen müssen.

Segmente Mobilfunk und Festnetz unter Druck

Der Hoffnungsträger Mobilfunk stößt zusehends an seine Grenzen. Experten zweifeln, dass Kundenwachstum als auch Umsätze sich hier noch deutlich steigern lassen. Zugleich berichten viele ehemalige Monopolisten im traditionellen Festnetzgeschäft von rückläufigen Ergebnissen im ersten Quartal.

Seit der politisch gewollten Liberalisierung der Telefonmärkte sind zum Beispiel die Preise für Ferngespräche um bis zu 90 Prozent gefallen. Und auch beim Ortsnetz soll die letzte Bastion fallen, dürfen die Kunden ab 1.Dezember ihren Anbieter per Call-by-Call frei wählen.

Bislang dominiert die Telekom diesen Bereich mit einem Marktanteil von 97 Prozent. Steigende Umsätze im Bereich Festnetz könne die Telekom nur durch neue ISDN- und DSL-Anschlüsse erzielen, sagen Analysten: Doch hier sei der große Nachfrageschub erst einmal vorbei, seit das erforderliche Modem bei Vertragsabschluss nicht mehr gratis zu haben ist.


Hinweis in eigener Sache: manager-magazin.de wird am 28. Mai mit einem Live-Ticker ausführlich von der Hauptversammlung der Deutschen Telekom in Köln berichten.

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