Wall-Street-Ausblick Kein Wunder in Sicht

Nach einer katastrophalen Woche brauchen die Börsianer an der Wall Street dringend Erholung. Doch stattdessen lauern weitere Enttäuschungen. Und auch die US-Konjunktur verliert an Dampf.

New York – Nach so einer Woche kann es eigentlich nur aufwärts gehen. Der Dow Jones knallte am Freitag auf 9910 Punkte, ein Verlust von 3,4 Prozent. Der Nasdaq Composite verlor 7,4 Prozent. Es war die schlimmste Woche seit Ende September. Die Anleger verkauften alles, von AOL Time Warner über Microsoft  bis hin zu Worldcom.

Keine Frage, die Quartalszahlen waren schwach, aber diese Verkaufspanik kam doch ein bisschen überraschend. Schließlich war allseits bekannt, dass die Gewinne zum Heulen sind. So tief waren die Erwartungen gesenkt worden, dass 86 Prozent der beichtenden Firmen sie sogar übertrafen. Die Anleger müssen insgeheim auf ein Wunder gehofft haben. Und das ist nicht eingetroffen.

Der Tragödie zweiter Teil

Das Wunder wird auch diese Woche nicht kommen, wenn weitere 900 Unternehmen ihre Zahlen fürs erste Quartal vorlegen. Dennoch erwarten die meisten Börsianer, dass es an den Märkten leicht aufwärts geht. Einfach, weil das Pendel zu weit in eine Richtung ausgeschlagen ist. Jetzt soll es zurückschlagen. Allerdings wird es – wenn überhaupt - nur eine müde Reaktion, von einer Rallye träumt längst niemand mehr. Den weiteren Fall will allerdings auch niemand ausschließen. Matt Johnson, Nasdaq-Chefhändler von Lehman Brothers, unkt bereits, dass jetzt die Septembertiefs noch einmal getestet werden.

Erneut wird es eine Menge schlechter Nachrichten geben. Die Telekom-Katastrophe geht am Dienstag weiter mit Qwest Communications. Das Unternehmen hat alle Attribute einer Skandalfirma: Hohe Schulden, fragwürdige Bilanzen, Rating-Downgrades und eine SEC-Untersuchung am Hals. Analysten erwarten fürs erste Quartal einen Verlust von vier Cent pro Aktie – ein Einbruch von über hundert Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Noch mehr unkoschere Buchführung

Ebenfalls am Dienstag berichtet Dynegy, die Energiefirma aus Houston, die den Lokalrivalen Enron vor dem Bankrott beinahe noch gekauft hätte. Eine Gewinnwarnung hat das Unternehmen schon am Freitag abgegeben, ebenso ein Eingeständnis, dass die Buchführung nicht ganz koscher ist. Die Aktie fiel daraufhin um 22 Prozent. Obendrein droht die Rating-Agentur Moody’s auch noch mit einem Downgrade der vier Milliarden Dollar Schulden.

Falsche Bücher beschäftigen diese Woche auch ein Gericht in Phoenix, Arizona: Dort sitzt Wirtschaftsprüfer Andersen mal wieder auf der Anklagebank. Vor dem größten Unternehmensbankrott der Geschichte (Enron) war Andersen nämlich bereits in den größten Bankrott einer Non-Profit-Organisation verwickelt: Bei der Pleite der Baptist Foundation of Arizona vor drei Jahren verloren 11.000 Investoren, vor allem Senioren, rund 570 Millionen Dollar.

Die klagen jetzt auf Schadenersatz, nachdem eine außergerichtliche Einigung mit Andersen Anfang April gescheitert ist. Die Wirtschaftsprüfer lehnen jegliche Verantwortung für die betrügerischen Aktivitäten der Foundation ab. Eine Jury wird entscheiden.

Kleiner Lichtblick: Tourismus-Portale

Am Mittwoch berichtet mit Priceline.com einer der bekanntesten E-Commerce-Veteranen. Die Reise-Website, auf der man seinen eigenen Preis für Flüge, Hotels und Mietautos nennen kann, hat voraussichtlich einen kleinen Gewinn von zwei Cent pro Aktie erwirtschaftet. Vergangene Woche hatte bereits das Portal Expedia.com gezeigt, dass Reise-Websites die Tourismuskrise relativ unbeschadet überleben. Die Priceline-Aktie hat ihren Wert seit September verdreifacht – allerdings von einem bescheidenen Ausgangsniveau bei 1,80 Dollar.

Große Aufmerksamkeit gilt diese Woche den Konjunkturdaten. Alle wichtigen Daten für April werden schwächer ausfallen als im März, schätzen die Ökonomen. Nach dem rekordverdächtigen Wirtschaftswachstum im ersten Quartal (5,8 Prozent) kann es auch nur abwärts gehen.

Der Pessimismus regiert

Der Index des Verbrauchervertrauens, den das Conference Board am Dienstag veröffentlicht, ist voraussichtlich ebenso zurückgegangen wie der Einkaufsmanagerindex, der am Mittwoch bekannt gegeben wird. Letzterer wird aber immer noch deutlich über 50 liegen – die Produktion expandiert also weiterhin. Die wichtigste Zahl der Woche kommt erneut am Freitag: Die Arbeitslosenrate ist wahrscheinlich von 5,7 Prozent im März auf 5,8 Prozent im April gestiegen.

Börsianer hoffen, dass eine oder mehrere dieser Zahlen überraschend gut ausfallen – das könnte den Finanzmärkten Auftrieb geben. Doch nachdem selbst die Veröffentlichung des sensationellen Wirtschaftswachstums vergangenen Freitag den Fall nicht aufhalten konnte, scheint dies eher unwahrscheinlich. Im Moment regiert einfach der Pessimismus. Vielleicht liegt es daran, dass es in New York im Moment zu viel regnet.