Bayer "Werden uns zur Wehr setzen"

Das Debakel um den Cholesterinsenker Lipobay könnte Bayer noch teuer zu stehen kommen. 720 US-Sammelklagen liegen vor. Vorstandschef Manfred Schneider konnte auch am Montag dem Kursverfall der Aktie nur tatenlos zusehen.

Köln - Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer  hat im ersten Quartal 2002 operativ deutlich weniger verdient und sieht noch keine Signale für eine durchgreifende Erholung. "Der Start in das neue Jahr war enttäuschend, um das ganz unmissverständlich zu sagen", hatte der scheidende Vorstandsvorsitzende Manfred Schneider, am Freitag auf der Hauptversammlung erklärt.

Für das Gesamtjahr kündigte er wie bereits bei Bilanzvorlage im März eine deutliche Steigerung des Konzerngewinns an, wobei sich diese Erwartung vorrangig auf die geplante Veräußerung von Geschäften und Beteiligungen stützt. Die Aktie, die am Freitag mit Verlusten von 1,40 Prozent aus dem Handel gegegangen war, rutschte bis Montag Nachmittag weiter ab. Sie verbuchte ein Minus von 1,83 Prozent auf 36,40 Euro.

Eine zuverlässige Prognose sei erst in den nächsten Wochen möglich. Im März hatte noch Schneider versprochen, bei der Hauptversammlung einen präzisierten Ausblick vorzulegen. Im fortzuführenden Geschäft lag Bayer im ersten Quartal beim Umsatz mit 6,957 (7,235) Milliarden Euro ebenso wie beim operativen Ergebnis vor Sonderposten mit 493 (912) Millionen Euro nur leicht unter den Erwartungen der Erwartungen von Analysten. Nach Sonderposten lag das operative Ergebnis mit 821 (824) Millionen Euro jedoch deutlich darüber.

Chemie-Analyst Dennis Nacken von der Helaba Trust in Frankfurt zeigte sich von den Bayer-Quartalszahlen "leicht enttäuscht". Insbesondere beim operativen Ergebnis in der Gesundheitssparte sei eine bessere Entwicklung erwartet worden. "Wir haben eine Margenverbesserung im Vergleich zum vierten Quartal erwartet", sagte Nacken. Offenbar sei die Entwicklung aber rückläufig. Auch Tony Cox, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein in London zeigte sich von der Entwicklung insbesondere bei Agrochemie und Gesundheit enttäuscht.

Lipobay: 100.000 US-Bürger klagen

Lipobay: 100.000 US-Bürger klagen

Bayer muss sich mittlerweile gegen etwa 720 Klagen im Zusammenhang mit dem im August 2001 vom Markt genommenen Cholesterinsenker Lipobay/Baycol zur Wehr setzen. Davon seien rund 700 Klagen in den USA eingreicht worden, sagte der scheidende Vorstandchef des Konzerns, Manfred Schneider, am Freitag während der Hauptversammlung. "Wir werden uns in den Verfahren vehement und auf guter Grundlage zur Wehr setzen", kündigte Schneider an.

"Rückstellungen für Prozessrisiken nicht nötig"

Schneider wies die Forderung der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) erneut zurück, für die Prozessrisiken Rückstellungen zu bilden. Bayer sei gegen derartige Produktrisiken in einem branchenüblichen Umfang versichert, weshalb Rückstellungen etwa für Vergleichszahlungen nicht nötig seien.

Bayer hatte den Blockbuster Lipobay wegen Nebenwirkungen vom Markt zurückgezogen. Bei gleichzeitiger Gabe des Wirkstoffs Gemfibrozil, vor der in den Beipackzetteln gewarnt worden war, war es zu etwa 100 Todesfällen gekommen. Das Unternehmen war daraufhin von Angehörigen und weiteren Opfern verklagt worden.

Der US-Anwalt Daniel Becnel, der nach eigenen Angaben rund 8000 Kläger in den USA vertritt, bezifferte die Gesamtzahl der US-Kläger am Rande der Hauptversammlung auf mehr als 100.000. Die meisten davon hätten sich so genannten Sammelklagen angeschlossen.

Schneider verteidigt Informationspolitik

Schneider wies die Forderung Becnels zurück, unverzüglich Verhandlungen mit den Anwälten der Lipobay-Geschädigten aufzunehmen, um über außergerichtliche Schadenersatzzahlungen zu verhandeln. Da es sich um ein schwebendes Verfahren handele, wolle er sich zu dieser Frage auch nicht weiter äußern, so Schneider. Der Vorstandsvorsitzende wehrte sich zudem gegen Vorwürfe von Aktionärsschützerinnen, eine unzureichende Informationspolitik im Zusammenhang mit Lipobay betrieben zu haben.

Selbst das Bundesgesundheitsministerium habe seine Behauptung, Bayer habe die Behörden nicht rechtzeitig informiert, inzwischen zurückgezogen und sich schriftlich für diese öffentlich geäußerten Vorwürfe entschuldigt.

Konzern tritt auf die Kostenbremse

Konzern tritt auf die Kostenbremse

Schneider kündigte eine konsequente Fortsetzung des Programms zur Kostensenkung an, mit dem Bayer bis 2005 Ausgaben im Volumen von zwei Milliarden Euro sparen wolle. Bislang hatte er das Ziel mit 1,8 Milliarden Euro angegeben. Die für 2002 geplanten Einsparungen von 500 Millionen Euro würden überwiegend erst im zweiten Halbjahr realisiert. Das wirtschaftliche Umfeld sei nach wie vor schwierig, klagte der Vorstandsvorsitzende. Schneider wird nach dem Ende der Hauptversammlung von Finanzvorstand Werner Wenning abgelöst und will den Vorsitz des Aufsichtsrats übernehmen.

In allen vier Arbeitsgebieten verbuchte Bayer im ersten Quartal zum Teil deutliche Ergebniseinbußen. Mit Ausnahme der Landwirtschaft (CropScience) war auch der Umsatz in allen Sparten rückläufig. Bei Gesundheit hätten der Turnaround der biologischen Produkte sowie der Aufschwung bei Diagnostika die Schwächen im Pharmageschäft nicht ausgeglichen, führte Schneider aus. Im Vorjahr seien zudem hohe Umsatz- und Ergebnisbeiträge des im August vom Markt genommenen Cholesterinsenkers Lipobay enthalten gewesen. Im Gesamtjahr werde das Ergebnis in der Gesundheit durch weitere Maßnahmen im Pharmabereich und den Aufwand für die Markteinführung des neuen Potenzmittels Vardenafil belastet.

Bereich Polymere fiel um 60 Prozent

Den empfindlichsten Einbruch verbuchte Bayer jedoch bei den Polymeren: Hier sank das operative Ergebnis vor Sonderposten um 60 Prozent auf 92 (230) Millionen Euro. Auch die Chemie schnitt mit 77 (132) Millionen Euro erheblich schlechter ab als im Vorjahr. In beiden Bereichen sei mit keiner durchgreifenden Verbesserung des Industriegeschäfts zu rechnen, zumal die Rohstoffpreise wieder anzögen, sagte Schneider. Auch die eingeleiteten Kostenstrukturprogramme könnten den anhaltenden Margendruck nicht vollständig ausgleichen.

Selbst in der Landwirtschaft, die 2001 noch mit einem zwölfprozentigen Ergebniszuwachs geglänzt hatte, ging das Ergebnis im ersten Quartal auf 144 (213) Millionen Euro zurück. Im Gesamtjahr sei hier mit einem moderaten Umsatzplus zu rechnen, allerdings werde sich der Integrationsaufwand für Aventis CropScience auf das Ergebnis auswirken, sagte Schneider. Mittelfristig strebe Bayer hier einen Umsatz von mehr als sieben Milliarden Euro und eine operative Rendite von 20 Prozent an. Ursprünglich hatte die Umsatzprognose bei acht Milliarden Euro gelegen, allerdings muss Bayer rund 600 Millionen Euro Umsatz abgeben, um die Auflagen der EU-Wettbewerbsbehörde zu erfüllen.

Partner im Pharma- und Chemiegeschäft gesucht

Die Suche nach einem strategischen Partner für das Pharmageschäft bleibe auf der Tagesordnung, sagte Schneider. Auch das Chemiegeschäft solle durch strategische Partnerschaften gestärkt werden, um dauerhaft mit den führenden Spezialunternehmen mithalten zu können.

Neue Konzernstruktur steht zur Abstimmung

Schneider warb für neue Konzernstruktur

Die Bayer AG  erhält nun offiziell ab 2003 eine neue Konzernstruktur. Mit großer Mehrheit billigten die Aktionäre den Vorschlag des Vorstands, nach dem das Unternehmen offiziell ab 2003 in vier operative Teilkonzerne und drei Servicegesellschaften aufgeteilt wird. Der Holdingvorstand mit Werner Wenning an der Spitze soll unter anderem für strategische Fragen, Portfoliomanagement sowie Auswahl und Entwicklung der obersten Führungskräfte verantwortlich bleiben.

Mit den bestehenden Strukturen sei Bayer an ihre Grenzen gestoßen, sagte Schneider, der sich noch vor einem Jahr gegen entsprechende Änderungen zur Wehr gesetzt hatte. Bayer wolle ihre Kerngeschäfte nun ebenso fokussiert, flexibel und transparent organisieren wie ihre führenden Konkurrenten.

Werner Wenning: Vom Lehrling zum Konzernchef

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