Phenomedia Moorhuhn unter Feuer

Ein neuer Fall Comroad? Der Aufsichtsrat der AG hat CEO Scheer und Finanzvorstand Denhard wegen möglicher Fälschungen gefeuert und eine Sonderprüfung veranlasst. Prüfen will auch das BAWe - wegen aktueller Indizien für Insiderhandel.

Frankfurt – Nach Comroad  bahnt sich am Neuen Markt offenbar ein weiterer Skandal an. Bei dem Moorhuhn-Erfinder, der Phenomedia AG  aus Bochum, bestehen Anhaltspunkte dafür, dass der Quartalsbericht der Gesellschaft zum 30. September 2001 sowie der Entwurf des Jahresabschlusses 2001 unrichtig sind. Dies teilte die AG am Dienstag in einer Pflichtmitteilung mit.

Auf dem Frankfurter Parkett stürzte die Aktie des Unternehmens zeitweise um mehr als 65 Prozent auf ein Rekordtief von 0,85 Euro. Nach der Wiederaufnahme des Handels auf dem elektronischen Handelssystem Xetra notierten die Papiere bei rund einem Euro noch 55 Prozent im Minus. Die Indizes des Neuen Marktes tendierten mit einem Plus von jeweils einem Prozent indes freundlich.

Die Wertpapieraufsicht ermittelt

Die offenbar falschen Quartalsabschlüsse haben indes das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe) auf den Plan gerufen. "Wir werden eine Analyse starten und das Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen", sagte ein Sprecherin am Dienstag. Auf den ersten Blick sei der Kursverlauf der vergangenen Tage "sehr auffällig".

Hintergrund: Die Aktie hatte in den vergangenen acht Wochen rund 93 Prozent an Wert verloren, ohne dass es dafür nachvollziehbare Gründe gegeben hätte. Sollte die Prüfung positiv ausfallen, werde das BAWe eine förmliche Untersuchung wegen möglichen Insiderhandels einleiten, sagte die Sprecherin. Dies könne aber noch einige Wochen dauern.

Die jüngste Entwicklung hat auch personelle Konsequenzen im Vorstand: Der Aufsichtsrat hat die Bestellung von Vorstands-Chef Markus Scheer und Finanzvorstand Björn Denhard mit sofortiger Wirkung widerrufen. Die Geschäfte führt bis auf weiteres der zweiköpfige Restvorstand mit Jürgen Goeldner und Holger Müller weiter.

Markus Scheer war nicht nur Vorstandsvorsitzender, sondern auch Großaktionär des Unternehmens. Laut Statistik der Deutschen Börse hatte er vor dem IPO einen Anteil von 5,45 an der Phenomedia AG. Nach aktuellen Angaben ist diese Beteiligung mittlerweile deutlich dezimiert.

Ende letzten Jahres hatte der Vorstandschef zwei "Bestandsminderungen" gemeldet: Am 5. Dezember 2001 trennte er sich von 38.500 Aktien im Wert von 548.625 Euro und begründete dies mit einer "Wertpapierleihe im Rahmen der geplanten Kapitalerhöhung".

Am 19. Dezember 2001 folgte eine Abgabe von 174.286 Anteilen im Wert von 1.864.860 Euro. "Die Übertragung", so der Kommentar des Unternehmens, "erfolgte aus steuerlichen Gründen in die 'Markus Scheer Vermögensverwaltungs GmbH', in der Herr Scheer alleiniger Gesellschafter ist."

Analyst: "Schreckliche Vorgänge"

Nun wollen der verbleibende Vorstand und der Aufsichtsrat unverzüglich eine Sonderprüfung in Auftrag geben. Diese wird sich nach Angaben des Unternehmens "vorsorglich" auch auf weiter zurückliegende Rechnungsperioden erstrecken.

Aufsichtsrat Jörg Penner wollte am Dienstag keine weitere Stellungnahme zu den Vorkommnissen abgegeben. "Wir werden noch heute eine Sonderprüfung der fraglichen Zeiträume in Auftrag geben", sagte Penner.

Noch am 27. März hatte Phenomedia  - in dem nun angezweifelten Bericht - eine Umsatzsteigerung von 58 Prozent auf 25,8 Millionen Euro für das zurückliegende Geschäftsjahr gemeldet. Das Ergebnis vor Steuern sei mit 1,6 Millionen Euro (Vorjahr: 6,2 Mio Euro) hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Den gefallenen Gewinn hatte der Vorstand der Aktiengesellschaft unter anderem mit Zahlungsausfällen nach Insolvenzen zweier Kunden begründet. "Einige Millionen Euro" habe Phenomedia dadurch "verschenkt", dass einige Produkte nicht bis zur Marktreife weiter entwickelt worden seien.

Mit dem neuen Spiel "Sven das Schaf" befinde sich das Unternehmen aber wieder auf Erfolgskurs. Phenomedia war Ende der neunziger Jahre durch das Computerspiel "Moorhuhnjagd" bekannt geworden.

Der bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre für den Neuen Markt zuständige Experte Markus Straub sagte der Nachrichtenagentur Reuters, offensichtlich liege "kein technisches Problem bei Phenomedia vor - das geht eher in Richtung Comroad". Der Münchner Telematikanbieter hatte offenbar nicht existierende Geschäfte verbucht und dadurch fast den kompletten Umsatz für 2001 nur vorgetäuscht.

Der beim Bankhaus Lampe für Phenomedia zuständige Analyst, Christoph Schlienkamp, nannte die Vorgänge um Phenomedia "schrecklich". "Der Neue Markt ist um einen Skandalfall reicher", sagte er. "Wir stufen die Aktie herunter von 'Marktperformer' auf 'Verkaufen'", kündigte er an.

Der Kurs der Phenomedia-Aktie sei bereits seit einiger Zeit gesunken; daher habe er seit Tagen habe er versucht, eine Stellungnahme von Phenomedia zu erhalten - allerdings vergeblich.

"Bei so einem starken Kursverfall muss etwas im Busch sein", fügte er hinzu. Phenomedia habe Ende März einen vorläufigen Abschluss vorgelegt, der "noch nicht testiert war".

Diverse Ungereimtheiten

Bereits am Vortag war in Analystenkreisen der Vorwurf laut geworden, das Unternehmen habe offenbar in der vergangenen Woche 20 Mitarbeiter aus allen Bereichen entlassen, ohne dies zu publizieren. Die vorliegende Bilanz enthalte weder eine Kapitalflussrechnung noch einen Anhang, der die kurz- und langfristigen Schuldenpositionen kommentiere, was den Wahrheitsgehalt in Frage stelle.

Dazu komme ein Gerücht, dass ein Altaktionär seine Bestände verkaufe. Für Anfragen sei das Unternehmen bereits seit Tagen nicht mehr erreichbar, was zu massiver Unsicherheit am Markt geführt habe. "Der nächste Schritt ist nun voraussichtlich die Insolvenz", sagte ein Analyst am Dienstag.

Phenomedia  arbeite mit mehreren unabhängigen Entwickler-Unternehmen zusammen, darunter auch die Mühlheimer Funatics GmbH. Er gehe davon aus, dass die finanzielle Verpflichtung von Phenomedia gegenüber ihren Töchtern insgesamt drei bis vier Millionen Euro betrage. "Das ist ein Teufelskreis: Wird eine Tochter insolvent, hat die Mutter Nachschusspflicht und bekommt dadurch ebenfalls Probleme."

Die laut dem Analysten von Phenomedia beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG treffe in diesem Fall aber möglicherweise "keine so große Schuld" wie bei Comroad . Er gehe davon aus, dass das Unternehmen den Prüfern die Nachschusspflicht gegenüber seinen Tochtergesellschaften vorenthalten habe.

KPMG selbst teilte am Dienstag mit, man habe bislang keinen Bestätigungsvermerk für den Jahresabschluss 2001 der Phenomedia AG erteilt. Grund sei unter anderem, dass das Unternehmen trotz mehrmaliger intensiver Aufforderung noch offene Nachweise für angeblich ausstehende Forderungen bis heute nicht vorgelegt habe. An der Erstellung oder Überprüfung der Quartalsabschlüsse zum 30. Juni 2001 und 30. September 2001 sei die KPMG in keiner Weise beteiligt gewesen.

Die Aktie von Phenomedia war am 22. November 1999 mit einem Ausgabepreis von 22,50 Euro am Neuen Markt platziert worden. Das Konsortium bestand aus Delbrück & Co. Privatbankiers, Dresdner Bank AG, net.IPO AG, Westdeutsche Genossenschafts-Zentrale eG und der Gontard & Metallbank, die auch als Konsortialführer auftrat.

Unter dem Stichwort "Bevorzugte Zuteilung" ist auf der offiziellen Informationsseite der Deutschen Börse vermerkt: "100.000 Aktien für Geschäftsfreunde, 250.000 Aktien an die Aktionäre der Gold-Zack AG."