Analysten Der Mafia-Jäger

Jetzt wird es ernst für die ehemaligen Stars der Wall Street. Mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer tritt ein Gegner auf den Plan, der schon US-Legende Jack Welch und die Mafia gejagt hat.

New York - Eine bezeichnende Anekdote über Eliot Spitzer geht zurück zum Anfang der achtziger Jahre. Aus einer Laune heraus entschieden damals der Harvard-Student und zwei Kommilitonen, am bevor stehenden New Yorker Marathon teilzunehmen. Die Gelegenheits-Jogger hatten nur knapp zwei Monate zum Trainieren. Die beiden Kommilitonen gaben den Versuch daher schnell auf. Doch Spitzer trat an - und hielt durch.

Inzwischen ist Spitzer 42 und seit gut drei Jahren New Yorker Generalstaatsanwalt. Seine Mentalität hat sich nicht geändert: Wen er einmal ins Visier genommen hat, lässt er nicht mehr los, bis er ein akzeptables Resultat erreicht hat. Das hat die berüchtigte New Yorker Gambino-Familie ebenso zu spüren bekommen wie die Musterfirma General Electric, die Spitzer 1999 wegen der Verschmutzung des Hudson River anklagte.

"Spitzer fürchtet sich vor niemandem", sagte ein langjähriger Freund zur Zeitung "USA Today". Aber im Gegenzug fürchten alle den demokratischen Chef-Ankläger. Denn der in Princeton und Harvard ausgebildete Staatsanwalt hat in seiner kurzen Amtszeit bereits etliche Branchen erfolgreich attackiert. So zwang er New Yorker Supermarktketten per Gericht dazu, mehrere hunderttausend Dollar an ausstehenden Löhnen an ihre illegalen mexikanischen Laufburschen zu zahlen.

Der Internet-Porno-Industrie entrang er 30 Millionen Dollar an Schadensersatz für Kreditkartenbetrug. Und die Pistolenhersteller Smith and Wesson und Colt's Manufacturing mussten auf sein Betreiben hin zusätzliche Sicherungen in ihre Waffen einbauen.

Nun hat sich der Sohn aus privilegiertem Hause (sein Vater ist ein schwerreicher Immobilien-Mogul) eine weitere mächtige Industrie vorgenommen: Die Wall Street. Nach zehn Monaten Untersuchung veröffentlichte er vergangene Woche die bisher stärksten Beweise dafür, dass große Investmentbanken während des Internetbooms die Anleger schamlos betrogen haben. Merrill Lynch bettelt bereits um Gnade, die Konkurrenz ist alarmiert.

400.000 Dollar von Merrill Lynch

Kritiker werfen Spitzer Opportunismus vor, weil er es versteht, sich an die Spitze populärer Bewegungen zu setzen und dann den Ruhm einzuheimsen. Die Analystenjagd etwa hat bereits vor einem Jahr mit einer Untersuchung der Börsenaufsicht SEC gegen Credit Suisse First Boston begonnen. Auch zahlreiche Privatklagen laufen gegen die Investmentbanken. Merrill Lynch hat im vergangenen Herbst sogar bereits 400.000 Dollar gezahlt.

Von der Hand zu weisen ist der Opportunismus-Vorwurf nicht: Denn anders als in Deutschland ist der Generalstaatsanwalt in Amerika kein Justizbeamter, sondern ein Politiker, der alle vier Jahre gewählt wird. Spitzer muss sich im November zur Wahl stellen. Und Millionen von Amerikanern, die beim Nasdaq-Crash ihre Ersparnisse verloren haben, fordern einen Sündenbock.

Vom politischen Standpunkt her ist die Analystenjagd jedoch zumindest zwiespältig: So populär sie bei den Wählern ist - Spitzers Wahlkampfspenden-Konto dürfte von der Attacke auf die New Yorker Geldsäcke nicht gerade profitieren. Auf das Geld angewiesen ist Spitzer allerdings nicht: Seine bisherigen Wahlkämpfe hat er auch zu großen Teilen aus dem Familienvermögen bezahlt.

Spitzer gilt als Demokrat mit höheren Ambitionen. Er wird als Anwärter für den Gouverneursposten gehandelt. Bisher strebt er allerdings offiziell nur eine zweite Amtsperiode als Generalstaatsanwalt an. Die Wiederwahl scheint sicher.

Spitzers Fans sehen seine wahren Beweggründe jedoch in seiner Berufsbeschreibung. Die ist eindeutig: "Der Generalstaatsanwalt beschützt und verteidigt die Bürger von New York", heißt es auf der offiziellen Website. Anders als in Deutschland ist der Generalstaatsanwalt nicht nur der oberste Ankläger des Staates, sondern - mindestens ebenso wichtig - der "Public Advocate", also der Anwalt des kleinen Mannes. Diese Rolle füllt Spitzer laut Freunden leidenschaftlich aus.

Der "AG", kurz für "Attorney General", darf sich in so ziemlich alles einmischen, was ihm wichtig erscheint: Kinderpornografie, Immobiliendeals, Mega-Fusionen, Lebensmittelvergiftung und - Aktienbetrug. Das "Martin Law" erlaubt es ihm, "im Namen der Anleger tätig zu werden". Wenn die "AG"-Maschinerie erstmal in Gang kommt, müssen sich die Gegner warm anziehen: Spitzer gebietet über ein Heer aus 500 Staatsanwälten und 1800 weiteren Angestellten.

Der gebürtige New Yorker liebt es, Gesetze aggressiv auszulegen. Wenn er jemandem an den Kragen will, sucht er nach neuen Wegen, die schnelleren Erfolg versprechen. So hat er General Electric im Fall des Hudson Rivers nicht - wie es nahe liegt - für die Umweltverschmutzung angeklagt, sondern für die Millioneneinbußen der lokalen Wirtschaft.

Im Fall der Wall-Street-Banken hat er allerdings die klassische Route gewählt. Der Vorwurf ist der alte: Die "chinesischen Mauern", die angeblich Analysten und Investmentbanker innerhalb einer Bank trennen, sind durchlässig bis nicht-existent.

Spitzer betreibt "Big Stick"-Diplomatie

Nachdem Merrill Lynch sich vor wenigen Monaten nicht auf einen Deal mit ihm hatte einlassen wollen, veröffentlichte Spitzer vergangene Woche kurzerhand die aussagekräftigen E-Mails des Internet-Analysten Henry Blodget. Für die Investmentbank ein PR-Desaster - ihr Aktienkurs sackte über zehn Prozent.

Jetzt wollen die Banker plötzlich verhandeln - warum, ist klar: Die Parallelen zum Andersen-Fall liegen auf der Hand. Die Anklage des US-Justizministeriums wurde zum Todesurteil für die Wirtschaftsprüfer. So weit will Merrill Lynch es gar nicht erst kommen lassen. Eine außergerichtliche Einigung mit dem Analysten-Jäger dürfte allerdings teuer werden: Beobachter erwarten, dass Spitzer unter 100 Millionen Dollar und einem Schuldeingeständnis nicht mit sich reden lässt. Auch andere Banken sind noch nicht aus der Bredouille.

Wie in der Vergangenheit betreibt Spitzer "Big Stick"-Diplomatie: Er winkt so lange mit seinem großen Knüppel, bis das Resultat stimmt. Auf der anderen Seite muss er zusehen, dass er den Bogen nicht überspannt und er am Ende wie das Justizministerium als übereifriger Bilderstürmer kritisiert wird. Das konservative "Wall Street Journal" kommentierte seinen aufklärerischen Idealismus bereits voller Abscheu: "Wenn er die wilderen und unterhaltsameren Exzesse des Kapitalismus unterbinden will, kann er ihn auch gleich ganz verbieten."

Merrill Lynch: Das Doppelspiel der Analysten

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