Comroad-Prüfer Wer Mängel aufdeckt, risikiert viel Geld

Die Wirtschaftsprüfung ist noch zu retten, meint Dr. Bernd Rödl, Chef der Prüfungsgesellschaft Rödl & Partner. Dafür müssen aber Verhaltensregeln Pflicht werden, die derzeit im Sumpf der Interessenkonflikte keine Chance haben: Dazu gehören der direkte Draht des Prüfers zum Aufsichtsrat, der Auftritt vor den Aktionären sowie die gemeinsame Prüfung durch zwei Gesellschaften.

mm.de:

Sie fordern, dass börsennotierte Aktiengesellschaften künftig parallel von zwei unabhängigen Prüfungsgesellschaften geprüft werden müssen, die gemeinsam für einen fest vereinbarten Zeitraum von etwa sechs Jahren arbeiten. Kann dies die Krise der Wirtschaftsprüfung lösen?

Rödl: Wir würden die meisten Probleme bewältigen, wenn wir das Joint Audit in Deutschland gesetzlich verankern. Es ist nichts anderes als die Festlegung auf das Vier-Augen-Prinzip: Wir verlangen von jedem Kassenwart eines Vereins, dass er seinen Bericht von einer weiteren Person überprüfen lässt. Bei global agierenden Unternehmen, die Milliarden bewegen, soll dieses Vier-Augen-Prinzip nicht gelten.

mm.de: Gegner des Joint Audit argumentieren, dieser Weg wäre zu teuer, und ein Unternehmen sei auf das Hintergrundwissen eines eingearbeiteten, langjährigen Prüfers angewiesen.

Rödl: Das Kostenargument ist Quatsch. Die Kosten würden maximal um zehn Prozent steigen, da es eine Prüfungsplanung gibt und sich die beiden beauftragten Unternehmen in ihren einzelnen Prüffeldern zum Beispiel jährlich abwechseln könnten. Bei Unstimmigkeiten oder Verdachtsmomenten müssen dann eben beide ran. Im Vergleich mit dem enormen Schaden, den die Bilanzskandale verursachen, scheinen mir diese Mehrkosten vertretbar. In Frankreich funktioniert das Joint Audit übrigens sehr gut.

mm.de: Ein Prüfer, der als allzu kritisch gilt, macht sich schnell bei seinen Kunden unbeliebt.

Rödl: Entscheidend ist, dass ein längerer Zeitraum von zum Beispiel fünf oder sechs Jahren für beide Prüfer vorab vereinbart wird. Dann müssen sich die Prüfungsgesellschaften auch keine Sorgen mehr machen, dass sie bei eventuell kritischen Tönen im Bericht im kommenden Jahr nicht mehr vom Unternehmen beauftragt werden.

Das Schweigen der Prüfer

mm.de: Im Fall Comroad weist der Prüfer KPMG auf seine Verschwiegenheitspflicht hin. Kritiker meinen, zumindest der Aufsichtsrat hätte schon viel früher über mögliche Bilanztricks informiert werden müssen.

Rödl: Deshalb müssen die Wirtschaftsprüfer enger mit Aufsichtsrat zusammenarbeiten. Weiterhin sollte sich der Prüfer während der Hauptversammlung den Fragen der Aktionären stellen können. Dies ist auch jetzt keineswegs verboten: Die gewünschte Machtbalance zwischen Vorstand, Aufsichtsrat und Prüfer wird aber gegenwärtig nicht ausreichend praktiziert.

mm.de: Was ist denn die Regel?

Rödl: In der Praxis läuft es häufig so, dass der Prüfer seinen internen Management Letter an den Vorstand gibt. Der Management Letter sollte aber gleichzeitig an Aufsichtsrat und Vorstand gehen.

Insgesamt muss der Aufsichtsrat den Wirtschaftsprüfer intensiver und direkt fordern und ihn in seine Überwachungspflichten einbinden: Dies funktioniert natürlich nur, wenn es ein starkes Kontrollgremium und kein Plauder-Aufsichtsrat ist, der obendrein mit Vertrauten des Vorstands oder mit Personen besetzt ist, die Eigeninteressen gegenüber der Gesellschaft vertreten. Und bei einer Hauptversammlung sollten die Prüfer nicht nur als stille Beobachter dabeisitzen: Sie müssen Rede und Antwort stehen und auch mal Tacheles reden können, wenn sie von kritischen Aktionären gefragt werden.

mm.de: In Deutschland gibt es immerhin schon den Peer Review, die Qualitätskontrolle durch einen zweiten Prüfer.

Rödl: Ein Peer Review ist richtig und sinnvoll, reicht aber nicht aus. Wenn der zweite Prüfer Defizite aufdeckt, ist das Kind häufig schon in den Brunnen gefallen. Ein Joint Audit ist eine wichtige Ergänzung, weil er nicht rückblickend, sondern eine Front-Lösung mit zwei parallel arbeitenden Prüfern ist.

Stikte Trennung "nicht zu verkraften"

mm.de: Wichtiger als eine parallele Prüfung scheint vielen die strikte Trennung von Prüfung und Beratung. Ist ein radikaler Schnitt nach dem Motto "wer prüft, darf nicht gleichzeitig beraten" notwendig?

Rödl: Das wäre ein Schnitt, den die europäische Wirtschaftsprüfungs-Kultur nicht verkraften würde. Er ist auch nicht notwendig: Felder wie Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung eines Unternehmens gehören meiner Ansicht nach zusammen.

Statt dessen muss man fragen, um welche Beratungsfelder es sich im Einzelnen handelt, und ob sie einer Prüfung entgegenstehen. Dass wie im Fall Enron der Prüfer Andersen gleichzeitig ein Bilanzierungsprodukt anbietet und danach anschließend prüft, geht natürlich nicht. Wir haben es hier mit einer Strukturkrise zu tun.

mm.de: Und woran krankt die Struktur?

Rödl: Das größte Problem ist die Konzentration auf die "Big Four", die wenigen Mega-Prüfungsgesellschaften angloamerikanischen Ursprungs. Die Krise der Wirtschaftsprüfung ist eine Abhängigkeitskrise: Und der Konzentrationsprozess in der Branche erhöht bei den Prüfungsgesellschaften die Abhängigkeit vom Mandat.

Ein Beispiel: Ein großes Unternehmen gerät in eine Schieflage. Den Banken als Kreditgeber droht Kapitalverlust. Versicherungen, die bei einer Insolvenz Schäden decken, sind ebenfalls betroffen. Das Unternehmen, die Banken und die Versicherungen sind nun Kunden von ein und derselben Prüfungsgesellschaft: Wenn der Prüfer die Schieflage aufdeckt, gerät ein gewaltiges Auftragsvolumen der Gesellschaft in Gefahr.

Dies kann keine Grundlage für eine unabhängige Prüfung sein. Wenn statt dessen die Prüfungslandschaft in mehrere leistungsstarke Prüfungs- und Beratungsunternehmen aufgebrochen wird, die gleichzeitig und unabhängig voneinander prüfen, hätten wir weniger Probleme.

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