Interview "Fall Comroad in jedem Bilanzsystem möglich"

Der Enron-Skandal hat das Vertrauen in US-Bilanzen erschüttert. Nun folgt mit der korrigierten Bilanz des Skandal-Unternehmens Comroad der voraussichtlich schwerste Betrugsfall in der Geschichte des Neuen Marktes. mm.de sprach mit dem Bilanzierungsexperten Karlheinz Küting über die Konsequenzen.

mm.de:

Fast 99 Prozent der Umsätze der Firma Comroad haben sich über Nacht in Luft aufgelöst. Der Gründer und geschasste Unternehmenschef sitzt in Untersuchungshaft. Ist er allein verantwortlich?

Küting: Ein Vorstandsvorsitzender kann eine Täuschung diesen Ausmaßes nicht alleine verursachen. Da werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch leitende Angestellte Bescheid gewusst und geschwiegen haben.

mm.de: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat bereits im Februar ihr Mandat niedergelegt. Können sich Prüfer, Aufsichtsrat und Firmengründer nun gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben?

Küting: Ich kann das Verhalten der KPMG verstehen. Sie haben gemerkt, an dieser Bilanz ist etwas faul, daran machen wir uns lieber nicht die Hände schmutzig. Also verweigern sie das Testat und legen das Mandat nieder – das ist die einfache Lösung. Möglich wäre aber auch gewesen, weiter zu prüfen und die Staatsanwaltschaft einzuschalten – dann wäre der Betrug wohl schon früher hochgegangen.

mm.de: Wie lässt sich ein Betrug wie im Fall Comroad verhindern?

Küting: Ein Fall Comroad ist in jedem Bilanzierungssystem möglich. Jede Bilanz ist so gut, wie der Bilanzierende es wünscht: Deshalb brauchen wir eine schärfere Überwachung sowohl der Bilanzierenden als auch der Prüfer. Da wir in Deutschland keine funktionierenden Sanktionsmechanismen haben, bekommen wir die Probleme, die durch kriminelle Energie und fragwürdige Bilanzpraktiken entstehen, nicht in den Griff.

Auch die nachträgliche Kontrolle durch eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Peer Review) ist zum Scheitern verurteilt. Statt dessen brauchen wir Sanktionen wie etwa Freiheits- und Geldstrafen, die den Akteuren wirklich weh tun.

mm.de: Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) prüft eine Schadenersatzklage gegen den ehemaligen Vorstandschef Bodo Schnabel. Anlass zur Hoffnung für geprellte Aktionäre?

Küting: Schadenersatzklagen gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden dürften ausgehen wie das Hornberger Schießen. Dort ist voraussichtlich nichts mehr zu holen. Und der Anleger schaut in die Röhre.

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