Comroad Schnabels Luftnummern

Die gemeldeten 93 Millionen Euro Umsatz beruhen offenbar zum größten Teil auf Scheingeschäften. Nun wird auch gegen die Frau von Ex-Chef Bodo Schnabel ermittelt - wegen Beihilfe zum Kursbetrug. Außerdem gibt es Anhaltspunkte für Insiderhandel.

Unterschleißheim - Der Skandal bei dem im Auswahlindex Nemax 50 notierten Telematik-Anbieter Comroad  nimmt neue Ausmaße an. Nach der Sonderprüfung des Jahresabschlusses muss das Unternehmen seine Umsatzangaben für das abgelaufene Geschäftsjahr dramatisch nach unten revidieren.

Die Firma hat nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr mitnichten 93,6 Millionen Euro umgesetzt, wie der Vorstand noch am 15. Januar dieses Jahres gemeldet hatte. Nach dem vorläufigen Ergebnis der Prüfer bleiben gerade einmal 1,3 Millionen Euro bestätigter Umsatz übrig. 98,6 Prozent der ad hoc gemeldeten Umsätze lösen sich damit in Luft auf.

Geschäfte mit Scheinfirmen

Recherchen über angebliche Vertragspartner hätten ergeben, dass es diese nicht oder nicht mehr gibt, heißt es in dem Bericht der Sonderprüfer. Zahlreiche Geschäftsverbindungen des Unternehmen entpuppen sich nunmehr offenbar als Scheingeschäfte.

Der entlassene Comroad-Gründer Bodo Schnabel sitzt seit Ostern in Untersuchungshaft. Wie die "Süddeutsche Zeitung" meldet, ermittelt die Staatsanwaltschaft München nun auch gegen Schnabels Ehefrau Ingrid. Der Verdacht laute auf Beihilfe zum Kursbetrug.

Von einer Verbringung in Untersuchungshaft wurde in ihrem Falle abgesehen, weil keine Anzeichen von Fluchtgefahr zu erkennen seien. Nach letzten verfügbaren Informationen hält sie mit ihrem Ehemann die Mehrheit an Comroad und war zudem Mitglied im Aufsichtsrat.

Außerdem droht dem Skandal-Unternehmen ein Delisting, da die Deutsche Börse eine von Comroad beantragte Fristverlängerung für die Vorlage des Jahresabschlusses abgelehnt hatte.

Das Ergebnis der Sonderprüfung steht im krassen Widerspruch zu den Beteuerungen Bodo Schnabels, der sich bislang als Opfer einer Kampagne dargestellt hatte. Nach seinen bisherigen Angaben wurde ein Großteil der angeblichen Umsatzerlöse für 2001 (90,3 Millionen Euro) über die "VT Electronics Ltd" in Hong Kong erzielt. Nachweise jedoch, dass diese Gesellschaft "zu irgendeinem Zeitpunkt existierte, konnten nicht erbracht werden", so die Prüfer.

Vermutlich seien Scheinrechnungen erstellt und Eingangsrechnungen fingiert worden. Weiteren Partnern wurden 3,2 Millionen Euro direkt in Rechnung gestellt. Die übrigen, in Deutschland erlösten Umsätze sind marginal: Sie liegen bei 100.000 Euro.

Mit der Sonderprüfung wurden die Wirtschaftsprüfer der Gesellschaft Rödl & Partner beauftragt. Ihr soeben vorgelegter Bericht umfasst 232 Seiten.

Die Prüfungsgesellschaft KPMG, die Comroad nach Aussage von Bodo Schnabel fünf Jahre lang prüfte, hatte erst Mitte Februar ihr Mandat niedergelegt und das Testat für 2001 verweigert. Offen ist noch, ob die testierten Abschlüsse ebenfalls falsch waren.

"Größter Betrug des Neuen Marktes"

Bei Fachleuten sorgten diese Enthüllungen für Unverständnis und mitunter blankes Entsetzen. Peter Guntermann, Fondsmanager bei Sal. Oppenheim: "Ich frage mich, was die Prüfer heutzutage machen. Das Unternehmen ist seit ein paar Jahren an der Börse; es hat Ergebnisse veröffentlicht, die vermutlich ebenfalls falsch sind, und die sind alle von den Prüfern testiert worden." Die Frage sei, wie viel von dem Geld aus dem Börsengang überhaupt noch übrig geblieben sei.

Nun können sich Prüfer und Aufsichtsrat gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben: Ein Betrugsfall wie Comroad sei in jedem Bilanzierungssystem möglich, sagte Bilanz-Experte Karlheinz Küting im Interview mit manager-magazin.de.

Laut Comroad hatten die KPMG-Prüfer bemängelt, dass Partnergesellschaften in Spanien und Hong Kong nicht aufzufinden seien. Die Sonderprüfung soll auf die Jahre 1998 bis 2000 ausgeweitet werden. Comroad hatte Schnabel bereits Anfang März fristlos gekündigt.

Die Comroad teilte in ihrer ad-hoc-Mitteilung am Mittwoch außerdem mit, dass sie mit "einem hohen Wertberichtigungsbedarf" rechne. Bei einzelnen Beteiligungsgesellschaften drohe die Insolvenz bzw. sei bereits eingetreten. An diese seien neben der Kapitalbeteiligung zusätzlich Darlehen geflossen: In anderen Fällen habe sich Comroad für diese verbürgt.

Daraus könnten sich "mögliche zukünftige finanzielle Verpflichtungen" für Comroad ergeben, heißt es weiter. Beteiligungen und Darlehen seien nicht oder nicht ausreichend besichert worden.

"Das ist natürlich einmalig, was da passiert ist. Letztendlich sind hier skandalöse Scheingeschäft getätigt worden", sagte ein Frankfurter Aktienhändler. Es könne nicht verstehen, warum so ein Wert wie Comroad immer noch im Auswahlindex des Neuen Marktes gelistet sei. Dies sei für die notwendige Verbesserung des Images des Neuen Marktes Gift. Es sei schon seit längerem bekannt gewesen, dass bei Comroad Leichen im Keller lägen.

Die drastische Bilanzkorrektur ist nach Einschätzung von Aktionärsschützern der schwerste Betrugsfall in der Geschichte des Neuen Marktes. "So etwas krasses habe ich noch nie erlebt", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Schadensersatz für Aktionäre?

Auch die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) zeigt sich schockiert. "Es handelt sich hier wohl um den dreistesten Betrugsfall am Neuen Markt", sagte SdK-Vorstand Markus Straub. Comroad-Chef Schnabel habe bei der Darstellung seines Unternehmens eine Frechheit an den Tag gelegt, die eine "neue Dimension" erreicht habe.

Neben Straub forderte auch Klaus Nieding von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) Schadenersatz für die betroffenen Aktionäre. Im Gegensatz zu etlichen strittigen anderen Fällen könnten die Aktionäre bei Comroad wohl auf die vorsätzliche Verbreitung falscher Tatsachen verweisen, sagte Nieding. Damit sei ein Schutzgesetz verletzt worden, weshalb die Schadenersatzpflicht aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) greifen könne.

Angesichts des katastrophalen Berichtes spürt der Aufsichtsrat nun Drang zum Handeln. Die Ehefrau des inhaftierten Bodo Schnabel, die gemeinsam mit ihrem Mann über 50 Prozent der Aktien hält, soll "aus wichtigem Grund" aus dem Kontrollgremium abberufen werden. Außerdem wurde eine außerordentliche Hauptversammlung avisiert.

Der neue Comroad-Chef Hartmut Schwamm geht mittlerweile vom Schlimmsten aus. Er könne nach seinem bisherigen Wissensstand eine mögliche Insolvenz des Unternehmens nicht mehr ausschließen, sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa-AFX. Schwamm ist seit Abberufung von Bodo Schnabel am 8. März Alleinvorstand des im Nemax 50 gelisteten Unternehmens.

Derzeit habe Comroad noch rund 26 Millionen Euro in der Kasse, so das Ergebnis der Sonderprüfung. Laut Schwamm ist noch nicht absehbar, in wie weit finanzielle Ansprüche von Tochtergesellschaften, für die Comroad Bürgschaften übernommen hat, und Schadensersatzansprüche geprellter Investoren diese Position belasten werden. Auch der Kapitalfluss aus dem operativen Geschäft sowie das Ergebnis des abgelaufenen Geschäftsjahres seien bislang noch unbekannt.

Wurde schon beim IPO gelogen?

"Ich habe persönliche Kontakte zu einigen Partnern, die von den Prüfern nicht ausfindig gemacht werden konnten", sagte Schwamm. Warum er diese Kontakte allerdings nicht an die Wirtschaftsprüfer weiter gegeben hat, konnte er nicht erklären.

"Wir haben alle für den Prüfungsbericht relevanten Informationen genutzt", sagte dazu Rödel & Partner-Sprecher Matthias Struwe. "Wir haben die Kontakte von Comroad angefordert und alle erhaltenen Daten verarbeitet."

Um das operative Geschäft aufrecht zu erhalten, will Schwamm auf die bestehende Partnerbasis aufbauen. Als Haken dieser Strategie könnte sich allerdings herausstellen, dass anscheinend niemand genau wisse, welche der Partner tatsächlich existieren und welche nur auf dem Papier stehen.

Die Wirtschaftsprüfer wollten zudem mit einer Sonderprüfung herausfinden, ob schon zum Börsengang 1998 die Bilanz zum Zweck eines höheren Emissionserlöses geschönt wurde. Bislang sei das noch nicht absehbar; die Prüfung dauere noch immer an, sagte Schwamm, der eine rückwirkende Korrektur der Jahresabschlüsse nicht ausschließen konnte. Einen genauen Zeitplan für den weiteren Verlauf und den Abschluss der Prüfung nannte der Alleinvorstand nicht.

Warum Bodo Schnabel sein Unternehmen mit 27 Mitarbeitern in eine derartige Krise stürzte, ist vielen ein Rätsel. Anders als der einstige EM.TV-Chef Thomas Haffa fiel Schnabel nicht durch einen schillernden Lebensstil auf. Er fuhr seinen normalen Dienstwagen und residierte nicht in einer Luxus-Villa.

"Alles war ganz normal", sagt sein Nachfolger Hartmut Schwamm. Wie es nun mit Comroad weiter gehen soll, weiß er noch nicht. "Wir müssen ganz neu anfangen." Als erstes muss er herausfinden, ob Comroad überhaupt Kunden hat. Womöglich war nach Einschätzung der Aktionärsschützer nicht nur der Partner in Asien frei erfunden.

Nun auch noch Insider-Verdacht

Kritisch geprüft werden die Vorgänge um Comroad nun auch vom Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe). Die Behörde hat eine Voruntersuchung wegen möglichen Insiderhandels eingeleitet. Dabei geht es nach Angaben von Sprecherin Regina Nößner um auffällige Aktien-Verkäufe unmittelbar vor einer Ad-hoc-Meldung vom 20. Februar diesen Jahres.

Damals hatte der Vorstand mitgeteilt, dass die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG ihr Mandat bei Comroad fristlos gekündigt hatte. Es gebe in diesem Zusammenhang "Anhaltspunkte für Insidergeschäfte", sagte Nößner gegenüber manager-magazin.de. Ein "konkreter Verdacht" gegen einzelne Personen existiere jedoch nicht.

Sollte die Analyse einen solchen Verdacht ergeben, werde die Behörde diese Informationen an die Staatsanwaltschaft weiterleiten. Wann die Voruntersuchung abgeschlossen ist, lässt sich nach Auskunft der BAWe-Sprecherin noch nicht absehen.

Nößner: "Es kann sein, dass die Adhoc-Mitteilung vom heutigen Mittwoch noch in die Untersuchung miteinbezogen wird." In einem solchen Fall werde es "noch etwas dauern", bis Ergebnisse der Voruntersuchung vorlägen.

An der Börse geriet Comroad am Donnerstag weiter unter Druck. Die im November 1999 von der Privatbank Hauck & Aufhäuser und Concord Effekten zu 20,50 Euro platzierte Aktie verlor bis 13.30 Uhr weitere 16 Prozent und fiel auf 0,31 Euro. "Man kann nur hoffen, dass die ganzen Münchhausens bald aus dem Markt sind und dann auch richtig bestraft werden", sagte ein Börsianer.

Ein Händler in Düsseldorf meinte: "Der Treppenwitz ist, dass der inhaftierte Großaktionär Bodo Schnabel für die Hauptversammlung wahrscheinlich noch Freigang bekommt."

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