Hightechtitel IBM - Vorbote des Gewitters?

Gewinnwarnungen werden seltener, und bis zum Sommer sollten Techtitel mit steigenden Erträgen glänzen. Der Wetterwechsel galt als beschlossen, doch mit IBM fliegt die erste Schwalbe wieder tief. Ist "Big Blue" eine Ausnahme oder Vorbote eines neuen Ertragsgewitters?

Hamburg – Alles prima eigentlich. Die US-Konjunkturdaten haben den Frühling eingeläutet, und auch die Big Player der Branche wollen sich nicht lumpen lassen. Der weltgrößte PC-Hersteller Dell rechnet für das erste Quartal mit einem Umsatz, der die Prognosen der Analysten deutlich übertrifft. Auch der zweitgrößte Computerbauer Compaq macht gut Wetter und will in der kommenden Woche die eigenen Prognosen übertreffen.

Der Softwareanbieter Computer Associates legt nach einem gelungenen Start ins neue Geschäftsjahr deutlich zu und gibt ebenso wie Dell einen positiven Ausblick. Auch die großen Mischkonzerne 3M und General Electric strotzen vor Selbstbewußtsein: Der Riese GE erhält drei Tage vor Bekanntgabe seiner Zahlen zudem Bestnoten von der Ratingagentur S&P. Für den Softwareriesen Microsoft gibt sich die Investmentbank Lehman Brothers zuversichtlich: Die Analysten erwarten, dass der Konzern die Erwartungen bei Gewinn und Umsatz erfüllt oder sogar leicht übertrifft.

Zahl der Warnungen geht zurück

Vor einem Jahr hatten rund 200 Unternehmen vor sinkenden Erträgen gewarnt. Bis zum vierten Quartal 2001 ist diese Zahl deutlich auf rund 40 zurück gegangen, und Experten setzen auf eine Fortsetzung des Trends. Der Anleger könne sich nach 18 mageren Monaten wieder darauf einstellen, dass in diesem Jahr die positiven Nachrichten aus der geprügelten Hightechbranche wieder überwiegen, meint der Stuttgarter Vermögensverwalter Georg Thilenius.

Natürlich drückt der Konflikt im Nahen Osten und der teure Ölpreis auf die Stimmung. Doch Anleger, die am Montag im späten Handel für eine deutliche Erholung sorgten, gewinnen auch diesem Szenario inzwischen eine positive Seite ab: Angesichts des ölpreisbedingten Dämpfers für die zarte Pflanze Konjunktur sei damit zu rechnen, dass sich die Fed mit einer Erhöhung der Zinsen noch deutlich Zeit lässt.

Warum IBM leidet

Doch nun IBM. Ausgerechnet Big Blue rechnet im ersten Quartal statt der erhofften 85 Cent nur noch mit einem Gewinn von 66 bis 70 Cent pro Aktie. Der Wert wurde am Montag um rund 10 Prozent nach unten geprügelt. Die Begründung des Computerbauers gibt jedoch in der gesamten Hightechbranche Anlass zur Sorge: Unternehmen hielten sich mit ihren Investitionen weiterhin extrem zurück, hieß es.

Von mutigen Investitionssteigerungen zu Beginn eines Aufschwungs keine Spur. Die äußerst geringe Nachfrage nach Investitionsgütern könnte auch den Netzwerkausrüster Juniper Networks, der am Donnerstag Zahlen vorlegt, empfindlich treffen: Unter den hoch verschuldeten Telekom-Gesellschaften hat nicht nur die Deutsche Telekom angekündigt, bei den Ausgaben in diesem Jahr jeden Cent zweimal umzudrehen. Und wenn Unternehmen – siehe IBM – bei den PC-Ausgaben sparen, sieht es auch für die Nachfrage nach Speicherchips nicht rosig aus.

Sogar Bush gerät ins Grübeln

Grund für die Unternehmen, weiterhin vorsichtig zu sein, sind die großen Unbekannten Ölpreis und Konsum. Der Aufschwung könnte durch weiter steigende Ölpreise in weite Ferne rücken, meint Bruce Steinberg, Chefvolkswirt von Merrill Lynch. Die Ankündigung des Irak, in den kommenden 30 Tagen kein Öl mehr in westliche Länder auszuführen, könne den US-Ölpreis leicht um fünf Dollar je Barrel verteuern, schob David Costello vom US-Energieministerium nach.

Dass teures Öl den Wirtschaftsmotor schnell wieder abwürgen könnte, treibt sogar den selbstbewussten US-Präsidenten George W. Bush um: Die USA seien eine von Erdölexporten unstabiler Länder abhängige Nation, sagte Bush dem "Wall Street Journal". Deshalb sei große Vorsicht bei gewagten Wirtschaftsprognosen geboten.

Muss der vielfach beschworene Aufschwung erneut verschoben werden, könnte dies sogar den scheinbar unbeirrbaren US-Verbraucher nachhaltig irritieren. Bislang saß ihm trotz Flaute das Geld locker. Entdeckt er das Sparen, dürften auch die optimistischen Ausblicke der Unternehmen, die weiterhin auf einen steigenden Konsum setzen, hinfällig werden. IBM dürfte dann nicht mehr die einzige tief fliegende Schwalbe sein.

Verwandte Artikel