Wall Street Big Blue unter Verdacht

IBM wehrt sich gegen Vorwürfe. Die Enronitis treibt Investoren aus dem Markt.

New York - Die Angst vor weiteren faulen Bilanzen nach dem Enron-Skandal bewegt immer mehr Anleger dazu, sich von ihren Aktien zu trennen und bereits kleinste Gewinne mitzunehmen. Nach Enron und Tyco war am vergangenen Freitag sogar der weltweit führende Computerkonzern IBM  ins Visier geraten. Die Aktie von "Big Blue" fiel daraufhin auf den tiefsten Stand seit elf Monaten. Auch am Dienstag notierten die US-Futures deutlich in den roten Zahlen: Bis die Vorwürfe ausgeräumt sind, halten sich die Anleger zurück.

IBM will Einzelheiten offen legen

Ein Sprecher von IBM kündigte in einem Interview mit dem "Wall Street Journal" an, weitere Angaben zu den umstrittenen Bilanz-Statements zu veröffentlichen. Einzelheiten zu den Gewinnen eines Pensionsfonds und zu den Erträgen aus Grundstücksverkäufen würden darin unter anderem erläutert. Das Unternehmen betonte, dass die Bilanzierungsmethoden den gesetzlichen Vorgaben entsprächen.

Die "New York Times" hatte berichtet, IBM habe bei dem Mitte Januar vorgelegten Ergebnisausweis nicht offen gelegt, dass zur Senkung der operativen Kosten ein einmaliger Veräußerungsgewinn verwendet worden sei. Die Anleger, durch den Enron-Skandal für Bilanzierungstricks stark sensibilisiert, reagierten mit Verkäufen.

Mißtrauen wächst

Die "Enronitis" zieht damit immer weitere Kreise: Händler führten auch den Rückgang des Verbraucher-Vertauens der Universität Michigan unter anderem darauf zurück, dass die US-Bürger nahezu täglich im Fernsehen mit neuen Details des Enron-Skandals konfrontiert werden. Nun reiche bereits ein Verdacht auf Bilanz-Unregelmäßigkeiten aus, um weitere Börsen-Schwergewichte auf Talfahrt zu schicken.

Auch die überwiegend positiven Konjunkturdaten seien in dieser Situation keine Hilfe: "Wenn ein Teil der wieder erfreulicheren Unternehmensdaten auf kreative Buchführung zurückzuführen ist, ist ein neuer Rückschlag wahrscheinlich", sagte ein Händler.

Kai Lange