US-Bilanzen Regeln "großzügig interpretiert"

Der Bilanzstandard US-GAAP bietet gefährliche Schlupflöcher, meint Schering-Finanzvorstand Klaus Pohle. Er sieht die Glaubwürdigkeit vieler US-Unternehmen in Gefahr.

Hamburg - Der Skandal um den US-Energiekonzern Enron und die Bilanzierungspraxis großer US-Unternehmen beunruhigt die Topmanager der Dax-Konzerne. Der Finanzvorstand des Pharmakonzerns Schering , Klaus Pohle, hat heftige Kritik an der amerikanischen Bilanzierungspraxis geäußert. Er sei "erschrocken", dass manche Regeln dort "so großzügig interpretiert" worden seien, sagte Pohle im Interview mit manager magazin (Erscheinungstermin: 22. Februar 2002).

US-GAAP bietet Schlupflöcher

Pohle zufolge sind für die Misere auch "die Eigenarten" des amerikanischen Bilanzstandards US-GAAP verantwortlich. US-GAAP stelle immer auf den konkreten Einzelfall ab, während etwa der internationale Bilanzstandard IAS allgemeine Grundsätze vorschreibe. Sobald neuartige Risiken auftauchten, so Pohle, müssten diese nach IAS in der Bilanz verbucht werden: "Die Amerikaner fragen hingegen: Ist schon mal ein ähnlicher Fall vorgekommmen? Wenn nicht, nehmen sie sich die Freiheit, darüber hinwegzusehen."

Weil US-GAAP nicht für jeden theoretisch möglichen Spezialfall Lösungen anbieten könne, könnten die Amerikaner immer erst reagieren, wenn diese Fälle bereits eingetreten seien. Pohle erwartet, dass in den USA demnächst strengere Bilanzregeln gelten werden: "Die Glaubwürdigkeit der US-Wirtschaft hängt davon ab, wie die Amerikaner diese Krise bewältigen."