Brasilien-Krise Kursfeuerwerk nach Real-Freigabe

Die vorläufige Wechselkursfreigabe der brasilianischen Währung sorgte an den lateinamerikanischen Börsen für kräftig steigende Kurse. Allein die Börse in São Paulo schoß um historische 33,4 Prozent in die Höhe.

Rio de Janeiro/Frankfurt - Die lateinamerikanischen Börsen haben die vorläufige Wechselkursfreigabe in Brasilien mit Kursfeuerwerken gefeiert. In Brasiliens Finanzzentrum São Paulo, dem Sitz der größten Börse des Subkontinents, schoß der Bovespa-Index gleich um 1689 Punkte oder 33,40 Prozent auf 6746 Punkte in die Höhe. Er erreichte damit nach den Einbrüchen der Vortage den zweithöchsten prozentualen Sprung seiner Geschichte. Nur am 4. Februar 1991 war mit 36,05 ein höherer Anstieg verzeichnet worden.

An der kleineren Börse in Rio de Janeiro schnellte der IBV-Index um 30,30 Prozent (5291 Punkte) auf 22.753 Punkte hoch. Die Börsen machten so die seit Jahresanfang im Zuge einer schweren Finanzkrise erlittenen Verluste fast komplett wett.

Begeisterung herrschte auch in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, wo der Merval-Sammelindex um 12,26 Prozent auf 382,37 Punkte anstieg. In Mexiko-Stadt legte der IPC-Index um 7,78 Prozent (261,78 Punkte) auf 3617,77 Punkte zu. Die Reaktion der Märkte Lateinamerikas war nach Angaben der Händler einzig und allein auf die vorläufige Freigabe der brasilianischen Landeswährung Real zurückzuführen.

Am Morgen war der Real stark abgewertet worden. Mit 1,55 pro US-Dollar rutschte er sogar schon wieder aus dem Währungskorridor 1,22/1,32 heraus, der erst am Dienstag nach dem Rücktritt von Notenbankchef Gustavo Franco beschlossenen worden war. Erstmals seit Einführung des Stabilitätsplans Real hatte die Zentralbank nicht mit einer Intervention reagiert. Im Verlauf des Tages pendelte sich der Kurs des Real dann im freien Handel bei 1,43 pro US-Dollar ein.

Die schwächere Notierung im Vergleich zum Morgenkurs wertete Finanzminister Pedro Malan am Abend als "Zeichen dafür, daß der Markt Vertrauen in die Fähigkeit der Regierung" hat. Auf die Frage nach der neuen Währungspolitik Brasiliens befragt, sagte Malan: "Die werden wir am Montag kennen". Beobachter gehen davon aus, daß die Regierung am Freitag lediglich den "wahren" Wert des Real ermitteln lassen wollte, um dann einen breiteren Interventionskorridor zu bestimmen.

Die Marktteilnehmer hoffen jetzt, daß Brasilia die Hochzinspolitik aufgibt. Diese Hoffnungen wurden auch von Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso in einer kurzen TV-Ansprache genährt. In Anspielung auf die vorläufige Wechselkursfreigabe meinte er, diese schaffe das Mißtrauen gegenüber der brasilianischen Wirtschaft aus der Welt und schaffe "die Voraussetzungen für eine Zinssenkung". Dazu sei aber eine Reform der Fiskalpolitik mit Hilfe des Kongresses nötig.

Mit Zinsen von zuletzt 28 Prozent (bei einer Inflation von unter zwei Prozent) versuchte Brasilien bisher, den Realkurs zu stützen und eine Hyperinflation zu verhindern, wie sie Brasilien Anfang der 90er Jahre erschütterte.

Die hohen Zinsen förderten aber eine sich immer deutlicher abzeichnende Rezession. Außdem wuchs das Loch in der Staatskasse wegen der erhöhten Innenschulddienst-Belastung und mangelnder Ausgabendisziplin auf rund 70 Milliarden US-Dollar (etwa 117 Milliarden Mark / 60 Milliarden Euro) oder 8,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes an. Anleger bezweifelten zuletzt immer stärker, daß Präsident Cardoso die angekündigte Sanierung der Wirtschaft im Kongreß und bei den Bundesstaaten wird durchsetzen können.

Zusätzlich aufgeschreckt wurden die Investoren vergangene Woche durch ein Schuldenmoratorium der zweitreichsten Provinz Minas Gerais, das Cardoso jetzt als "unverantwortlich" bezeichnete. Die Kapitalflucht beschleunigte sich daraufhin auf ein Niveau von einer bis zwei Milliarden Dollar täglich. Die Devisenreserven schrumpften in nur sechs Monaten von fast 75 Milliarden auf rund 30 Milliarden Dollar. Bereits Ende 1999 schnürte der Internationale Währungsfonds daher ein Hilfspaket von 41,5 Milliarden Dollar.

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