Online-Trading Stillstand bei den Brokern

Noch nie war das Zocken an der Börse per Mausklick und Internet so langsam wie heute.

New York - Angeblich ist Online-Trading schnell, einfach und billig und wird zunehmend zur Alternative zum konventionellen Service der Brokerfirmen. In dieser Woche aber wurde es zum Alptraum für anlageinteressierte Cyberfreaks. In den letzten sechs Wochen hatte fast jedes größeres Internet-Handelshaus massive Probleme mit einem zu langsamen Netzdurchsatz - wenn nicht sogar komplette Ausfälle. Und so fragt man sich, ob die trendige Online-Trading-Branche ihrem selbstbewußten Auftreten tatsächlich entsprechen kann und überhaupt funktioniert, wenn Investoren die Dienste am dringendsten brauchen.

Julio Gomez, Berater für Internet-Aktienhandel mit eigener Firma am Stadtrand von Boston, nennt die kürzlichen Engpässe beim Online-Investieren die schlimmsten seit 1997, als sogar die größte Web-Trading-Firma - die Charles Schwab Corporation - unter der Last des Handelsvolumens zusammenbrach. Damals versprachen Schwab und andere Firmen, ihre technische Anbindung zu verbessern und mehr Kapazität zu schaffen, damit Investoren auch an handelsstarken Tagen ihre Anfragen plazieren könnten.

Aber auch Schwabs System ging letzten Freitag einige Zeit offline; und die Leute von Waterhouse Investor Services und Discover Brokerage Direct (eine Tochtergesellschaft von Morgan Stanley Dean Witter & Co) nahmen ihre Server freiwillig vom Netz, um die aufgestauten Orders zu verarbeiten. Auch E*Trade Group, Inc., die Nummer zwei unter den Online-Brokern, hatte Probleme. Die Firmen "halten der gewaltigen Nachfrage nicht stand", sagt Gomez, und: "sie war und ist überall ziemlich brutal".

Toronto-Dominion Bank's Waterhouse, eine der am stärksten betroffenen Firmen, will sogar von einer geplanten Werbekampagne absehen, bis ihre Systeme wieder fit sind. Waterhouse-Geschäftsführer Frank J. Petrilli: "Bis dieses Volumen abnimmt, können wir nichts tun, als jeden Tag mehr Ressourcen in unsere Systeme zu stecken."

Um eins klarzustellen: der Aktienhandel über das Internet ist keineswegs zum Stillstand gekommen. Petrilli gibt an, seine Firma habe diese Woche 120.000 Transaktionen pro Tag getätigt, davon 65 Prozent online. "Was erwarten Sie? Wir haben viermal mehr Anfragen, als letztes Jahr um dieselbe Zeit. Könnten Merrill Lynch oder Salomon Smith Barney das vierfache Volumen bewältigen? Ich glaube nicht."

Ein großer Teil dieses Volumens ist der Tatsache zu verdanken, daß eine neue Generation aktiver Investoren geradezu manisch online mit Aktien handelt - und etwa Internetpapiere wie Amazon.com oder Yahoo oft in schwindelerregende Höhen treibt. Das führt teilweise sogar dazu, daß bestimmte Papiere nicht immer verfügbar sind, weil man niemanden mehr findet, der die andere Seite einer gewünschten Transaktion übernimmt.

Petrelli will dennoch nicht, daß interessierte Kunden vom Web getrennt oder zum Warten am Telefon gezwungen werden. Er sagt, Waterhouse arbeite zusammen mit seinem IT-Lieferanten Automatic Data Processing an einer Lösung, um künftige Engpässe zu verhindern.

Für Dan Martin, einem Kunde der Firma, ist das allerdings kein wirklicher Trost. Er sagt, er habe seit mindestens anderthalb Monaten Probleme mit dem Waterhouse WebBroker-System. Und diese Woche habe es ihm endgültig gereicht. "'Danke, das genügt' war meine Reaktion" sagt Martin, der als Manager für eine Werkzeugfirma arbeitet. "Ich habe alles verkauft - wenn ich nicht schnell genug auf den Markt reagieren kann, wenn ich nicht handeln kann, wenn ich keine ehrlichen Antworten [über Probleme mit dem Kundenservice] bekommen kann, höre ich auf."

Unklar ist, wie viele andere Investoren aufgeben und aufhören, per Internet zu handeln, auch wenn es nur zeitweise ist. Noch immer hämmern Massen von Händlern in ihre Tastaturen und verstopfen den Cyberspace mit Orders. Bei E*Trade erklärt Kathy Levinson: "Dieses Jahr habe ich jeden Tag geglaubt, das wäre der endgültige Rekord."

Abgesehen von der reinen Anzahl der Transaktionen sorgt noch ein anderer Umstand für Probleme in der noch jungen Cyber-Handelswelt. Bill Burnham, ein Analyst an der Credit Suisse First Boston Corporation, erklärt, viele Online-Trading-Firmen bekämen fast 20 Prozent ihrer Orders in den ersten 30 Minuten des Geschäftstages herein. Grund: Viele Einzelinvestoren schickten ihre Aufträge am Abend, wenn sie nach Hause kämen, ins System. Und da diese am Morgen des neuen Handelstages abgearbeitet werden müßten, sorge dies für eine enorme Belastung der Systeme und entsprechende Warteschlangen.

Aber nicht nur die Websites und Server der Online-Brokerfirmen gehen in die Knie. Auch bei der Nasdaq, die den größten Teil des Handels abwickelt, kann es vorkommen, daß sich die Bestätigungen für durchgeführte Transaktionen stauen.

Das wiederum sorge dafür, daß einige Kunden bisweilen nochmalige Order für dasselbe Papier gäben, weil sie glaubten, die vorhergehende sei noch nicht ausgeführt worden. Oder dafür, daß sie mit Anrufen bei der Brokerfirma die ohnehin schon überlasteten Telefonleitungen noch näher an den Zusammenbruch brächten, sagt Levinson. Diese Woche haben sowohl Schwab als auch E*Trade auf ihren Websites Warnungen plaziert, Kunden sollten bitte einmal gekennzeichnete Order weder stornieren noch verändern. Täten sie es dennoch, seien sie für die mangelhafte Durchführung "selbst verantwortlich" - so der Hinweis bei E*Trade.

Dennoch nehmen die Tradingfirmendiese Probleme ernst und kümmern sich darum. So besuchte Schwabs Co-Geschäftsführer David Pottruck in der vergangenen Wochen ein Kundenservicecenter in Orlando, Florida, um den Ausbau der Ressourcen zu beschleunigen. Schwab sei bereits dabei, veraltete Computersysteme auf ein moderneres Netzwerk umzustellen, so Suzanne Lyons, Leiterin des Kundenservice bei Schwab.

E*Trade, deren Systeme zwar kürzlich ebenfalls zu langsam wurden, aber noch nicht zusammenbrachen, heuerte 100 neue Leute für ihre Telefonberatung an und überarbeitete darüber hinaus die Hilfefunktionen ihrer Website, damit Kunden nicht mehr so oft anrufen müssen.

Die Probleme der meisten Firmen im Online-Aktienhandel seien sicherlich "mit Geld und Zeit zu lösen", sagt Gomez. Und Richard Strauss, Analyst bei Goldman, Sachs & Co, stimmt zu: "Online Trading wird uns erhalten bleiben".

Aus "The Wall Street Journal"

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