Konjunktur Die unvollkommene Kristallkugel

Alle "Frühindikatoren zeigen nach oben." Analysten warten auf den Aufschwung.

Frankfurt - Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft wird kommen - nur Zeitpunkt und Tempo bleiben Analysten noch verborgen. Aus einer Reihe von Frühindikatoren lesen Volkswirte inzwischen die ersten zarten Anzeichen der wirtschaftlichen Erholung heraus.

Als Kristallkugel für die Zukunft der Wirtschaft dienten die Indikatoren nur bedingt, spiegelten sie doch vor allem Stimmungen und Erwartungen wider, sagen die Konjunkturforscher selbst. Wann genau und mit wie viel Schwung die Wirtschaft durchstarten werde, lasse sich erst sagen, wenn reale Daten - wie etwa die Industrieproduktion - wieder zulegen.

Frühindikatoren nähren Hoffnung auf Besserung

Die so genannten Früh- oder Vorlaufindikatoren wie etwa Auftragseingänge oder Geschäftsklima- und Einkaufsmanager-Indizes nähren bereits wieder die Hoffnung auf bessere Zeiten. "Wir Analysten sind in einer komfortablen Lage, da alle Frühindikatoren nach oben zeigen", sagt Volker Nitsch von der Bankgesellschaft Berlin.

So stieg das Konjunkturbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Januar um 10,1 Punkte an, der Ifo-Index verzeichnete im November den ersten Anstieg seit Sommer 2001 und auch der Reuters-Einkaufsmanagerindex (PMI) zeigte zumindest für Europa eine Verbesserung der Geschäftslage.

Gegensätzliche Aussagen verwirren

Doch eine Schwalbe macht auch noch keinen Konjunktursommer. "Normalerweise wartet man, bis ein Indikator drei bis vier Monate in Folge steigt, um von einer Trendwende zu sprechen", sagt Bernd Weidensteiner von der DZ Bank. "Sonst bleibt das nur ein Hoffnungsschimmer." Zudem stützen sich die Analysten nicht nur auf einen Indikator allein. Schwierig werde es, wenn Indikatoren, wie im vergangenen Jahr ZEW- und Ifo-Index, auseinanderliefen, sagt Nitsch.

Die seit Herbst steigenden ZEW-Konjunkturerwartungen bereiteten den Experten lange Kopfzerbrechen. Inzwischen verfestigt sich jedoch die Ansicht, dass der ZEW-Indikator der früheste Vorbote des Aufschwungs war. Ulla Kochwasser von der Industrial Bank of Japan in Frankfurt beziffert auf Grund eigener Analysen den Vorsprung des ZEW-Indikators vor dem Ifo-Index auf ein bis zwei Monate. "Dies ist in den Aufschwungphasen besonders stark ausgeprägt", sagt sie.

Ein Grund liege möglicherweise darin, dass das ZEW Finanzmarktanalysten nach ihren Erwartungen befragt, während beim Ifo-Index und PMI Unternehmer und Manager die Lage ihres Unternehmens beurteilten. "Die Analysten berücksichtigen wahrscheinlich ein breiteres Spektrum an Faktoren wie Zinsen und Wechselkurse, während sich die Betriebe auf ihre eigene Lage konzentrieren", sagt Kochwasser. Hypovereinsbank-Volkswirt Thomas Hueck hält den ZEW-Indikator für besonders gut geeignet, um konjunkturelle Wendepunkte zu prognostizieren.

Hueck warnt allerdings wie einige Kollegen vor möglichen Schwächen des ZEW-Indexes: "Die Gefahr ist, dass sich die Analysten mit diesem Index nur selbst bestätigen." Auch Weidensteiner beäugt den Indikator kritisch. "Der ZEW-Indikator versucht, den Puls der Wirtschaft aus zweiter Hand zu bekommen", sagt er. Eine frühe Wende könne auch für den "großen Optimismus in der Bankenwelt" sprechen.

Ifo-Index ist der "Klassiker"

Für Weidensteiner bleibt der Ifo-Index als "Klassiker" der Hauptindikator. Den Geschäftsklima-Index des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) schätzen Volkswirte wegen seiner langen Historie. Der Index habe sich als zuverlässiges Prognoseinstrument bewiesen, sagt Nitsch. In der aktuellen Wirtschaftslage achten die Volkswirte dabei besonders auf die Erwartungskomponente. "Es bringt nichts, stoisch auf den Gesamtindex zu starren", sagt Nitsch. Der Index könne sinken, weil die Unternehmen ihre aktuelle Lage als schlecht bewerteten, dabei aber gleichzeitig hoffnungsvoll in die Zukunft blickten.

Wie schnell die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt, können die Volkswirte nur schwer aus den Frühindikatoren ablesen. "Tendenziell gilt: Je schneller der Ifo-Index ansteigt, desto dynamischer wird der Aufschwung ausfallen", sagt Hueck. Allerdings sei Vorsicht geboten. Da der Indikator Einschätzungen widerspiegele, handele es sich um eine relative Skala, die sich im Laufe der Zeit verschieben könne.

Endgültige Schlüsse über Dynamik und den Zeitpunkt der Erholung erlauben daher nur reale Wirtschaftsdaten. Erst wenn Auftragseingänge, Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze wieder eindeutige Zuwächse verzeichneten, ließen sich genaue Aussagen machen, sagt Weidensteiner. "Allein auf Grund von Frühindikatoren würde ich keinen Aufschwung ausrufen."

Sven-Markus Egenter, Reuters