Die Trinkaus-Kolumne Siemens - ready for take-off?

Wie ist die Aktie von Siemens aktuell zu bewerten? Eine Analyse von Klaus Lüpertz, Aktienexperte bei HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Am 19. November vergangenen Jahres habe ich an gleicher Stelle über die Umsatz-Überraschung und weiteren Aussichten von Siemens  berichtet. Mein Fazit damals - unter der Überschrift "Totgeglaubte leben länger ...": Der Vorstand muss im nächsten Quartal nachlegen und mit guten Zahlen die Investmentgemeinde überzeugen.

Auf der letzten Hauptversammlung in München äußerte sich Vorstandschef Heinrich von Pierer dahingehend, dass im abgelaufenen Quartal das operative Ergebnis im Vergleich zum Vorquartal deutlich verbessert worden sei. Probleme gebe es aber weiterhin in der defizitären Netzwerksparte ICN als Folge eines schwachen Marktumfeldes.

Hoffnung auf schwarze Zahlen

Der Konzernlenker erwartet auch im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres einen negativen operativen Ergebnisbeitrag. Die anderen Bereiche (Mobilfunk, Business Services, Dematic und VDO) sollen aber nicht zuletzt als Folge funktionierender Restrukturierungsprogramme wieder schwarze Zahlen oder jedenfalls annähernd schwarze Zahlen schreiben, nachdem noch im vierten Quartal des abgelaufenen Jahres Verluste eingefahren wurden.

Mit besonderem Interesse wurden die Absatzzahlen im Mobilfunk verfolgt. Mit neun Millionen verkauften Einheiten verfehlte der Münchener Konzern die eigenen Ziele und auch die Erwartungen einiger Analysten.

Die Gewinnschwelle werde bei Siemens bei 28 bis 30 Millionen verkauften Mobiltelefonen im Jahr erreicht; von daher regte die Bekanntgabe eines neuen Großauftrags über die Lieferung von zwei Millionen Handys an T-Mobile noch einmal die Phantasie an.

Eine deutliche Verbesserung des Gesamtkonzern-Ergebnisses sei, laut von Pierer, mehr als nur wahrscheinlich.

Der Auftragseingang habe sich im Vergleich zum Vorjahresvergleichszeitraum weiter erhöht. Ein konkretes Volumen wurde allerdings nicht genannt.

Der Umsatz stieg ebenfalls, wenn auch mit geringeren Wachstumsraten. Keine Aussagen gab es bisher über den Einfluss von Konsolidierungs- und Währungseffekten.

Der Verkauf von Infineon-Aktien während des letzten Quartals sorgt für einen positiven Ergebnisbeitrag. Die jüngste Verkaufaktion der letzten Woche findet dabei noch nicht einmal Berücksichtigung, da sie erst für das zweite Quartal wirksam wird.

Die tatsächlichen Hard-Facts für das erste Quartal, was bei Siemens vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 2001 gelaufen ist, werden aber erst am 23. Januar veröffentlicht.

Good News für Heinrich von Pierer

Die Börse reagierte mit einer leichten Kurserholung. Der Kurs hat sich seit meiner letzten Einstufung kaum verändert. Von etwas über 68 Euro kletterte er geringfügig auf aktuell 71,25 Euro. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass aufgrund der heutigen (per 17. Januar) Nachrichten allein ein Kurssprung von zwei Euro erfolgt ist.

Die Nachrichten sind in jedem Fall Good News für das Unternehmen und den gesamten Sektor Technologie. Es ist als recht sicher anzusehen, dass Siemens am 23. Januar keine großen Enttäuschungen liefern wird - alles andere würde den Nachgeschmack einer "sehr merkwürdigen" Kommunikationspolitik aufkommen lassen.

Erwartungen wurden mehrfach herabgesetzt

Damit zeigt sich einmal mehr: Viele Tech-Unternehmen, die in den nächsten Wochen massiert über den Zeitraum Oktober bis Dezember 2001 berichten werden, sollten keine Probleme damit haben, die mehrfach herabgesetzten Erwartungen zu erfüllen.

Der Fokus der Analysten bleibt somit auf den Ausblick und die weitere strategische Vorgehensweise gerichtet. Hier bleibe ich bei meiner Aussage vom November: Ein erster guter Schritt ist getan; er ist aber wertlos, wenn nicht konstant weitere gute Ergebnisse folgen.

Abwarten schadet nicht

Der Privatanleger sollte nicht in die gerade etwas angezogenen Kurse hineinkaufen, sondern kann durchaus noch etwas abwarten. Der von Analysten erwartete Gewinnsprung von 0,92 Euro für das letzte Geschäftsjahr auf 1,74 Euro in diesem Jahr - immerhin ein Anstieg um 88 Prozent - sollte erst unternehmensseitig mit weiteren Zahlen unterfüttert werden.


Hinweis: Das neue Buch unseres Kolumnisten Klaus Lüpertz ist seit einigen Wochen erhältlich. Es ist im Gabler Verlag erschienen und trägt den Titel "Internetaktien - Gewinnstrategien nach dem Crash".

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