Analysten Muss die Zunft nun zittern?

Premiere am Neuen Markt: Erstmals wird jetzt auch gegen einen Analysten wegen Insider-Verdachts ermittelt. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob der Bank-Mitarbeiter an Kursmanipulationen beim Unternehmen CPU beteiligt war.
Von Clemens von Frentz

Augsburg - Zum ersten Mal in der bundesdeutschen Börsengeschichte ist nun auch ein Analyst wegen Insider-Verdachts ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Der frühere Mitarbeiter der Bayerischen Landesbank soll im ersten Halbjahr 2000 dazu beigetragen haben, den Aktienkurs der am Neuen Markt notierten Software-Firma CPU  zu manipulieren, berichtete die Augsburger Staatsanwaltschaft am Dienstag.

Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz lancierte der Analyst gemeinsam mit einem Ex-Vorstand des Augsburger Unternehmens zwischen Januar und Mai 2000 Studien und Kaufempfehlungen, obwohl beide gewusst hätten, dass wegen interner Probleme "eine erhebliche negative Kursbeeinflussung zu erwarten war".

Anzeige im April 2001

Die Ehefrau des Vorstands habe in der gleichen Zeit eine Million Aktien im Wert von knapp 60 Millionen Mark verkauft. Die Staatsanwaltschaft habe zur Gewinnabschöpfung erhebliche Vermögenswerte beschlagnahmt.

Ausgelöst wurden die Ermittlungen offenbar durch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe), das sich einige Monate mit dem Fall CPU befasst hatte. BAWe-Sprecherin Regina Nößner gegenüber manager-magazin.de: "Wir haben im April 2001 Anzeige gegen verschiedene Tatverdächtige erstattet, und zwar sowohl gegen Primär- als auch Sekundär-Insider."

Gerüchte über unlautere Aktienverkäufe durch CPU-Chef Jochen Furch hatte es bereits seit einiger Zeit gegeben. Der Betroffene selbst hatte jedoch stets dementiert. Noch Mitte August vergangenen Jahres drohte der Vorstandschef mit rechtlichen Schritten gegen die Berichterstattung über sein Management sowie die Behauptung, er habe 1999 Aktien der CPU veräußert und sich damit bereichert.

Anderslautende Berichte, so Furch, seien "falsch, schlecht oder überhaupt nicht recherchiert". Sowohl seine Familie als auch er hätten sich an die Lockup-Periode gehalten.

Aktienverkäufe vor Hiobsbotschaften

Bundesweit 26 Immobilien durchsucht

Auch gegen einen weiteren Vorstand, dessen Frau und drei andere führende Manager wird wegen des Verdachts auf Insidergeschäfte ermittelt. Sie sollen jeweils kurz vor der Veröffentlichung schlechter Unternehmensmitteilungen Aktien im Gesamtwert von 270.000 Euro (rund 530.000 Mark) auf den Markt geworfen haben.

Gegen fünf damalige Mitarbeiter besteht zudem der Verdacht, sie hätten das Unternehmen vor zwei Jahren mit krass überteuerten Firmenkäufen in mehrstelliger Millionenhöhe geschädigt.

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen wurde am Dienstag bei Durchsuchungen von bundesweit 26 Häusern umfangreiches Beweismaterial sicher gestellt. Nach Angaben der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist damit erstmals ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, das sich auch gegen einen Analysten richtet. "Ich hatte mir schon lange gewünscht, dass Analysten verantwortlich gemacht werden", sagte die DSW-Landesvorsitzende in Bayern, Daniela Bergdolt.

Bei der Bayerischen Landesbank war am Dienstag zunächst niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Auf Anfrage von manager-magazin.de am Mittwoch-Morgen bestätigte Sprecher Peter Kulmburg die Durchsuchungs-Aktion vom Dienstag, von der auch die Landesbank betroffen war.

Strafanzeige wegen "verschiedener Verdachtsmomente"

Der beschuldigte Analyst allerdings ist bereits seit etwa einem Jahr nicht mehr für das Finanzhaus tätig. Kulmburg: "Wir haben uns Ende 2000 voneinander getrennt." Die Bayerische Landesbank war zuvor mehrfach durch Kaufempfehlungen für CPU aufgefallen. Ob das ein Zufall ist, muss nun der Staatsanwalt ermitteln.

Tatsache ist, dass die Landesbank die Aktiengesellschaft beim Börsengang am 19. April 1999 als Konsortialführerin betreut hatte; außerdem war das Finanzhaus sowohl Kunde als auch Großaktionär von CPU. Die Beteiligung an dem Nemax-Unternehmen lag bei deutlich über zehn Prozent.

Fragwürdige Studien der Landesbank

Halte-Empfehlung trotz Krise

Nach dem Börsengang hatte die Bayerische Landesbank mehrfach positive Studien zu CPU  veröffentlicht. Eine Studie datiert vom 11. Januar letzten Jahres, wenige Wochen vor dem Platzen der Spekulationsblase am Neuen Markt.

Der Analyst lobte in dieser Beurteilung das Unternehmen für die "konsequente Umsetzung von strategischen Zielen" und schrieb im Fazit: "Trotz eines etwas turbulenten Geschäftsverlaufs im 2. Halbjahr ist CPU weiterhin auf dem Weg, sich zu einem der führenden Anbieter im Bereich Finanzsoftware zu entwickeln."

Selbst Ende August 2000, als der Niedergang des Neuen Marktes schon längst begonnen hatte, riet der Landesbank-Analyst zum Halten der Aktie. Das Unternehmen befinde sich zur Zeit in einem Wandlungsprozess vom Softwarehersteller zum Projektanbieter, um direkter auf Kundenwünsche einzugehen. Zudem sei die Aktie auf dem derzeitigen Kursniveau relativ günstig, zumal die Möglichkeit der Übernahme bestehe. Ein Einstieg allerdings sei nur spekulativen Anlegern zu empfehlen.

Einstweilige Verfügung gegen Delisting erwirkt

Einige Monate zuvor, am 16. Mai, hatte der Analyst der Aktie gar ein Kurspotential von 70 Euro bis Jahresende attestiert. Obwohl die Aktie bereits auf 25 Euro gefallen war, gab er sich sehr optimistisch. Diese Zuversicht begründete er später mit Informationen aus dem Unternehmen. Er habe "vom Vorstand auf Basis des aktuellen Auftragsbestandes Signale erhalten, dass mit einem Breakeven im laufenden Jahr zu rechnen ist".

Die zuversichtliche Prognose des Aktien-Experten ging nicht auf. Im vergangenen Jahr fuhr CPU bei einem Umsatz von 20,2 Millionen Mark einen Verlust von fast 38 Millionen Mark ein.

Die Aktie ist massiv gefallen. Mittlerweile notiert sie nur noch knapp über der "Pennystock-Marke" von einem Euro. Eine Verbannung vom Neuen Markt muss CPU allerdings vorerst nicht befürchten. Die AG hat eine Einstweilige Verfügung erwirkt, um trotz ihrer massiven Probleme im "Qualitätssegment der Wachstumsaktien" (Zitat Deutsche Börse AG) verbleiben zu können.

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Anmerkung der Redaktion: Der Prozess wegen Insiderhandels gegen Jochen Furch ist im Dezember 2005 gegen Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 30.000 Euro eingestellt worden. Das Gericht erkannte nur mehr eine geringe Schuld bei Furch, da sich nach Zeugenaussagen herausgestellt hatte, dass Furch sich nicht persönlich bereichert, sondern die aus dem Verkauf von Aktien seiner Frau erlösten Millionen einem befreundeten Geschäftspartner geliehen hatte.