Neuer Markt Ein Fressen für die Pleitegeier

Die Pleitewelle am Neuen Markt erfasst jetzt auch ehemalige Schwergewichte. Nach Brokat und Biodata droht nun Kinowelt das Aus. Der Höhepunkt der Insolvenzen ist noch nicht erreicht, fürchten Experten.

München - Die Flurbereinigung am Neuen Markt erreicht jetzt auch einstige Schwergewichte. Waren es anfangs vor allem kleinere Firmen, denen die Luft ausging, droht jetzt auch einigen Großen von früher das Aus.

In der vergangenen Woche stellte Biodata  als erstes Unternehmen aus dem Schwergewichte-Index Nemax 50 Insolvenzantrag, wenige Tage später folgte der frühere Börsenstar Brokat  . Am Montag nun präsentierte der Medienkonzern Kinowelt  den Anlegern die Hiobsbotschaft: Die niederländische ABN Amro-Bank hat Kredite mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Mark gekündigt. Wenn keine kurzfristige Einigung mit ABN Amro möglich sei, müsse wohl ein Insolvenzverfahren eingeleitet werden.

"Wir werden noch Dutzende von Pleiten sehen"

Zwar erholte sich der Neue Markt nach eineinhalb Jahren Talfahrt in den vergangenen Wochen von seinen Tiefstständen und erinnerte bei einzelnen Aktien mit Kurssprüngen von teilweise mehreren hundert Prozent an bessere Zeiten.

"Die Flurbereinigung am Neuen Markt ist aber noch nicht abgeschlossen", sagt Gottfried Heller, Chef der Münchner Fiduka Depotverwaltung GmbH und langjähriger Partner des gestorbenen Börsenaltmeisters Andre Kostolany. "Ich bin mir sicher, dass wir bestimmt noch 30 bis 40 weitere Pleiten erleben werden."

Die Ursachen für die finanziellen Schwierigkeiten sind nach Einschätzung von Experten meist die Gleichen. Mit den Millionen-Erlösen aus dem Börsengang gingen viele Firmen in einem Anflug von Größenwahn auf rasanten Expansionskurs. Wer aber nach ein paar Jahren den Sprung in die Profitabilität nicht schafft, steht vor dem Aus, wenn der Emissionserlös aufgebraucht ist. Denn Kapitalerhöhungen sind derzeit kaum noch am Markt zu platzieren.

Sie träumten von der Weltliga

Das Software-Unternehmen Brokat, 1994 von einem Absolventen der Uni Tübingen gegründet, verkraftete insbesondere die Milliarden teuren Übernahmen in den USA nicht. Auch Kinowelt-Chef Michael Kölmel träumte von der Weltliga. Für 500 Millionen Mark überbot er beim Poker um ein Filmpaket des US-Konzerns Time Warner die Konkurrenten Bertelsmann und Kirch. "Die haben Mondpreise gezahlt", sagt Heller. Da RTL und die Sender der KirchGruppe Kölmel in der Folge auf seinen Rechten sitzen ließen und keine Kinowelt-Filme mehr abnahmen, geriet das Unternehmen in die Enge.

Der Privatanleger ist der Dumme

Verlierer der fehlgeschlagenen Geschäfte vieler Unternehmen am Neuen Markt sind meist die Anleger. Die Kinowelt-Aktie stand einmal bei fast 90 Euro, am Montag war sie nach einem Kurssturz um zeitweise mehr als 30 Prozent nur noch 0,60 Euro wert. "Dazu fällt mir nur das Wort Kapitalvernichtung ein", kommentierte eine Aktionärsschützerin auf der Hauptversammlung im Juni das Geschäftsgebaren bei Kinowelt. Nicht anders sieht es bei Firmen wie Brokat oder Biodata aus, die ebenfalls zu so genannten Penny Stocks verkommen sind.

Die Ernüchterung am Neuen Markt werde noch auf Jahre anhalten, ist Heller überzeugt. "Banken und Anleger werden künftig sehr viel vorsichtiger sein." Dennoch habe das Börsensegment eine Zukunft, da es für die Finanzierung junger Unternehmen und somit für die Schaffung neuer Arbeitsplätze von enormer Bedeutung sei. Der derzeitige Reinigungsprozess werde helfen, das Vertrauen wieder herzustellen.


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