Die Trinkaus-Kolumne Totgeglaubte leben länger...

... das sagt zumindest der Volksmund. Wer bislang an dieser Weisheit zweifelte, fand in der vergangenen Woche mehrere Belege für ihre Richtigkeit, meint Klaus Lüpertz, Aktien-Experte von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Der erste Beweis wurde in Dortmund erbracht. Dort schlug die deutsche Fußballnationalmannschaft unter Leitung von Teamchef Ruuuuuuuuuudi Völler (von den Fans auch liebevoll "Tante Käthe" gerufen) eine ukrainische Auswahl, deren Spieler am besagten Abend offensichtlich weder besser konnten noch wollten. Und die deutsche Boulevardpresse feierte den Sieg in einem Spiel mit dem Charakter eines Testkicks nicht mit Schlagzeilen wie "Schwein gehabt" oder eben "Totgesagte leben länger!", sondern mit dem Aufmacher "Lasst Euch umarmen, Ihr Helden".

Für alle Nichteingeweihten nur dies zur Aufklärung: Deutschland musste dieses Relegationsspiel (Fachausdruck für das aus der Schule bekannte "Nachsitzen") bestreiten, da die einstige Fußballvorzeigenation zu Hause gegen Finnland nur "unglücklich" unentschieden spielte und England "knapp" unterlag. Sei’s drum: Totgesagte leben länger!

Siemens-Verlust niedriger als befürchtet

Die zweite Bestätigung der Weisheit fand weiter im Süden der Nation statt. Dort präsentierte Siemens-Chef Heinrich von Pierer die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr. Mit einem Umsatzsprung um 9,3 Prozent im vierten Quartal, einem Ebita von minus 130 Millionen Euro und einem Netto-"Gewinn" von minus 1,1 Milliarde Euro überraschte der deutsche Großkonzern die Mehrheit der Analysten, die teilweise mit noch deutlich schlechteren Zahlen gerechnet hatten.

Im Bereich Information und Kommunikation fiel trotz des schlechten Marktumfeldes das Ergebnis besser als erwartet aus. Hier greifen offensichtlich schon die im letzten Quartal eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen. Auch die zyklischen Bereiche zeigten gute Ergebnisse, allen voran das Arbeitsgebiet Power Generation mit einem Ebita von 202 Millionen Euro; der Auftragsbestand in der Unternehmenssparte entspricht heute bereits in etwa dem eines Jahresumsatzes.

Besonders erfreut zeigte sich die Investmentgemeinde von den Perspektiven für das künftige Geschäft. Es fehlte zwar der konkrete Ausblick, aber die Äußerung Heinrich von Pierer's, man könne die Kostensenkungsprogramme (Stichwort: 10-Punkte-Programm) weiter erfolgreich umsetzen und so eine positive Wirkung für das operative Ergebnis erreichen, löste schon mehr als nur leichte Hoffnung aus. So ist die Aktie innerhalb weniger Tage bis auf 68,17 Euro geklettert.

Dabei ist bis heute seitens des Managements noch nicht der Beweis erbracht worden, wie man in längeren konjunkturell schwierigen Zeiten bestehen kann. Sorgen bereitet auch weiterhin der Bereich der Mobiltelefone, wo Siemens  - trotz einer Positionierung als Nr. 3 nach globalen Marktanteilen - weiterhin tiefrote Zahlen schreibt.

Was unterscheidet den Siemens-Chef von Rudi Völler?

Die Auswirkungen der Kapazitätsanpassungen bleiben abzuwarten. Die Netzwerksparte leidet aktuell immer noch unter der Schwäche der US-Wirtschaft, und auch der Ausblick für Infineon ist nicht sonderlich erbaulich. Alles in allem: Siemens trat auch den Beweis an, dass man den Vergleichsmaßstab nur tief genug legen muß, um die Beobachter dann wieder einmal positiv überraschen zu können.

Rudi Völler hat bis zur WM 2002 Zeit, aus wenigen nachwachsenden Talenten eine Mannschaft zu formen, die vielleicht von einem Achtel- oder gar Viertelfinale im großen Turnier träumen darf. Zwischenzeitliche Rückschläge wird Tante Käthe mit der normativen Kraft seiner faktischen Popularität mehr oder weniger unbeschadet überstehen.

Heinrich von Pierer bleibt nicht so viel Zeit. Anleger und Analysten schauen immer mehr auf die Quartalszahlen, so dass bereits in drei Monaten die aktuelle Herrlichkeit beendet sein könnte. Doch selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Siemens nachhaltig auf dem Weg der Besserung ist, wird es auf der nächsten Hauptversammlung in 2002 wahrscheinlich eher nicht zu "Heiiiiiiiiiiiiiiiiiinrich, Heiiiiiiiiiiiiiiiiinrich"-Schlachtrufen kommen. Auch die Verleihung eines Kosenamens in Anlehnung an "Tante Käthe" würde den Autor sehr überraschen.



Hinweis: Das neue Buch unseres Kolumnisten Klaus Lüpertz ist seit einigen Tagen erhältlich. Es ist im Gabler Verlag erschienen und trägt den Titel "Internetaktien - Gewinnstrategien nach dem Crash".

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