Morgan Stanley Zinssenkung kam zu spät

Die Investmentbank kritisiert eine zu behäbige EZB. Folge: Rezession in Euroland.

London - Die internationale Investmentgesellschaft Morgan Stanley Dean Witter hält die Senkung der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank (EZB) für verspätet und unzureichend, um einen Konjunkturabschwung noch abzuwehren. Die EZB könne mit ihren Zinssenkungen die bereits eingeleitete Rezession nicht stoppen, schrieb der Konjunkturexperte Eric Chaney Allerdings würden dadurch eine nachfolgende Erholung beschleunigt und Deflationsrisiken begrenzt.

Der Experte nannte mehrere Gründe, weshalb Leitzinssenkungen in Kontinentaleuropa weniger wirksam seien als in den USA und in Großbritannien. Die Geldpolitik sei zwar generell nicht besonders wirksam, um kurzfristig konjunkturelle Impulse zu verschaffen, meint Chaney. Dies gelte aber insbesondere für Kontinentaleuropa, wo - anders als in den USA und in Großbritannien - strukturelle Probleme eine schnelle Gesundung durch Zinssenkungen schwieriger machten.

Verantwortlich für die geringe Zins-Sensibilität der Märkte seien in Kontinentaleuropa vor allem die geringere Verschuldung in der Privatwirtschaft und der weit höhere Anteil festverzinslicher Schuldverschreibungen. Dadurch könne die Privatwirtschaft kaum auf kurzfristige Zinssenkungen reagieren, erläuterte der Experte. Da die langfristigen Zinsen derzeit ohnehin sehr niedrig seien, könnten Leitzinsänderungen nur schwache Impulse setzen.

In den USA und in Großbritannien seien Leitzinssenkungen aber auch aus einem weiteren Grund weit wirksamer: Dort sei die Verschuldung der privaten Haushalte nicht nur weit höher, sondern auch stärker an kurzfristige Zinsraten gebunden. Bei einer Zinssenkung könnten die Verbraucher deshalb schneller davon profitieren und mehr konsumieren. Somit wirkten sich Zinsschritte in den USA und Großbritannien schneller und zugleich deutlicher aus als in Kontinentaleuropa.

Das Fazit des Morgan Stanley-Experten ist ernüchternd: "Wenn Europa sich auf den Rezessionspfad begeben hat - wovon wir ausgehen - dann ist der monetäre Anreiz seit September zu spät gekommen, auch wenn er relativ deutlich ausfiel."

In dieser Situation könne nur noch eine sehr schnelle und bedeutende Steuersenkung die Lage verbessern, doch dies sei nicht in Aussicht. Vor allem derjenige EU-Staat, der eine steuerliche Entlastung am dringendsten brauche, nämlich Deutschland, habe bereits ein bedrohliches Defizit angehäuft, das sehr nah an den Maastricht-Grenzen liege.


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