Corporate Governance Die Kodex-Kommission soll es richten

Wer nicht weiter weiß, der gründet einen Arbeitskreis: Deutschland hat die Diskussion um eine transparente, effiziente Führung und Kontrolle von börsennotierten Unternehmen lange Zeit ignoriert.

Da ausländische Investoren das Leitungsmodell der "Deutschland AG" skeptisch beäugen und deutsche Unternehmen im globalen Wettbewerb immer mehr auf internationales Kapital angewiesen sind, kann das Spiel auf Zeit nicht mehr lange funktionieren. "Wir müssen uns auf die Erwartungen der internationalen Kapitalmärkte einstellen, sonst wird das Geld woanders ausgegeben", sagt Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp und Vorsitzender der noch jungen "Kodex-Kommission" für Corporate Governance in Deutschland.

Unerledigte Hausaufgaben

Cromme ist keineswegs der Erste, der sich mit dem leidigen Thema befasst. Kanzler Gerhard Schröder hatte bereits eine Regierungskommission "Corporate Governance" ins Leben gerufen, um die immer lauter werdende Kritik an der deutschen Unternehmensverfassung zu dämpfen. Das duale System mit vertrautem Vorstand und paritätisch besetztem Aufsichtsrat ist auf dem Prüfstand. Der starke Einfluss von Banken und Versicherungen in den Unternehmen sowie die weit gehende Abschottung gegen ausländischen Einfluss sind Investoren ein Dorn im Auge. Viele wünschen sich das angelsächsische Modell des "Board of Directors": Doch über Jahre gewachsene Strukturen der "Deutschland AG" lassen sich nicht im Handstreich abschaffen, ohne dass es dem Establishment weh tut.

Verhaltensregeln bis Frühjahr 2002

Schröders Regierungskommission hat den Ball an Vertreter der Wirtschaft zurückgespielt: Eine "Kodex-Kommission", die im September ihre Arbeit aufgenommen hat, soll nun Verhaltensregeln für die Führung und Kontrolle börsennotierter Unternehmen erarbeiten. Neben Gerhard Cromme gehören unter anderen Rolf Breuer (Deutsche Bank), Paul Achleitner (Allianz) und Wendelin Wiedeking (Porsche) zu dem illustren Club von Reformern, die allesamt mit dem alten System gut vertraut sind. Bis zum Frühjahr 2002 soll die Kommission einen Entwurf für einen Verhaltenskodex vorlegen.

Die behutsamen Änderungen geschehen auf freiwilliger Basis: Die neuen Verhaltensregeln für Vorstände und Aufsichtsräte werden nicht gesetzlich festgeschrieben. Freiwillige Selbstverpflichtung statt richterliche Kontrolle lautet die Devise. Das Aktiengesetz könne nicht alle Verhaltensbereiche erfassen, sagt Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, die die Kodex-Kommission eingesetzt hat. Auch Finanzmarktexperten bevorzugen ein Modell, das Spielräume lässt: Ein flexibler Kodex werde der "dynamischen Entwicklung der Finanzmärkte" eher gerecht als ein starres Gesetz, meint Hermann Prell von UBS Warburg.

Wer nicht mitspielt, muss sich rechtfertigen

Immerhin wird neben der freiwilligen Selbstverpflichtung eine Berichtspflicht eingeführt. Vorstand und Aufsichtsrat sollen künftig einmal pro Jahr erklären müssen, inwieweit sie die Verhaltensregeln befolgen und in welchen Punkten sie abgewichen sind. Das Prinzip des angelsächsischen "comply or explain" soll den Druck auf die Führungsriege erhöhen: Wer sich ohne Not von den guten Sitten verabschiedet, werde von Öffentlichkeit und Aktionären abgestraft, so die Hoffnung.

Internationale Anerkennung überlebenswichtig

Ob die Grundanforderungen von mehr Transparenz, strengerer Kontrolle des Managements, besserer Vergleichbarkeit der Bilanzen und stärkerer Beteiligung aller Aktionäre auf diese Weise erfüllt werden, ist offen. Auf jeden Fall sollte der Entwurf der Kommission auch mit internationalen Fondsmanagern und Investoren abgestimmt werden, fordern Experten. Die Anerkennung auf dem Weltmarkt und der Abschied vom deutschen Sonderweg seien entscheidend, um deutschen Unternehmen mehr Spielraum im globalen Business zu verschaffen.

Wie schwierig es werden kann, wenn die eigenen, als Akquisitionswährung eingesetzten Aktien nicht lange in den Händen der Investoren bleiben, haben global agierende Unternehmen wie DaimlerChrysler und jüngst die Deutsche Telekom leidvoll erfahren: Nach Ablauf der Haltefristen ließen internationale Investoren die Aktien fallen wie heiße Kartoffeln. Im weltweiten Wettbewerb lässt sich so kaum bestehen.

Kai Lange