Kommentar "Sechs - setzen!"

Die Verschärfung der Vorschriften am Neuen Markt hat große Hoffnungen geweckt, aber die Ergebnisse sind fragwürdig. Schlimmer noch: Die Delisting-Regel, mit heißer Nadel gestrickt, erweist sich als Lachnummer. Die Anleger erwarten ein klärendes Wort der Deutschen Börse AG, aber die sitzt in der Deckung und schweigt.

Seit gut zwei Monaten watschen Richter die Deutsche Börse ein ums andere Mal ab. Vom Ausschluss bedrohte "Penny-Stocks" triumphieren vor Gericht, wehren sich erfolgreich gegen das unausgegorene Regelwerk am Neuen Markt. Mit EJay und Tiscon sicherten am Montag mittlerweile insgesamt 18 Unternehmen ihren (vorläufigen) Verbleib am Wachstumssegment - sie werden nicht die letzten sein. Die so genannten Delisting-Regeln sind nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Was als vertrauensbildende Maßnahme konzipiert war und dem Wachstumssegment neuen Schwung verleihen sollte, versteht kein Anleger mehr. Zwischen den Zeilen lautet die Botschaft der Richter: "Thema verfehlt. Sechs - setzen!"

In der Tat, die Deutsche Börse hat ihre Hausaufgaben schlecht gemacht. Es kann zum Beispiel nicht angehen, dass Unternehmen auf Grund unterschiedlicher Kontrakte mit der Deutschen Börse per Gerichtsbeschluss am Neuen Markt verbleiben dürfen (siehe Prout) und andere nicht. So lässt sich Anlegervertrauen definitiv nicht zurückgewinnen.

Schließlich stehen die in Eile zusammengezimmerten Ausschluss-Kriterien selbst zur Disposition: Die Begrenzung auf eine bestimmte Marktkapitalisierung und das Unterschreiten der 1-Euro-Grenze 30 Tage in Folge lassen sich beliebig manipulieren. Schon hocken "Stock Promoters"  in den Startlöchern und bieten den von Verdammnis Bedrohten ihre Dienste an: Zweifelhafte Kurspflege, nicht zuletzt durch Gefälligkeitsgutachten und gegen Cash. Wenn der Verbleib am Wachstumssegment im Zweifelsfall durch die bessere Propaganda entschieden wird, dann darf man mit Fug und Recht prognostizieren: "Gute Nacht, Neuer Markt!"

Der Deutschen Börse läuft die Zeit weg. Ihr droht mit jedem weiteren Gerichtsurteil gegen die Delisting-Regeln neuer Gesichts- und Vertrauensverlust. Nach der jüngsten Umfrage von manager magazin glauben ohnehin nur noch 29 Prozent der Anleger an die positive Wirkung der Reformen.

Gefragt ist Rainer Riess, Head of Primary Markets bei der Deutschen Börse AG und damit unter anderem verantwortlich für den Neuen Markt und für das Smallcap-Segment Smax. Doch statt offensiv auf die Öffentlichkeit zuzugehen und in einem weiteren Schritt alle Beteiligten schleunigst an einen Tisch zu rufen, hüllt sich Riess in Schweigen. Derlei Gebaren kennt man vom Neuen Markt zur Genüge - das brauchen wir nicht mehr. Man gewinnt den Eindruck, es sei ihm sogar recht, wenn andere seinen Job machten und der Gesetzgeber - wie von vielen Experten gefordert - die Zügel in die Hand nimmt.

Von Lutz Reiche

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