Die Trinkaus-Kolumne Oktoberfeststimmung für Internetaktien?

Finger weg von den "dot.coms", bis der Ausverkauf ein Ende gefunden hat, meint Klaus Lüpertz, Aktien-Experte von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Die letzten Börsentage haben zu einer erstaunlichen Entwicklung geführt. Viele, die noch vor wenigen Wochen als "Bären" daherzukommen schienen, haben sich augenscheinlich einer gentechnischen Behandlung unterzogen und führen nun die Rolle der unerschrockenen "Bullen" auf.

Gerade für Internetaktien scheint sich die Stimmung ganz extrem zu verändern. Schenkt man den Schlagzeilen für Telefon-Hotlines im Videotext glauben, so hat sich die Welt seit dem 11. September zum zweiten Mal so stark verändert, dass "nichts mehr so sein wird wie zuvor".

Nahezu purer Optimismus, wohin das Auge blickt! Erste Überschriften versprechen schon wieder die neuen "300-Prozent-Raketen"! In einigen Börsenbriefen und an den Kiosken überschlagen sich die reisserischen Aufmacher. Der Grundtenor ist immer der gleiche: "Jetzt sofort einsteigen in Internetaktien! Der Zug rollt schon, wer jetzt nicht aufspringt kommt zu spät!"

Verhältnisse wie auf dem Jahrmarkt

Vom Tonfall her erinnert mich das alles an weit entfernte Kindertage: Ich sehe mich noch mit meinen Freunden an der Kirmesraupe stehen und wir schauen dem Ansager in seinem muffigen Häuschen zu, der versucht, das letzte Taschengeld aus meinen Freunden und mir herauszukitzeln.

Dazu nutzt er die immer gleich monotone Aufforderung: "Einsteigen, zusteigen, die nächste Fahrt geht rückwärts. Wer den Schlüssel aus dem Ball zieht, der fährt einmal gratis. Wir machen für eine Minute das Verdeck herunter, und ihr wisst, was dann geht. Aber Vorsicht, wenn es wieder hell wird. Hahahaha."

Sie schmunzeln? Nun, die Parallelen zur aktuellen Stimmungslage vieler "Internetgurus" – vielleicht wäre der Begriff "Internet-Propagandisten" treffender – ist durchaus vergleichbar. Das Angebot, jetzt in Internetaktien einzusteigen, ist aus meiner Sicht jedenfalls genauso unseriös, denn: Was hat sich im Lauf der letzten Monate per saldo groß geändert? Es gab die starken Irritationen als Folge der Ereignisse vom 11. September. Mittlerweile haben die Kurse größtenteils das Niveau von vor dem Anschlag erreicht.

Aber: Die USA sind immer noch ungebremst und mit größerer Wahrscheinlichkeit als noch vor kurzem auf dem Weg in die Rezession. Europa wird in den nächsten Monaten den Abwärtstrend nachzeichnen, wenn auch auf etwas höherem Niveau, und Japan bereitet sich auf die vierte Rezession der Dekade vor.

Viele Internetaktien immer noch zu teuer

Die branchenspezifischen Wert-Treiber im Bereich Internet haben sich in toto auch weiter verschlechtert als verbessert. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei Internet-Service-Providern ist immer noch der Terminal Value, der sich im Zweifel aus Cash-Flows berechnet, die erst nach 2010 anfallen (!), für über 75 bis 80 Prozent des Börsenwertes verantwortlich! Einzige Ausnahme: Dem Sektor "Security" billige ich in den nächsten Monaten ein höheres Wachstum zu (Stichwort: 11. September).

Es bleibt aber dabei: Viele Internetaktien sind immer noch zu teuer! Deshalb kann es im Sektor nur heißen: Finger weg, bis der Ausverkauf ein Ende gefunden hat.



Hinweis: Das neue Buch unseres Kolumnisten Klaus Lüpertz ist seit einigen Tagen erhältlich. Es ist im Gabler Verlag erschienen und trägt den Titel "Internetaktien - Gewinnstrategien nach dem Crash".

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