Neuer Markt Triumph der Penny-Stocks

Die Delisting-Regeln der Deutschen Börse verkommen zu Makulatur. Mit EJay und Tiscon haben bereits 18 Unternehmen eine Verfügung gegen die Verbannung vom Neuen Markt erwirkt, rund 30 weitere Verfahren sind anhängig. Anlegerschützer schlagen Alarm.

Darmstadt – Im Zusammenhang mit den umstrittenen Delisting-Regeln für den Neuen Markt muss die Deutsche Börse AG immer neue Rückschläge hinnehmen. Nachdem erst am vergangenen Freitag die Prout AG eine einstweilige Verfügung gegen ein drohendes Delisting erwirkt hatte, meldeten am Montag auch die Vorstände von Ejay  und Tiscon , dass sie beim Frankfurter Landgericht entsprechende Anträge durchgesetzt haben.

Mit der Einstweiligen Verfügung erhalten die Unternehmen nach eigenen Angaben eine Fristverlängerung von sechs Monaten bis zum 1. April 2002. Damit haben sich bislang 18 Unternehmen erfolgreich gegen einen drohenden Ausschluss vom Neuen Markt gewehrt. Die ab den 1. Oktober geltenden Ausschlussregeln für den Neuen Markt werden damit weiter untergraben.

Die Deutsche Börse will durch die Regeln wieder Vertrauen in das krisengeschüttelte Segment bringen. Auf dem Prüfstand stehen Unternehmen, deren Aktienkurs an 30 aufeinander folgenden Börsentagen den Kurs von 1 Euro unterschreitet und deren Marktkapitalisierung zugleich unter 20 Millionen Euro sinkt.

Prout darf "dauerhaft" am Neuen Markt bleiben

Erst am Freitag hatte Prout  beim Landgericht Frankfurt eine einstweilige Verfügung gegen ein drohendes Delisting erwirkt. Das Bemerkenswerte: Nach Auskunft des Vorstands entsprach des Gericht "in vollem Umfang dem Antrag" des Darmstädter Spezialisten für Document-Output-Management Software.

Anders als bei den anderen erfolgreichen Delisting-Verweigerern am Neuen Markt wurde damit erstmals eine Ausnahmeregelung erstritten, die weit über eine "Gnadenfrist" von einigen Monaten hinaus geht. In der Ad-Hoc-Meldung des Unternehmens heißt es: "Danach haben die zum 1. Oktober neu eingeführten Delisting-Vorschriften für den Neuen Markt dauerhaft keine Auswirkungen auf die Prout AG."

Ein Justiz-Sprecher begründete die Entscheidung des Frankfurter Landgerichts mit der Art des Vertrages, der zwischen der Deutschen Börse und Prout vor dem Börsengang geschlossen wurde. "Im Gegensatz zu den vorigen Fällen hat sich die Firma Prout nur der ursprünglichen Verfassung des Neuen Marktes unterworfen", sagte er.

Daher dürften Änderungen des Regelwerks nur mit Zustimmung des Unternehmens erfolgen. Die Deutsche Börse könne gegen die Entscheidung jedoch Widerspruch einlegen. Nach Angaben des Landgerichts sind 30 vergleichbare Verfahren von Nemax-Firmen anhängig.

Schon 18 Nemax-Firmen haben sich gewehrt

Erst vor wenigen Tagen hatte eine Einstweilige Verfügung der Teamwork information management AG für Aufsehen gesorgt. Trotz ihres Insolvenzantrags hat die Paderborner Aktiengesellschaft ebenfalls eine Gnadenfrist erstritten, die dem Unternehmen einen Aufschub von einem Jahr gewährt. Der Teamwork-Vorstand hatte seinen Antrag damit begründet, dass ein Listing am Neuen Markt für die laufenden Sanierung des Unternehmens von existenzieller Bedeutung ist.

Mit dem jüngsten Fall ist die Zahl der erfolgreich durchgesetzten Einstweiligen Verfügungen gegen die Delisting-Regel auf 18 gestiegen. Eine komplette Liste dieser Werte finden Sie hier .

DSW fordert "Runden Tisch" mit allen Beteiligten

In den Reihen der Anlegerschützer häuft sich unterdessen die Kritik an den Verhältnissen des Neuen Marktes und am Vorgehen der Deutschen Börse AG. Rechtsanwalt Klaus Nieding, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW ), spricht von einer "fatalen Situation".

Nieding gegenüber manager-magazin.de: "Offensichtlich gibt es unterschiedliche Verträge mit den verschiedenen Firmen im Nemax-Segment, was nun dazu geführt hat, dass wir drei Klassen von Unternehmen haben: Einige halten sich an das Regelwerk und verlassen den Neuen Markt, sobald sie die Kriterien nicht mehr erfüllen, andere verschaffen sich mit einer Einstweiligen Verfügung einen Aufschub, und wieder andere - wie Prout - hebeln das Regelwerk ganz aus."

Eines der Hauptprobleme des Neuen Marktes ist nach Einschätzung Niedings die privatrechtliche Konstruktion des Wachstums-Segements. Nieding dazu: "Was wir jetzt brauchen, ist ein 'Runder Tisch' mit allen Beteiligten. Wenn man dabei nicht zu einer befriedigenden Lösung kommt, ist der Staat gefragt. Dann muss man über eine öffentlich-rechtliche Variante nachdenken."

DSW-Sprecherin: "Börse läuft Entwicklung hinterher"

Ähnlich äußert sich Niedings Kollegin Petra Krüll. Durch die jüngste Gerichts-Entscheidung, so die DSW-Sprecherin, werde die Deutsche Börse weiter gebremst. "Sie lief schon vorher den Entwicklungen hinterher." Die Prout-Verfügung stelle nicht nur die Delisting-Regeln in Frage, sondern "auch andere Verschärfungen verkommen zur Makulatur".

Die privatrechtliche Struktur hat sich nach Krülls Einschätzung als wenig tauglich erwiesen; nun müsse der Neue Markt öffentlich-rechtlich geregelt werden. Dann könnte, wie schon früher gefordert, eine Aufsichtsbehörde installiert werden. Auch die anderen Börsensegmente seien schließlich öffentlich-rechtlich organisiert.

Deutsche Börse: "Die Regelung ist sinnvoll"

Die Deutsche Börse will sich zu dem jüngsten Fall bislang nicht äußern. Gegenüber manager-magazin.de sagte die zuständige Sprecherin Candice Adam: "Wir haben die Verfügung noch nicht zugestellt bekommen. Daher können wir keine Stellungnahme abgeben."

Gleichzeitig betonte die Sprecherin jedoch, dass sich an der grundsätzlichen Einstellung der Deutschen Börse AG in Bezug auf die Penny-Stocks am Neuen Markt nichts geändert hat. Adam: "Diese Regelung ist sinnvoll und wird von uns als notwendig erachtet."

Droht ein Marathon durch die Gerichts-Instanzen?

Gegenüber dem Berliner Nachrichtensender n-tv sagte DSW-Vertreter Nieding, Rainer Riess, Leiter der Abteilung Primary Markets der Deutschen Börse AG und damit Chef des Neuen Marktes, wolle nach eigener Aussage Rechtsmittel gegen die Prout-Verfügung einlegen. Die Aussichten für dieses Unterfangen schätzt der Anwalt allerdings als schlecht ein. Eine mögliche Entscheidung vor dem Bundesgerichtshof sei erst nach einem Marathon von Gerichtsinstanzen zu erwarten; dies dauere möglicherweise sechs bis acht Jahre und damit viel zu lang.

Derzeit wartet das zuständige Führungsgremium der Deutschen Börse auf den Fortgang des Berufungsverfahrens gegen die Foris AG. Der Prozessfinanzierer hatte Mitte August als erstes Unternehmen eine Einstweilige Verfügung gegen die neuen Penny-Stock-Regeln durchgesetzt.


Die Liste der Penny-Stocks am Neuen Markt

Die Penny-Stock-Umfrage von mm.de

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