Ifo-Institut Die Stimmung bleibt trüb

Steuert Deutschland in die Rezession? Experten erwarten den tiefsten Ifo-Indexstand seit 1996.

Frankfurt am Main - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich nach den Anschlägen in den USA Analysten zufolge deutlich eingetrübt, eine Rezession allerdings dürfte gerade noch vermieden werden. Beim vielbeachteten Ifo-Index erwarten von Reuters befragte Experten für September im Schnitt mit 88,1 (August 89,5) Punkten den niedrigsten Stand seit mehr als fünf Jahren.

Darin werde sich die Furcht vor sinkenden Gewinnspannen durch Exportprobleme und einen Rückgang der Inlandsnachfrage ausdrücken, sagten die Volkswirte. Der Index-Rückgang könnte sich in den nächsten Monaten fortsetzen und gebe der EZB Spielraum für eine Zinssenkung möglicherweise schon bei der Ratssitzung am 25. Oktober. Das Münchener Institut wird den Index am Freitag gegen 10.00 Uhr veröffentlichen.

Terroranschläge haben die Konjunktur belastet

Vor allem die Geschäftserwartungen des Verarbeitenden Gewerbes dürften sich den Volkswirten zufolge weiter verschlechtert haben. "Die Gewinnerwartungen der Unternehmen haben gelitten, das wird sich nun in den Erwartungen für die Zukunft niederschlagen", sagte Trevor Williams von der Lloyds TSB Group in London. "Natürlich haben die Ereignisse des 11. September das Rezessionsrisiko in den USA erhöht...Das Vertrauen der Deutschen war ohnehin am Schwinden, und die Gefahr besteht darin, dass diese Entwicklung anhalten und sich noch verstärken könnte".

Thomas Hueck von der HypoVereinsbank sagte, für das dritte und vierte Quartal rechne er mit einem minimalen Wachstum von 0,1 oder 0,2 Prozent zum Vorquartal. "Wir werden es gerade so schaffen, an einer Rezession vorbeizukommen". Im zweiten Quartal hatte die deutsche Wirtschaft stagniert. Für das Gesamtjahr werde das Wachstum voraussichtlich bei 0,8 Prozent liegen und damit den Vorjahreswert von drei Prozent klar unterschreiten. Eine Erholung werde erst im zweiten oder dritten Quartal 2002 einsetzen, auch dann jedoch vornehmlich getragen vom Staat und nicht vom Privatsektor. Das Problem sei die Binnennachfrage, die in Deutschland nicht so ausgeprägt sei wie etwa in Frankreich, der zweitgrößten Volkswirtschaft in der Euro-Zone.

Experten erwarten weitere Zinssenkungen

Ein schwacher Ifo-Index würde den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) erhöhen, den Leitzins von derzeit 3,75 Prozent weiter zu senken, sagte Williams. Uneinig sind sich die Volkswirte darüber, ob die EZB die Zinsen bereits bei ihrer kommenden Ratssitzung am 25. Oktober lockern wird. Viele Marktteilnehmer erwarten jedoch, dass der Leitzins bis zum Jahresende bei 3,25 Prozent liegen wird.

Auch Bundesbankpräsident Ernst Welteke hatte jüngst bei einem weiteren Rückgang der Inflation in der Euro-Zone neuerliche Zinssenkungen nicht ausgeschlossen. "Wenn die Preisperspektiven noch günstiger werden, dann wird die EZB möglicherweise...den sich öffnenden Spielraum nutzen", hatte er am Dienstag gesagt. Wie das Europäische Statistikamt Eurostat am Mittwoch in Brüssel bekannt gab, hat sich der Preisauftrieb in der Euro-Zone weiter abgeschwächt, und zwar auf eine Jahresrate von 2,5 (August 2,7) Prozent. Damit nähert sich die Jahresteuerung zunehmend der EZB-Toleranzgrenze für Preisstabilität von zwei Prozent.

Eine Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ergab eine leichte Stabilisierung der Erwartungen im Oktober. Zwar seien die Erwartungen für Deutschland im Vergleich zum Vormonat insgesamt um 3,9 Punkte auf 9,8 Punkte gefallen, teilte das ZEW am Dienstag mit. Im Vergleich zu Umfragedaten, die im September nach den Anschlägen erhoben worden seien, sei im Oktober jedoch ein leichter Anstieg um 1,8 Punkte zu verzeichnen gewesen. Das ZEW befragt Analysten und institutionelle Anleger, während das Ifo seine Daten bei den Unternehmen direkt erhebt.

Exportwirtschaft schwächelt

Alexander Kockerbeck von Dresdner Kleinwort Wasserstein geht davon aus, dass sich die trübe Stimmung in den kommenden Monaten halten und der Index auf bis zu 87 Punkte sinken wird. "Die Hauptsorge ist das sinkende Wirtschaftswachstum in den USA und seine Auswirkungen auf die Exporte", sagte er mit Verweis auf die export-abhängige deutsche Wirtschaft, die stärker als andere europäische Wirtschaften auf die Absatzmärkte in den USA und Asien angewiesen ist.

Neueste Unternehmensnachrichten etwa über die Stellenstreichungen bei der Commerzbank und Siemens hätten mittlerweile die Hoffnung zerstört, dass der Tiefpunkt schon erreicht sei, sagten die Volkswirte. "Es gab Anzeichen dafür, dass der Ifo-Index und die deutsche Wirtschaft auf der Talsohle angekommen waren. Diese Vorstellung ist jetzt aber vom Tisch", sagte der europäische Chefvolkswirt bei Barclays Capital in London, Norman Williams.

Verwandte Artikel