Die Metzler-Kolumne Im Schatten des Terrors

Die Konjunktur lahmt. Analysten haben auf die neue Wirtschaftslage bereits mit gesenkten Prognosen reagiert. Doch dabei wird es nicht bleiben, meint Metzler-Chefanalyst Johannes J. Reich.

Wie es aussieht, steht die Weltwirtschaft gegenwärtig am Rande einer Rezession, wenn sie nicht schon mittendrin ist. Die seit einem Jahr sinkenden Konsenserwartungen für das Wachstum des Bruttosozialprodukts in den USA sind nach den Terroranschlägen im September nochmals dramatisch gefallen und implizieren für den Rest des laufenden Jahres eine schrumpfende Wirtschaft.

Japan befindet sich – selbst bei wohlwollendster Auslegung der ökonomischen Daten – bereits seit dem Sommer definitiv in einer Rezession. Die Wachstumserwartungen für Europa müssen deutlich reduziert werden und deuten zumindest bis zur Mitte des nächsten Jahres eine Stagnation an.

So hilfreich die jüngsten konzertierten Zinssenkungen der Zentralbanken sowie die fiskalischen Maßnahmen, die vor allem die US-Regierung beschlossen hat, zur Versorgung der Weltwirtschaft mit Liquidität und Investitionsanreizen sein mögen, so offen ist die Frage, wann und in welchem Maße diese Stimuli die gewünschten expansiven Effekte auslösen werden.

Langzeitprognosen werden kaum noch veröffentlich

Unsicherheit über die weitere Wirtschaftsentwicklung charakterisiert die aktuelle Lage mehr denn je. Nicht erstaunlich ist vor diesem Hintergrund, dass von den Unternehmen gegenwärtig kaum Projektionen oder gar Prognosen zu bekommen sind, die über die laufende Quartalsbetrachtung ihrer Umsatz- und Ergebnissituation hinausgehen. Wie die Geschäftsentwicklung im kommenden Jahr sein könnte, darüber wagen die meisten Unternehmen derzeit keine Aussagen zu machen.

Um so vorsichtiger muss man derzeit die aktuellen Gewinnschätzungen der Analysten für das kommende (und wohl auch für das übernächste) Jahr interpretieren. Zu Anfang des Jahres prognostizierte der Konsens - das heißt der Durchschnitt aller Schätzungen - beispielsweise für die Dax-Unternehmen einen durchschnittlichen Gewinnanstieg von zwölf Prozent für das laufende Jahr 2001 und einen Gewinnanstieg von elf Prozent für das kommende Jahr 2002. Inzwischen erwartet der Konsens für das laufende Jahr einen Gewinneinbruch von 28 Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr, jedoch einen Gewinnanstieg von gut 29 Prozent im kommenden Jahr.

Die Analysten haben also im bisherigen Verlauf dieses Jahres die Gewinnschätzungen für die Dax-Unternehmen für 2001 um durchschnittlich 36 Prozent nach unten korrigiert, die Gewinnschätzungen für 2002 aber nur um durchschnittlich 25 Prozent. Das hieße, dass die Gewinne der Dax-Unternehmen im Jahr 2002 nur etwa sieben Prozent unter denen des Jahres 2000 liegen werden – ein Jahr, in dem wir in Deutschland immerhin drei Prozent Wirtschaftswachstum hatten.

Gewöhnlich dauert es eine gewisse Zeit, bis die Analysten ihre Prognosen zu den Unternehmensgewinnen den veränderten Rahmenbedingungen angepasst haben. Je weiter ihre Schätzungen in der Zukunft liegen, um so eher ist dies – dem physikalischen Phänomen der Massenträgheit ähnelnd – tendenziell der Fall.

Korrekturen nicht ausgeschlossen

Oft warten die Analysten mit Anpassungen vor allem ihrer langfristigen Gewinnschätzungen, bis sie von den Unternehmen neue Fakten, Zahlen und Ausblicke vorgelegt bekommen. Und daran mangelt es zur Zeit.

Die Möglichkeit ist daher nicht von der Hand zu weisen, dass angesichts der für das kommende Jahr deutlich eingetrübten gesamtwirtschaftlichen Aussichten – der Konsens schätzt etwa für Deutschland ein Wachstum des Sozialprodukts im nächsten Jahr von real nur noch 1,5 Prozent nach ursprünglich zu Jahresanfang geschätzten 2,7 Prozent Wachstum – die Konsensschätzungen für die Unternehmensgewinne 2002 noch weiter nach unten korrigiert werden müssen.

Auch wenn also die Aktienmärkte auf Basis der aktuellen Gewinnschätzungen für 2002 günstig bewertet aussehen: Das Urteil dürfte anders ausfallen, wenn sich die Erwartungen deutlich steigender Unternehmensgewinne im nächsten Jahr nicht erfüllen. In der letzten rezessiven Phase der Weltwirtschaft (1991 bis 1993 infolge des Golfkrieges) dauerte es drei Jahre, bevor die Unternehmensgewinne grosso modo wieder stiegen.

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