Infomatec Durchbruch im Anlegerschutz

Erstmals wurde ein Schadensersatz-Prozess gegen eine Nemax-Firma zugunsten des Klägers entschieden. Das Landgericht Augsburg sprach einem ehemaligen Infomatec-Aktionär eine Summe von rund 100.000 Mark zu.
Von Clemens von Frentz

Augsburg - Im Schadenersatz-Prozess gegen das Software-Unternehmen Infomatec hat das Landgericht Augsburg einem Anleger rund 100.000 DM zugesprochen. Der Vorsitzende Richter Johann Gleich und seine Kollegen sahen es als erwiesen an, dass der Kläger auf Grund falscher Pflichtmitteilungen von Infomatec im Juni 1999 Aktien im Wert dieser Summe gekauft hatte.

Die Klageschrift der Münchener Kanzlei Rotter bezog sich im Wesentlichen auf eine Ad-Hoc-Meldung, die am 20. Mai 1999 veröffentlicht worden war. Überschrieben war die Mitteilung mit dem Satz: "Größter Deal der Firmengeschichte: Augsburger Softwarekonzern liefert zweitgrößtem netzunabhängigem Mobilfunkanbieter Surfstations und JNT-Lizenzen im Wert von ca. 55 Mio. DM." Vertragspartner sollte das Büdelsdorfer Unternehmen Mobilcom sein, das damals als eine der erfolgreichsten Gesellschaften am Neuen Markt galt.

Der Mobilcom-Deal kam nie zustande

Diesen "größten Deal der Firmengeschichte" hatte Infomatec bereits Ende März 1999 auf der Cebit in Hannover angekündigt. Der Nachrichtendienst "zdnet" berichtete am nächsten Tag: "Der Augsburger E-Commerce-Anbieter Infomatec will mit der Schleswiger Telefongesellschaft MobilCom zusammenarbeiten, um die private Internet-Nutzung voranzutreiben. ... Das Unternehmen plant, leicht zu bedienende Geräte für die Internet-Nutzung zu entwickeln, und sie gemeinsam mit Mobilcom zu 'aggressiven Preisen' zu vermarkten."

Diese vollmundigen Ankündigungen veranlassten den Kläger Frank Planeck nach eigener Auskunft, Aktien des Unternehmens zu kaufen. Der 40jährige Metzgermeister erwarb 220 Anteile zum Stückpreis von etwa 210 Euro, nachdem er sich zuvor bei seiner Bank noch einmal umfassend über das Unternehmen informiert hatte.

Die Meldung hatte allerdings einen Schönheitsfehler: Der Deal kam nie zustande. Als dies den ersten Anlegern klar wurde, geriet die Aktie zunehmend unter Druck, obwohl der Wert wenige Wochen später noch durch einen Split im Verhältnis 1 zu 5 optisch verbilligt wurde.

Angesichts der reißerischen und gleichzeitig unrichtigen Aussage der Ad-hoc-Meldung kam das Augsburger Landgericht zu dem Schluss, dass die beiden früheren Infomatec-Vorstände Gerhard Harlos und Alexander Häfele sich der Kursmanipulation schuldig gemacht haben.

Kläger-Anwalt Klaus Rotter: "Nachdem diese Sachverhalt festgestellt wurde, hat das Gericht dem Geschädigten auf Basis von § 826 BGB eine Summe von rund 100.000 Mark zugesprochen. Darin enthalten ist auch der Zins und Zinseszins für die angelegte Summe seit Kauf der Aktien."

Das Gericht stützte sich in seiner Entscheidungsfindung vor allem auf die Aussagen von früheren Infomatec-Angestellten, die teilweise auch an den Verhandlungen mit Mobilcom und an der Formulierung der Ad-Hoc-Meldung beteiligt waren. Klaus Rotter: "Die ehemaligen Mitarbeiter haben in der Befragung bestätigt, dass die Ad-hoc-Mitteilungen falsch waren und dass Harlos und Häfele dies wußten." Einer dieser Zeugen war nach Informationen von manager-magazin.de der ehemalige Infomatec-Manager Rolf Mangold, der den Mobilcom-Vertrag mit ausgehandelt hatte.

Absichtserklärung als Großauftrag verkauft

Entgegen der Mitteilung habe es sich nicht um einen festen Auftrag, sondern nur um eine Option gehandelt. Lediglich 14.000 Geräte seien vertraglich bestellt worden, für den Rest habe man eine Absichtserklärung vereinbart. Das sei den früheren Vorstände von Anfang an klar gewesen.

Das Urteil hat nach Einschätzung zahlreicher Fachleute Präzedenz-Charakter. Anwalt Klaus Rotter: "Zum ersten Mal seit Verabschiedung des deutschen Aktiengesetzes im Jahre 1873 wurde ein derartiger Fall zugunsten des Klägers entschieden. Wir sind der Ansicht, dass diese Entscheidung auf zahlreiche andere Fälle am Neuen Markt übertragbar ist. Starke Parallelen sehen wir zum Beispiel bei Metabox, Sunburst und EM.TV."

250 weitere Infomatec-Anleger hoffen auf Rotter

Derzeit betreut die Kanzlei Rotter allein in Sachen Infomatec noch rund 250 weitere Anleger, die auf Schadensersatz hoffen. Der addierte Streitwert liegt nach Auskunft Rotters bei rund zehn Millionen Mark.

Nach Einschätzung des Infomatec-Insolvenzverwalters Werner Schneider könnte das Urteil weitreichende Folgen haben. Auf dem Wege der Organhaftung könnten weitere Aktionäre Forderungen gegenüber dem Unternehmen geltend machen, sagte Schneider. Voraussetzung sei allerdings, das das Urteil rechtskräftig ist.


Die Ad-hoc-Meldung im Wortlaut

"Der größte Auftrag der Firmengeschichte"

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