US-Notenbank Wirtschaft ist "quasi zum Erliegen gekommen"

Fed-Chef Alan Greenspan hat eingeräumt, dass die Anschläge deutliche Effekte auf die US-Wirtschaft hatten. Noch sei das Ausmaß nicht abzuschätzen.

Washington - Die Anschläge in den USA vom 11. September werden nach den Worten von US-Notenbankpräsident Alan Greenspan kurzfristig deutliche Auswirkungen auf die US-Wirtschaft haben. Verbraucherausgaben und Produktion hätten sich danach abgeschwächt, sagte Greenspan am Donnerstag vor dem Bankenausschuss des Senats in Washington.

Die Anschläge hätten das Potenzial, das Wachstum in den USA zu bremsen, das zuvor am Anfang einer Erholung gestanden habe. Allerdings werde es noch mindestens zehn Tage dauern, bis der Einfluss der Anschläge eingeschätzt werden könne. Die langfristigen Wachstumsaussichten sieht Greenspan aber nicht gedämpft. Der Notenbank-Chef warnte die Politiker vor voreiligen Beschlüssen, so lange die wirtschaftlichen Folgen noch nicht absehbar seien und mahnte zu Haushaltsdisziplin.

Wirtschaft ist zum Erliegen gekommen

"Die wirtschaftliche Tätigkeit ist in der vergangenen Woche quasi zum Erliegen gekommen", sagte der Notenbankchef. Kurzfristig könnten die Anschläge zu einer "ausgeprägten Zurückhaltung" im Hinblick auf das wirtschaftliche Engagement führen. Er sei aber zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft erholen werde und wieder zu den Wachstumsraten der Vergangenheit zurückkehren könne.

Vor den Anschlägen habe es erste Anzeichen für eine beginnende Konjunkturerholung gegeben, so etwa den beschleunigten Lagerabbau. Die Fed habe allerdings noch nicht mit einer Wende im vierten Quartal gerechnet. Während die kurzfristigen Folgen betrachtet würden, dürften die langfristigen Perspektiven nicht vergessen werden. Diese hätten sich trotz der schlimmen Ereignisse nicht wesentlich geändert.

Der Präsident der US-Notenbank von Dallas, Robert McTeer, wies unterdessen darauf hin, wie schwach die US-Wirtschaft schon im zweiten Quartal war. Das Bruttoinlandsprodukt könnte für diesen Zeitraum bei einer zweiten Revision in der kommenden Woche unter Null herunterrevidiert werden. Die erste Revision hatte noch ein Plus von 0,2 Prozent ergeben.

Fed hält sich weitere Optionen offen

Greenspan führte aus, der private Konsum sei nach den Anschlägen unter anderem auch deshalb zurückgegangen, weil die Verbraucher vor den Fernsehern gesessen hätten und den Einkaufszentren fern geblieben seien. Bei dieser Reaktion handele es sich aber nur um einen kurzfristigen Effekt. Die Fed werde in angemessener Zeit die wirtschaftlichen Konsequenzen der Anschläge absehen können. Später nannte Greenspan dafür einen Zeitraum von zehn Tagen. "Das heißt nicht, dass in Zukunft keine Eingriffe mehr notwendig sind", deutete er weitere Handlungsbereitschaft der Fed an. Die Notenbank habe genug Befugnisse, um richtig auf die Anschläge zu reagieren.

Nach den Anschlägen in New York und Washington hatte die US-Notenbank schnell eingegriffen, um die Folgen für die Märkte zu mildern. Vor der Wiedereröffnung der US-Aktienmärkte am Montag senkte die Fed den Leitzins um 50 Basispunkte auf drei Prozent, um die Börsen zu beruhigen. Die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken folgten wenig später. Dem Bankensystem in den USA stellte die Fed kurzfristig zusätzliche Liquidität zur Verfügung.

Die führenden US-Aktienindizes gaben seit der Wiedereröffnung der Märkte am Montag trotzdem kontinuierlich nach. Seit Anfang der Woche hat der Dow-Jones-Index etwas mehr als 1000 Punkte auf rund 8450 Zähler verloren und lag damit knapp zwölf Prozent unter dem Schlussstand vom 10. September.

Ob die Fed angesichts der Entwicklung am Aktienmarkt die Leitzinsen weiter senken wird, ging aus Greenspans Äußerungen nicht eindeutig hervor. "Es war eine Standard-Analyse", sagte Dana Johnson, Kapitalmarktexpertin bei BancOne Capital Markets in Chicago. Alle versuchten derzeit mehr oder weniger erfolglos die Frage zu beantworten, wie sich die Wirtschaft weiter entwickeln werde. "Wir haben keine Daten, also können wir nur in allgemeinen Aussagen sprechen", sagte Johnson weiter.

Greenspan riet den Politikern davon ab, voreilig zu handeln, ehe die Auswirkungen der Anschläge abgeschätzt werden könnten. "Ich würde dringend empfehlen, dass es viel wichtiger ist, richtig als schnell zu handeln, auch wenn rasches Handeln jetzt offensichtlich ein starker Wunsch ist", sagte Greenspan. Ein Abweichen der US-Regierung von Haushaltsdisziplin berge Risiken.

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