Freitag, 19. Juli 2019

Deutsche Telekom "Das grenzt an Bestechung"

Ron Sommer soll sechs Banken Aufträge versprochen haben, wenn diese zusagen, auf größere Verkäufe von T-Aktien zu verzichten. Für Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen, nicht nur Ausdruck von "Selbstherrlichkeit", sondern auch eine "Verzweiflungstat".

Wolfgang Gerke
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Wolfgang Gerke
mm.de:*

Herr Gerke, wie bewerten Sie den Vorschlag von Herrn Sommer an die Investmentbanken, künftig auf den Verkauf von Telekom Aktien zu verzichten und dafür lukrative zusätzliche Aufträge zu erhalten?

Gerke: Das ist ziemlich naiv. Herr Sommer lenkt von seinen eigenen Problemen ab. Die Banken sind auch dazu da, Aktien zu verkaufen. Ron Sommer eröffnet ein Spielfeld mit den Banken, an dem er wegen des Voicestream-Deals selber schuld ist. Es macht keinen Sinn, jetzt den Finanzinstituten die Schuld für das Kursdebakel der T-Aktie in die Schuhe zu schieben.

mm.de: Gilt das auch für die Deutsche Bank?

Gerke: Es ist natürlich nicht zu akzeptieren, dass die Deutsche Bank auf der einen Seite ein positives Research zur T-Aktie heraus gibt und dann ein Millionenpaket verkauft. Da hat die Compliance-Abteilung geschlafen. Aber was Ron Sommer jetzt macht, ist ein reines Ablenkungsmanöver.

mm.de: Händler werten Sommers Vorschlag bereits als eine Art der Bestechung. Sehen Sie das auch so?

Gerke: Ja, das geht in diesen Grenzbereich hinein. Jetzt den Investment-Bankern vorzuschlagen: "Du bekommst die nächsten Emissionen nicht, wenn du T-Aktien verkaufst", ist ein zumindest sehr unethisches Verhalten. Das ist massiver Druck.

mm.de: Wie sollten die Investmentbanken reagieren?

Gerke: Sie sollten gemeinsam den Erpressungsversuch abwehren und nicht alleine taktieren.

mm.de: War das Sommers letzte Attacke? Kann sich ein Vorstandsvorsitzender ein solches Verhalten leisten?

Gerke: In Sommers Verhalten zeigt sich eine gewisse Selbstherrlichkeit, und es ist auch eine Verzweiflungstat.

mm.de: Bleibt Sommer Chef der Telekom?

Gerke: Er hat mit dem Bund einen treuen Großaktionär. Wie der sich verhalten wird, ist schwer zu prognostizieren.

mm.de: Was bedeutet Sommers Vorstoß aus Sicht der Corporate Governance?

Gerke: Das ist ein Schlag ins Gesicht: Im Sinne der Unternehmenskontrolle, des Kapitalmarktes und der Transparenz ist dies verheerend. Das ist eine Politik von gestern.

* Das Interview führte mm.de-Redakteur Andreas Nölting


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