T-Aktie "Im freien Fall"

Der dramatische Kursrutsch geht weiter. Das Telekom-Papier hat seit Anfang letzten Jahres rund 80 Prozent an Wert verloren. Ein Ende der Talfahrt scheint nicht in Sicht.

Frankfurt - Nur wenige Wochen vor dem fünften Jahrestag ihrer Erstnotiz könnte sich die Aktie der Deutschen Telekom  nach Einschätzung von Analysten ihrem damaligen Emissionspreis von umgerechnet rund 14,50 Euro wieder annähern. Die Aktie schloss am Freitag mit einem Minus von 4,5 Prozent bei 19,37 Euro.

Nach Ansicht von Dietmar Rübsamen, Analyst bei Delbrück Asset, gibt es nun kein Halten mehr. Die Papiere befänden sich "im freien Fall" und es sei ein Trugschluss zu glauben, man könne jetzt günstig einsteigen. "Wir empfehlen allen unseren Kunden, auf keinen Fall in das 'fallende Messer' zu greifen." Ein Signal zum Einstieg sei kurzfristig erst wieder bei einem Kurs von 21,25 und langfristig bei 23,05 gegeben.

Nächste Hoffnungs-Marke: 16 Euro

Allein in dieser Woche büßte die "Volksaktie" mehr als 15 Prozent ihres Kurses ein, was einer rechnerischen Aufzehrung des Firmenwertes von gut 15 Milliarden Euro - also fast dem Bruttosozialprodukt Kasachstans - entspricht. Damit beschleunigte die T-Aktie ihren dramatischen Kursverfall von mehr als 80 Prozent zum Höchstkurses von fast 105 Euro im vergangenen Frühjahr.

Am Freitag durchbrach der Kurs erneut die psychologisch wichtige Marke von 20 Euro und sank auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Jahren. Als nächsten Prüfstand sehen Aktienexperten die Marke von 16 Euro.

Zu 28,50 Mark beziehungsweise 28 Mark für private Frühzeichner war die Aktie im November 1996 an die Börse gebracht worden. Weitere Tranchen zu je 37,50 Euro beziehungsweise 39,50 Euro sowie 63,50 Euro und 66,50 Euro folgten 1999 und 2000.

Unter anderem hohe Kosten für den Erwerb der Lizenz des neuen Mobilfunkstandards UMTS und für die Übernahme der US-Firma VoiceStream sowie Unsicherheiten über Korrekturen bei der Bilanzierung von Immobilien lösten den Kurssturz der T-Aktie aus.

Jetzt schwebt über dem Titel ein neues Damokles-Schwert: Das Unternehmen bezahlte einen Teil von VoiceStream mit eigenen Aktien, die in den kommenden Wochen an die Börsen zurückfließen könnten. Bereits der Kurssturz in dieser Woche wurde vermutlich durch die Platzierung von Papieren aus diesem Deal ausgelöst: die Deutsche Bank verkaufte im Auftrag eines nicht genannten Investors 44 Millionen T-Aktien zum Preis von je 23,60 Euro.

Ende dieses Monats läuft eine Haltefrist für Anteilspakte aus dem VoiceStream-Geschäft aus, und die Nerven an der Börse liegen blank: Fluchtartig verlassen Anleger das Papier. Das Erreichen so genannter "Stop-Losses" - also vorher festgesetzter Verkaufsmarken zur Eingrenzung von Kursverlusten - zieht die T-Aktie immer tiefer in den Keller.

"Maximum an Instinktlosigkeit"

Verkauf von bis 240 Millionen Aktien erwartet

Von vorne herein war erwartet worden, dass zumindest ein Teil der zur Bezahlung von VoiceStream eingesetzten T-Aktien wieder in den Markt zurückfließen würde. Bis zu 240 Millionen Aktien des Bonner Konzerns könnten Analysten zufolge schon bald den Markt überschwemmen. Am 1. Dezember läuft eine weitere Haltefrist für große Aktienpakete aus.

"Es kommt alles von außen", begründete Josef Scarfone, Fondsmanager bei Frankfurt Trust den derzeitigen Druck auf der T-Aktie. "Die Deutsche Telekom ist in keiner Lage, irgendwas zu tun", fügte er mit Verweis auf den drohenden Rückfluss von Papieren aus der VoiceStream-Übernahme hinzu.

Deutsche Bank sorgt für nachhaltigen Ärger

Der Konzern selbst sei beinahe machtlos. Er könne allenfalls versuchen, die Kontrolle über den Rückfluss zu gewinnen. So könnten die Titel beispielsweise "geparkt" werden, damit es einen sanften Rückstrom der Aktien gibt.

Für Ärger sorgt weiter das Verhalten der Deutschen Bank. Ein Sprecher der Deutschen Telekom sagte dazu, es lasse "ein Maximum an Instinktlosigkeit" erkennen, wenn die Bank am Montag ihre Kaufempfehlung für die Telekom-Aktien bekräftige und am Tag nach der Empfehlung 44 Millionen T-Aktien verkaufe.

Telekom war über Großverkauf nicht informiert

Es sei in keiner Weise nachvollziehbar, dass die Bank ohne Berücksichtigung möglicher Folgen am Aktienmarkt das Mandat für den Blockverkauf habe annehmen und unmittelbar nach der bekräftigten Kaufempfehlung habe ausführen können. Die Telekom sei nicht über den bevorstehenden Blockverkauf informiert gewesen.

Mit Blick auf die jüngsten Verluste der Telekom und den weiteren Aussichten für das Papier sagte ein Händler: "Das ist ein Roulette-Spiel, da eine seriöse Prognose abzugeben, ist schwer. Jedenfalls hat der Wert charttechnisch ein neues Low erreicht und zwar signifikant."

Rätselraten über das Ende der Talfahrt

Auch er schloss nicht aus, dass der einstige Börsenstar fast bis auf seine Ausgangsniveau zurückfallen könnte: "16 bis 17 Euro, das sind die nächsten Marken, die man sich aber anschauen sollte bei den Aktien."

Private und professionelle Telekom-Aktionäre müssen unterdessen zu sehen, wie ihr Investment immer weiter dahin schmilzt. "Das ist ein Wert, der ganz deutlich macht, wie gefährlich es ist, in ein fallendes Messer zu greifen", sagte Ludwig Gutmann, Analyst bei der Bayerischen Landesbank.

Gutmann weiter: "Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass sich viele Anleger immer noch an den Höchstkursen von über 100 Euro orientieren und sich jetzt sagen, dass der Wert wieder steigen muss, nachdem er sich gefünftelt hat. Es ist einfach keine Bodenbildung bei der Aktie zu sehen." Nachdem der Titel einige Zeit um 23 Euro dümpelte, sei er jetzt offenbar tendenziell eher auf dem Weg in Richtung seines ursprünglichen Emissionspreises.

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