Klagen Das Geschäft mit dem Recht

Schadenersatz ist ein Milliardengeschäft. Was haben Bayer und Philip Morris zu erwarten?

New York - Raucher-, Asbest- und Brustimplantat-Klagen sowie Klagen gegen Autohersteller oder Pharmaunternehmen sind in den USA zum Milliardengeschäft geworden. Besonders lukrativ sind Produkthaftungs-Klagen.

Auch Bayer muss jetzt mögliche US-Schadenersatzklagen befürchten. Der Chemie- und Pharmakonzern hatte am Mittwoch sein Medikament Baycol (Lipobay) zurückgezogen. 700000 Amerikaner haben den Cholesterin-Senker verschrieben bekommen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat 31 US-Todesfälle mit dem Mittel in Verbindung gebracht.

Drittel der Summe als Anwaltshonorar

In den USA gibt es mehr als eine Million klagelustiger Anwälte. Sie beanspruchen in der Regel bis zu einem Drittel der hereingeholten Schadenersatzsummen als Honorar. Das hat das Land zum Klägerparadies gemacht. Für ihre opulenten Entschädigungen übernehmen die Anwälte die Klagekosten.

Sammelklage großes Geschäft

Das große Geschäft wird mit den so genannten Sammelklagen gemacht. Dabei werden gleich gelagerte Schadenersatzfälle von tausenden oder gar Millionen Geschädigter zusammen gefasst, statt sie alle getrennt in Einzelverfahren einzuklagen.

In Los Angeles hat ein Richter jetzt eine "Strafentschädigung" (Punitive Damage) an einen an Lungenkrebs leidenden Raucher in Höhe von drei Milliarden Dollar auf 100 Millionen Dollar gesenkt. Der Zigarettenkonzern Philip Morris will in Berufung gehen. Mit drei Milliarden Dollar ist es bisher die höchste Entschädigung, die es in den USA je für eine Einzelperson gegeben hat. In Miami gewährte eine Jury in einer von öffentlichen Stellen eingereichten Klage 144 Milliarden Dollar an Strafentschädigungen.

Tabakkonzerne zahlen 246 Milliarden Dollar

Strafentschädigungen sind eine Eigenart des US-Rechts. Damit können Geschworenengerichte Unternehmen viel höher bestrafen als dies wegen des tatsächlichen Schadens gerechtfertigt wäre. Das soll Firmen von künftigem Fehlverhalten abhalten. Vor einiger Zeit haben sich die Zigarettenkonzerne auf einem Vergleich mit 41 US-Bundesländern in Höhe von 246 Milliarden Dollar geeinigt, um eine weitere Klagelawine zu vermeiden.

Astronomische Schadenersatzforderungen werden auch gestellt, um Firmen rasch zu Vergleichen zu bewegen. Einer der Gründe für die Vergleichswilligkeit ist die Angst, langwierige Prozesse würden den eigenen Ruf angekratzen. Kunden könnten weg bleiben, das Geschäft leidet noch mehr als durch kostspielige Vergleichszahlungen.

Ford ruft Reifen zurück

Der Autohersteller Ford ließ sich einen Rückruf von 13 Millionen Firestone-Reifen 2,1 Milliarden Dollar kosten, die vor allem auf Explorer-Geländewagen montiert waren. Firestone hatte zuvor selbst 6,5 Millionen Reifen wegen überhöhter Profilablösungs-Gefahren zurück gerufen. Beiden Unternehmen drohen nach einer langen Unfallserie mit 203 Toten und 700 Verletzten zahlreiche Schadenersatzklagen.

Wegen Milliardenforderungen hunderttausender Asbestgeschädigter haben US-Großkonzerne wie W.R. Grace oder Owens Corning sowie zwei Dutzend anderer Firmen Schutz bei Konkursgerichten gesucht. Sie wollen so überleben und endgültige Milliardenvergleiche aushandeln.

Medizin- und Pharmaunternehmen im Visier

Für schadhafte Brust-Implantate soll Dow Corning während 16 Jahren 2,1 Milliarden Dollar an Frauen in aller Welt zahlen. Die Pharmafirma American Home Products hat im Zusammenhang mit dem gefährlichen Abspeckmittel Fen-Phen einem Milliardenvergleich zugestimmt.

Daneben nehmen die 2,9 Millionen Dollar geradezu bescheiden aus, die die Restaurantkette McDonald's 1994 zahlen sollte, weil sich eine Frau einen Becher heißen Kaffee auf den Schoß geschüttet hatte.

Von Peter Bauer, dpa