EM.TV Kapitalvernichtung im Rekordtempo

EM.TV hat das Auf- und Ab an der Börse mit voller Wucht zu spüren bekommen. Die 1989 gegründete Firma ging im Oktober 1997 an die Börse. Es folgte ein steiler Höhenflug der Aktie, die Anfang 2000 bis auf über 120 Euro stieg. Dann begann der Absturz.

Juni 1989:

Thomas Haffa gründet die EM Entertainment München, Merchandising, Film und Fernseh GmbH. Das Unternehmen vermarktet die Merchandising-Rechte von "Alfred J. Kwak" und erwirbt die TV-Rechte für die "Teenage Mutant Hero Turtles". In den Folgejahren wird der Rechte-Stock kontinuierlich ausgebaut.

Auf der Homepage der Aktiengesellschaft heißt es dazu: "Von Anfang an ist das unternehmerische Ziel, sich zu einem globalen Medienunternehmen zu entwickeln. Bereits vor dem Börsengang wurden die nötigen Eckpfeiler gesetzt, um für den internationalen Wettbewerb gerüstet zu sein. Dazu zählen nach wie vor der Aufbau eines attraktiven Rechteportfolios mit international bekannten Marken, die Konzentration auf hochwertige Familienunterhaltung und die Verknüpfung der Interessen der Medien, der Industrie und des Handels."

1990: Übertragung der Merchandisingrechte von dem Spielwarenhersteller Nintendo, dem Deutschen Sportbund und den Hanna-Barbera-Studios.

1991: Verlegung des Firmensitzes nach Unterföhring bei München. Vermarktungsbeginn der Sesamstrasse.

30. Oktober 1997: Das Unternehmen geht an den Neuen Markt. Der Ausgabepreis der Aktien beträgt umgerechnet etwa 0,35 Euro. In den Folgemonaten steigt das Papier bis auf 120 Euro.

Dezember 1998: EM.TV und die KirchGruppe gründen das Gemeinschaftsunternehmen Junior TV. Im Rahmen des Geschäfts gibt EM.TV der KirchGruppe eine Finanzspritze von gut 255 Millionen Euro.

Februar 2000: EM.TV  übernimmt für rund 1,3 Milliarden Mark die Jim Henson Company ("Muppet Show"). Nach Einschätzung von Beobachtern ist der Preis völlig überhöht.

Februar 2000: Wie erst Monate später bekannt wird, veräußert Thomas Haffa rund 200.000 EM.TV-Aktien und kassiert dabei rund 40 Millionen Mark. "Strategische Investoren" hätten ihn gedrängt, entschuldigt sich Haffa später. Dabei hatte er sich nach einer Kapitalerhöhung gegenüber dem Konsortialführer WestLB verpflichtet, keine Anteile abzustoßen.

März 2000: EM.TV sichert sich für etwa 3,3 Milliarden Mark eine 50-prozentige Beteiligung an der Formel 1-Vermarktung. Auch mit diesem Milliardengeschäft übernimmt sich der Münchner Lizenzhändler.

April 2000: EM.TV gibt die Zahlen für das Jahr 1999 bekannt. Der Umsatz steigt von 81 auf 317 Millionen Mark, das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit wird auf 150 Millionen Mark fast verfünffacht.

Das Ende der Herrlichkeit

Oktober 2000: Eine nachträgliche Korrektur der Halbjahreszahlen nach unten sorgt für Irritationen. Der Konzern hatte den Überblick über seine Beteiligungen verloren. Der EM.TV-Kurs bricht um mehr als 17 Prozent auf 45,60 Euro ein. Kurze Zeit später bekräftigt Thomas Haffa trotz Skepsis bei Investoren die Prognosen für 2000. Der Vorsteuergewinn soll 600 Millionen Mark betragen, der Umsatz 1,6 Milliarden Mark.

1. Dezember 2000: EM.TV korrigiert die Gewinnprognose für 2000 drastisch auf 50 Millionen Mark vor Zinsen und Steuern nach unten. Der Aktienkurs bricht auf unter 20 Euro ein. Auch diese Vorhersage wird nicht zu halten sein.

3. Dezember 2000: Im Zuge der Finanzkrise erklärt der EM.TV-Konzernvize Florian Haffa seinen Rücktritt. Wenige Wochen zuvor hatte er bereits sein Amt als Finanzvorstand abgegeben.

4. Dezember 2000: EM.TV gibt für die ersten neun Monate einen Verlust im Kerngeschäft bekannt. Die KirchGruppe verkündet den Einstieg bei EM.TV. Über eine Kapitalerhöhung soll sie 16,74 Prozent der Anteile übernehmen. Für einen Anteil an der Formel 1 gibt Kirch EM.TV eine Finanzspritze in Milliardenhöhe.

13. Dezember 2000: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen die Haffa-Brüder auf.

Februar 2001: Aufsichtsratschef Nickolaus Becker tritt zurück. Becker galt als Gegner der Allianz mit Kirch und hatte sich eine schlagzeilenträchtige Auseinandersetzung mit EM.TV-Chef Haffa geliefert.

März 2001: Mehr als 400 EM.TV-Aktionäre fordern Schadensersatz in Höhe von 20 Millionen Mark von EM.TV. Die Informationspolitik der Firma habe "gegen zahlreiche anlegerschützende Vorschriften" verstoßen.

1. April 2001: EM.TV  gibt für das Jahr 2000 einen Verlust in Höhe von 2,8 Milliarden Mark bekannt.

25. Juli 2001: Thomas Haffa tritt zurück. Nachfolger wird der bisherige SPIEGELnet-Chef Werner E. Klatten. Dieser übernimmt auch 25,1 Prozent der EM.TV-Anteile von Haffa.

1. August 2001: Die Aktionäre des angeschlagenen Unternehmens treffen sich in München zur Hauptversammlung. Thomas Haffa ist nicht dabei. Er kreuzt mit seiner Yacht vor der franzöischen Küste.

6. November 2001: Die ehemaligen Vorstände Florian und Thomas Haffa müssen sich wegen Kursbetrugs und unrichtiger Darstellungen verantworten. Der Staatsanwalt hat Anklage erhoben. Den beiden Brüdern wird vorgeworfen, im August 2000 bewusst falsche Halbjahreszahlen des Unternehmens veröffentlicht zu haben.

Die Haffas werden verurteilt

15. November 2001: Die renommierte US-Kanzlei Shalov Stone & Bonner will eine Sammelklage gegen die früheren EM.TV-Vorstände einreichen. Nach Ansicht der Juristen haben die Brüder Ende September 2000 bei einer Roadshow in den USA versucht, institutionelle Investoren mit geschönten Zahlen zu ködern. Der Controlling-Vorstand Ulrich Goebel soll vergeblich dagegen interveniert haben.

27. November 2001: Werner Klatten trennt sich überraschend nach wenigen Wochen von seinem Finanzvorstand Marius Schwarz.

April 2002: EM.TV legt auch für 2001 tiefrote Zahlen vor. Der Verlust betrug 374 Millionen Euro.

4. November 2002: Vor dem Münchner Landgericht beginnt der Prozess gegen Thomas und Florian Haffa. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Kursbetrug vor.

19. Januar 2003: Das Kartellamt prüft den Einstieg von Werner Klatten bei EM.TV. Stand Leo Kirch doch Pate bei dem Deal?

18. Februar 2003: EM.TV verliert die letzten Anteile an der Formel 1. Das 16,7-Prozent-Paket wird zum eher symbolischen Preis von 8,5 Millionen Euro an die Bayerische Landesbank verkauft.

8. März 2003: Weiterer Rückschlag für das Unternehmen: Der Verkauf der Jim Henson Company ist erst einmal geplatzt.

31. März 2003: EM.TV hat auch 2002 tiefrote Zahlen geschrieben. Vor allem wegen hoher Abschreibungen summierte sich der Fehlbetrag auf mehr als 310 Millionen Euro.

8. April 2003: Das Münchner Landgericht verurteilt die Haffa-Brüder wegen unrichtiger Darstellung ihrer Unternehmensverhältnisse zu hohen Geldstrafen. Thomas Haffa muss 1,2 Millionen Euro, Florian Haffa 240.000 Euro Strafe zahlen.

Die beiden Ex-Vorstände zeigen sich überrascht. Er sei "fassungslos", sagte Thomas Haffa in einem Gespräch mit vwd. Er hätte einen Freispruch als "gerecht empfunden". Die Anwälte der Brüder wollen in Revision gehen. "Dieses Urteil ist in keinster Weise gerecht", sagt Thomas Haffa zur Begründung.

Ähnlich enttäuscht reagieren einige Fachleute. Sie hatten ein deutlich höheres Strafmaß erwartet. Der renommierte Rechtsanwalt Klaus Rotter: "Das Urteil ist ein Skandal. Spätestens im Sommer 2000 war den angeklagten Brüdern bekannt, dass das Unternehmen EM.TV auf die Insolvenz zusteuert, weil sie die Kaufpreisverpflichtung nicht finanzieren konnten."

Rotter weiter: "Wegen dieser Schieflagen musste EM.TV schließlich mit Kirch kooperieren, der seinerzeit nur aufgrund massiven politischen Drucks die Verpflichtung bedienen konnte. Entgegen der gesetzlichen Verpflichtung, kursrelevante Tatsachen ad-hoc zu melden, wurde den Anlegern dies nicht mitgeteilt. Bei diesem Tatkomplex ist die Vorsatzfrage eindeutig. Ich kann nicht nachvollziehen, dass das Gericht diesen Punkt während der langen Verhandlungsdauer nie aufgriff."

Abschied von den Muppets

7. Mai 2003: CEO Werner E. Klatten hat es endlich geschafft. Nach monatelangen Verhandlungen meldet er den Verkauf der verlustreichen Jim Henson Company - für einen Bruchteil des Preises, der einst für das US-Unternehmen bezahlt worden war. EM.TV hatte die Company im Februar 2000 für rund 1,3 Milliarden Mark von der Henson-Familie erworben; 680 Millionen Mark waren damals in bar gezahlt worden, der Rest in eigenen Aktien. Laut EM.TV entspricht der Gesamterlös der Jim Henson Co (darin eine im Januar beglichene Restschuld des Sesame Workshop) in etwa den AG-Buchwert der Jim Henson Co von 110 Millionen Euro per 31. Dezember 2002.


Thomas Haffa - hoch geflogen, tief gefallen Porträt Werner E. Klatten: Der Erlöser Neuer Markt: Die Chronik einer Kapitalvernichtung

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