Kommentar Von Ferraris und Tretrollern

Die Pleite des Neuen Marktes ist in erster Linie eine Folge von Versäumnissen und einem erschreckenden Mangel an Weitsicht, meint mm.de-Redakteur Clemens von Frentz.

Als am heutigen Freitag die Schreckens-Meldungen zu Refugium, Sunburst und Kabel New Media bekannt wurden, sackte die Stimmung der Anleger auf einen neuen Tiefpunkt. "Der Neue Markt ist tot", sagte ein Händler auf dem Frankfurter Parkett. Bei allem Verständnis für diesen Stoßseufzer: Der Mann hat unrecht. Der Neue Markt ist alles andere als tot, denn er bewegt sich noch - allerdings in die falsche Richtung. Er taumelt von einem Rekordtief zum nächsten, und es vergeht kein Tag ohne neue Hiobsbotschaften.

Und wie immer in solchen Fällen wird der Schwarze Peter von einem zum anderen geschoben. Die Banken sagen: "Wir haben keine Schuld, die Anleger sind schließlich erwachsene Menschen, und unsere Analysten haben nach bestem Wissen und Gewissen geurteilt." Die Analysten verteidigen sich: "Gewiss, wir haben immer wieder Empfehlungen ausgesprochen, aber was sollten wir denn machen? Die Anleger wollten doch nichts anderes..."

Niemand will's gewesen sein...

Die Anleger fühlen sich betrogen und schimpfen auf die selbsternannten Börsengurus und Herausgeber von fragwürdigen Anleger-Postillen. Die wiederum weisen jede Schuld von sich. Ihr Argument: "Wir haben den Vorständen geglaubt und sind dabei selber reingefallen." Die Vorstände schließlich geben sich empört. Ihr Argument: "Die Zeiten sind härter geworden, die Schieflagen waren nicht abzusehen, die Krise ist nicht hausgemacht. Im übrigen sind die Banken nicht ganz unschuldig an der Misere." Damit schließt sich der Kreis.

Nur einer sagt nichts: Der Chef des Neuen Marktes, Rainer Riess, Leiter der Abteilung Primary Markets der Deutschen Börse AG, hält sich vornehm zurück. Das spricht für seine Klugheit. Was sollte er auch sagen - angesichts der unglaublichen Blamage seines Marktsegmentes? Seit März letzten Jahres wurde am Neuen Markt ein Vermögen von rund 450 Milliarden Mark vernichtet, und alles deutet darauf hin, dass die Talfahrt noch lange nicht zu Ende ist.

Gelassenheit ist nicht angebracht

Angesichts dessen würde sich der eine oder andere Anleger wohl die Gelassenheit wünschen, mit der das Management der Deutschen Börse AG der Entwicklung zuschaut. Für Rainer Riess war die fatale Entwicklung am Neuen Markt vor allem eine "Lernkurve", wie er der Börsen-Zeitung unlängst anvertraute. Eine Lernkurve also. Das hat Stil.

Dass in dieser Kurve Tausende von Kleinanleger verunglückten und - bildlich gesprochen - mit gebrochenen Knochen auf der Strecke blieben, wird bestenfalls als unerfreuliche Begleiterscheinung gesehen. Die passenden Wort dazu fand Klaus Nieding, Landesgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Wertpapieraufsichts-Ermittler, so seine Anmerkung, seien "auf Tretrollern unterwegs, während die Täter Ferrari fahren".

Nur eine konzertierte Aktion kann noch helfen

Damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Ausgerechnet in Deutschland, wo selbst die Krümmung von Salatgurken und die Normgröße von Kondomen bis auf den Millimeter festgelegt ist, fehlt es bis heute an brauchbaren Regelungen für Bekämpfung zweifelhafter Machenschaften im Aktienbereich. Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel ist - ohne eigenes Verschulden - weitestgehend machtlos, die Staatsanwaltschaften überfordert. Und die Deutsche Börse? Sie wirkt ein bisschen wie ein Hotelier, der untätig zusieht, wie seine Räumlichkeiten zum Treffpunkt für sinistre Schieberbanden werden.

Gefragt ist Handeln, weiteres Abwarten wäre unvertretbar. Dem Übel ist nur mit einer konzertierten Aktion von Wertpapieraufsicht, Ermittlern, Deutscher Börse und Vertretern der Justiz beizukommen. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, das ist unbestreitbar, aber wenn weiter nichts geschieht, ergeht es dem Neuen Markt wie dem japanischen Nikkei. Der war in der Spitze bis auf 40.000 Punkten gestiegen und dümpelt heute bei knapp 13.000 Zählern - elf Jahre nach seinem Rekordhoch.

  Clemens von Frentz

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