Brokat "Kursziel Null Euro"

Analysten stellen der Software-Firma ein verheerendes Zeugnis aus und prognostizieren die Pleite. Die Aktie wird zum Spielball der Zocker.
Von Harald Grimm

Hamburg - Die Krise bei Brokat weitet sich aus. Einige Analysten sehen die angeschlagenen Software-Firma als hoffnungslosen Fall und äußern die Ansicht, das Ausmaß der Verschuldung sei zu spät erkannt worden. Nun droht die Pleite.

Das Bankhaus Metzler hatte mit einer ungewöhnlichen Analyse den Aktienkurs von Brokat in die Knie gezwungen. Die Aktienexperten haben das Kursziel für die gebeutelten Papiere des M-Commerce-Spezialisten mit null Euro angegeben und zum Verkauf geraten. Nach Ansicht von Marktbeobachtern ist dies ein einmaliger Vorgang in der deutschen Börsengeschichte.

Das Unternehmen selbst wollte sich zu der Studie nicht äußern. Pressesprecher Reiner Jung sagte, dass Analysteneinschätzungen nicht kommentiert würden. Zudem halte Brokat seine Hauptversammlung am kommenden Donnerstag ab. Dort würde den Aktionären das Zukunftskonzept der Firma vorgestellt.

Metzler erwartet eine baldige Pleite

"Das Kursziel null soll signalisieren, dass das Unternehmen in Liquiditätsschwierigkeiten steckt", sagte Lothar Lubinetzki, Analyst beim Bankhaus Metzler, zu manager-magazin.de. Sollte es Brokat nicht gelingen, frische Mittel zu bekommen, werde die am Neuen Markt und an der Nasdaq notierte Firma Anfang kommenden Jahres voraussichtlich pleite sein.

Derzeit scheine eine Erholung auf Grund der hohen Verbindlichkeiten nicht möglich. Anders als Intershop habe Brokat mit seinem Programm zur Kostenreduzierung zu spät begonnen. Selbst wenn es der Firma gelingen sollte, wie angekündigt im vierten Quartal 15 Millionen Euro einzusparen, werde dies vermutlich nicht helfen. Der Fixkosten-Block bleibe zu hoch.

Auch Kreditrating sinkt

"Unstrittig" sei, dass Brokat ein gutes Produkt habe. Allerdings "ist der relevante Markt geringer als vom Unternehmen suggeriert". Die Investitionen im Bereich M-Commerce würden derzeit unter den Erwartungen liegen.

Die Zukunft des einstigen Highflyers an der Börse sieht damit düster aus. Auch eine Übernahme ist Lubinetzki zufolge eher unwahrscheinlich: "Brokat ist sicherlich interessant", aber die hohen Verbindlichkeiten wirkten eher abschreckend. Ein Grund für den Schuldenberg liegt auch in der Übernahme des US-Softwarehauses Gemstone. Der Java-Spezialist wurde im vergangenen Jahr zu "einem horrenden Preis, der nicht zu rechtfertigen war", gekauft.

Erst am Dienstag hatte das Unternehmen angekündigt, dass die Hälfte des Grundkapitals auf Grund einer Neubewertung verlustreicher Tochtergesellschaften aufgebraucht sei. Nun will Brokat weltweit ein Fünftel seiner Stellen abbauen und mehrere Standorte schließen, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Betroffen sind 300 Mitarbeiter, davon 50 in Deutschland.

Kreditwürdigkeit herabgestuft

Die Analysten von Standard & Poor's haben unterdessen ihre Bewertung der Kreditwürdigkeit von Brokat von "B" auf "B-" gesenkt. Gleichzeitig wurden sämtliche Ratings mit negativen Vorzeichen auf die Beobachtungsliste ("CreditWatch") gesetzt.

Mit seinen Bargeldreserven von 89 Millionen Euro könne der Hersteller von Sicherheits-Software seine Geschäftstätigkeit noch bis Ende des dritten Quartals 2001 finanzieren, hieß es. Die angekündigten Umstrukturierungsmaßnahmen könnten für weiteren finanziellen Druck sorgen. Wenn sich das Unternehmen keine neuen Finanzierungsquellen erschließe, würden die Ratings weiter heruntergenommen, kündigte S&P an.

Ein "B-" wird nach Angaben der Ratingagentur vergeben, wenn ein Unternehmen auf schlechte volkswirtschaftliche Bedingungen, eine Abwärtsentwicklung an den Finanzmärkten oder einen schlechten Geschäftsverlauf empfindlicher reagiert als andere, seinen Zahlungsverpflichtungen zum Zeitpunkt des Ratings aber noch nachkommen kann. Das Minuszeichen deutet auf die Position innerhalb der Gruppe der mit "B" bewerteten Unternehmen hin.

Talfahrt an der Börse gebremst

Die arg gebeutelte Aktie hat zum Wochenschluss wieder etwas zugelegt. Nachdem der Kurs seit Dienstag im Sturzflug fiel, erholte sich das Papier am Freitag leicht und legte knapp fünf Prozent zu, blieb aber noch immer deutlich unter vier Euro.

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