Mediantis Auflösung gefordert

Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre fordert die Liquidation der Aktiengesellschaft.

München - Eine weitere Premiere am krisengeschüttelten Neuen Markt: Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre  (SdK) hat erstmals die Auflösung einer dort notierten Aktiengesellschaft gefordert. Betroffen ist der Internetbuchhändler Mediantis . Es sei äußerst zweifelhaft, ob das Geschäftsmodell des Unternehmens jemals aufgehe, erklärte die SdK am Freitag in München. Daher fordere man den Vorstand auf, am 24. Juli auf der Hauptversammlung gemäß § 119 Aktiengesetz über die Liquidierung der Gesellschaft abstimmen zu lassen.

Gegenüber manager-magazin.de sagte SdK-Vorstandsmitglied Klaus Schneider, mediantis habe sich bislang zu dem Sachverhalt nicht geäussert. Den von seinem Verband vorgeschlagenen Schritt bezeichnet er als Schadensbegrenzung für die Anleger.

Noch 15,3 Millionen Euro IPO-Kapital

Nach seinen Worten ist davon auszugehen, dass der Aktienkurs des Unternehmens von einer geplanten Liquidation kurzzeitig profitieren würde, da der Weiterbetrieb des Geschäftes vor allem mit weiteren Kosten und nur geringen Erlösen verbunden sei.

Schneider: "Das größte Asset von mediantis ist das beim Börsengang eingesammelte Kapital, von dem nach Angaben des Vorstands am 31. März noch auf rund 15,3 Millionen Euro vorhanden waren. Die aktuelle Börsenbewertung liegt bei knapp 10 Millionen Euro." Dass die Marktkapitalisierung erheblich unter dem Cashwert liege, sei nach Einschätzung der SdK ein deutliches Zeichen dafür, dass der Markt das operative Geschäft von Mediantis nicht nur als wertlos, sondern sogar negativ bewertet.

Massive Aktienverkäufe durch Vorstand und Aufsichtsrat

Die SdK begründet ihre negative Einschätzung auch damit, dass Vorstand und Aufsichtsrat bereits in erheblichem Umfang Aktien verkauft hätten. Das lasse den Schluss zu, dass offensichtlich auch auf höchster Unternehmensebene Zweifel am Gelingen des Geschäfts bestehen.

Die Sdk dazu: "Die Vorstandsmitglieder Georg Heusgen (Aktienbestand bei IPO: 848.859 Stück) und Rolf Freiherr von Rheinbaben (Aktienbestand bei IPO: 744.445 Stück) haben inzwischen 173.607 bzw. 160.000 ihrer Aktien abgestoßen. Im Aufsichtsrat hat Richard Freiherr von Rheinbaben (IPO: 518.083 Stück) 17.330 Aktien verkauft, Oliver Bücken (IPO: 497.028 Stück) 20.649 und Dr. Michael Urban (IPO: 413.072 Stück) 180.000."

Mediantis: "SdK-Darstellung ist absurd"

Der Vorstand von Mediantis weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Unternehmenssprecherin Julia Hofmann: "Das Vertrauen des Managements ins Unternehmen ist völlig ungebrochen. Etwas anderes zu unterstellen ist absurd. Vorstand und Aufsichtsrat halten nach wie vor über 70 Prozent des von ihnen zum Börsengang gehaltenen Aktienkapitals."

Von der Forderung der SdK nach Liquidierung des Unternehmens hat der Mediantis-Vorstand nach eigener Darstellung aus der Presse erfahren. Er bezeichnete die Äusserungen der Anlegerschützer als "ungerechtfertigt und unausgereift". Die Argumentation der SdK halte in "wesentlichen Punkten" einer genaueren Untersuchung nicht stand, im übrigen sei das Vorgehen "schädlich für die Aktionäre".

Über 95 Prozent Verlust seit Höchstkurs

Das Unternehmen war am 5. Juli 1999 unter dem Namen buecher.de an den Neuen Markt gebracht worden. Dabei wurde nach eigenen Angaben ein Viertel der insgesamt acht Millionen Aktien platziert. Das Bankenkonsortium bestand aus der Westdeutschen Landesbank, der Commerzbank, der ABN AMRO Bank und der net.ipo AG.

Der Ausgabepreis lag bei 19 Euro, der erste Kurs bei 55 Euro. Während der letzten Monate war die Notierung bis auf 90 Cent gefallen, ehe sie sich wieder leicht fangen konnte. Am heutigen Freitag-Morgen wurde die Aktie mit 1,24 Euro notiert.

Immer wieder Kritik von Aktien-Experten

Mediantis war bereits mehrfach ins Visier von Anlegerschützern und Börsenberichterstattern geraten. Mitte letzten Jahres beispielsweise meldete die "Wirtschaftswoche", der Fondsmanger und ehemalige "Focus"-Redakteur Marian von Korff habe ein größeres Mediantis-Paket von einer Venture-Capital-Gesellschaft übernommen; "fast zeitgleich" - am 6. April - sei der Wert in das Musterdepot von "Focus-Money" aufgenommen worden.

Ein Analyst hatte dies gegenüber manager-magazin.de mit den Worten kommentiert: "An einen Zufall kann ich da nicht glauben. Die Sache zeigt, dass am Neuen Markt immer noch Wild-West-Manieren herrschen..."

Der "Spiegel" hatte sich ebenfalls mit dem Sachverhalt befasst und bereichtet, dass in dem von Marian von Korff betreuten VMR-Fonds die buecher.de-Aktie zu den Schwergewichten des Portfolios zählte. Dies wurde von verschieden Fachleuten kritisch beurteilt, da Marian von Korff zeitgleich auch im Aufsichtsrat des Unternehmens vertreten war.

Fehlbetrag von 5,6 Millionen Mark im 1. Quartal 2001

Die Aktiengesellschaft selbst sieht sich als "der führende konzernunabhängige Buch- und Musikhändler im Internet". Auf der Homepage des Unternehmens heißt es dazu: "mediantis / buecher.de ist ein stark expandierendes Unternehmen im e-commerce. Unsere Kompetenz liegt im Online-Handel mit Büchern, CDs, Software, Videos etc. Erst 1996 gegründet, wurde im Jahr 2000 bereits ein Umsatz von rund 38 Millinen Mark erreicht."

Der Fehlbetrag für das erste Quartal 2001 lag nach Angaben des Vorstands bei 5,6 Millionen Mark. Das Verhältnis zwischen Marketingkosten und Umsatz habe sich aber deutlich verbessert, sagte eine Mediantis-Sprecherin. Der Umsatz stieg um 35 Prozent auf 10,5 Millionen Mark. Im vergangenen Jahr hatte Mediantis seinen Jahresfehlbetrag von 11,5 auf etwa 25 Millionen Mark mehr als verdoppelt und danach starke Kürzungen bei den Marketingkosten angekündigt.

Mediantis sucht weiter Mitarbeiter

Das Unternehmen selbst geht offenbar von einer Fortführung seines Geschäftsbetriebes aus. Auf der Homepage von mediantis heißt es unter dem Stichwort "Jobs": "Wir sind ein junges und dynamisches Team (ca. 90 Mitarbeiter/innen) und suchen ständig qualifizierte und hochmotivierte Verstärkung. Mit Ihnen wollen wir die Erfolgsstory von buecher.de weiter ausbauen und Sie an diesem Erfolg beteiligen. Wenn Internet, Kundenservice und Eigeninitiative Ihre Lieblingswörter sind, sollten Sie unbedingt weiterlesen." Gesucht wird übrigens unter anderem ein Jurist und ein Praktikant für die IR-Abteilung...

Clemens von Frentz

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