Donnerstag, 14. November 2019

T-Aktie Im Würgegriff der US-Aktionäre

Nach dem Voicestream-Deal liegt die T-Aktie am Boden. US-Anleger finden zu dem Papier keine Beziehung. Experten rechnen mit einigen hundert Millionen Aktien, die den Markt in den kommenden Monaten überschwemmen könnten. Eine Task Force aus drei Banken soll den Kursverfall stoppen.

Millionen von Alt-Voicestream-Aktionären werden nach Ansicht von Experten ihre neuen T-Aktien auf den Markt werfen.
[M]:mm.de
Millionen von Alt-Voicestream-Aktionären werden nach Ansicht von Experten ihre neuen T-Aktien auf den Markt werfen.

Hamburg - Es glich fast einem Glaubensbekenntnis, was Telekom-Chef Ron Sommer auf der jüngsten Hauptversammlung den vergrätzten Aktionären zur T-Aktie zu sagen hatte: "Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir aus unserem Kurstief herauskommen und eine erneut positive Entwicklung vollziehen werden, sobald sich die allgemeine Marktstimmung wieder ändert." Am vergangenen Mittwoch, also gut eine Woche später, war der Kurs der T-Aktie mit 23,10 Euro auf ein Zweijahrestief abgestürzt. Ist damit endlich der Boden erreicht?

Merck Finck rät von Einstieg ab

Am Donnerstag konnte sich das Papier geringfügig erholen. Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck führt den leichten Kursanstieg auf die Meldung zurück, dass die Telekom entgegen den Erwartungen eine neue Bondemission und keine Wandelanleihe plane. Kursmindernde Geschäfte von Hedge-Fonds würden deshalb am Aktienmarkt nicht erwartet. Dennoch sieht Kitz derzeit keine Einstiegskurse.

Das Schlimmste kommt noch

"Der Druck auf das Papier wird anhalten, weil sich Altaktionäre von Voicestream nach der Übernahme durch die Deutsche Telekom auch in Zukunft von ihren erhaltenen T-Aktien trennen werden", sagt Kitz im Gespräch mit manager-magazin.de. Nach Informationen des Analysten geht die Deutsche Telekom davon aus, dass in den kommenden Monaten bis zur Hälfte der 1,2 Milliarden Aktien zum Verkauf stehen werden, mit denen der Konzern die Voicestream-Übernahme zum Teil finanziert hat.

Task Force zur Kurspflege bislang ohne Wirkung

Zwar habe die Deutsche Telekom mit drei Banken eine Art Task Force zur Kurspflege beauftragt, doch zeigt dies bislang wenig Wirkung. Die Banken sollen den Rückfluss der Papiere über Aufkäufe steuern und dann in kleinen Tranchen wieder an den Markt abgeben. "Die Institute können nicht alles aufnehmen, was derzeit an T-Aktien auf den Markt kommt", mutmaßt Kitz.

Deutsche Telekom: In den USA kein Markenname

In den USA seien Unternehmen und T-Aktie bei den Anlegern trotz breit angelegter Road-Show weitgehend unbekannt. "Deutsche Telekom - damit können viele Anleger nichts anfangen. Das ist in den USA noch kein Markenname", deutet Kitz das Verhalten der ehemaligen Voicestream-Aktionäre.

Berenberg Bank traut T-Aktie noch viel zu

"Die Neigung der Amerikaner, das Papier zu halten, ist gering", begründet auch Heiko Feber, Leiter des Bereiches Private Banking/Research von der Berenberg Bank, das jüngste Kurstief. Kitz hält die T-Aktie mit 24 Euro derzeit für angemessen bewertet und stuft sie mit der duchschnittlichen Bewertung "Marketperformer" ein - sieht in ihr also eine Haltepostion. Feber dagegen gibt sich optimistischer. Auf Sicht von zwölf Monaten traut die Berenberg Bank dem Papier 35 bis 40 Euro zu und empfiehlt die Aktie zum Kauf.

"Streubesitz-Anteil bleibt ein Hemmschuh"

Indes sieht Feber die T-Aktie nicht nur durch die Folgen der Voicestream-Übernahme unter Druck. Auch die veränderte Gewichtung des Weltindex Morgan Stanley Capital International (MSCI) zu Gunsten von Wertpapieren auf Streubesitz in diesem und im kommenden Jahr könnte den Kurs der Aktie belasten, weil international agierende Fonds den Index nachbilden und sich wegen des noch vergleichsweise hohen Staatsanteils an T-Aktien von dem Papier trennen würden.

Zwar ist der Anteil des Bundes nach der Voicestream-Übernahme auf rund 43 Prozent gesunken. Gleichwohl hält Kitz dies mit Blick auf weitere mögliche Merger für einen "Hemmschuh", der auch nicht folgenlos für den Kurs der T-Aktie bleiben könne.

Positiver Impuls durch höhere Dax-Gewichtung?

Positiv könnte sich auf das Papier auswirken, dass die Deutsche Telekom nach der Voicestream-Übernahme im Dax und EuroStoxx50 vermutlich höher gewichtet wird und hier die Fonds im Gegensatz zu MSCI nachkaufen werden. Analyst Kitz von Merck Finck sieht damit allerdings nur eine kurzfristige Belebung des Kurses verbunden.

Kollege Feber von der Berenberg Bank hingegen skizziert "ein Nullsummenspiel", das den Kurs der Aktie im Ergebnis nicht belasten sollte: "Ich denke, die höhere Gewichtung in Dax und EuroStoxx50 wird den momentanen Aktienüberhang durch Verkäufe von Voicestream-Aktionären und den Abfluss an Papieren aus dem MSCI ausgleichen", sagt Feber.

Berenberg Bank: "Positionierung in den USA ist richtig"

Muss seine Strategie besser verkaufen - Telekomchef Ron Sommer.
DPA
Muss seine Strategie besser verkaufen - Telekomchef Ron Sommer.
Für Feber bleibt die T-Aktie langfristig ein sinnvolles Investment. Es läge jetzt an Ron Sommer, die strategische Ausrichtung des Konzerns den Aktionären besser zu verkaufen. Die Positionierung in den USA ist aus seiner Sicht der richtige Schritt: "Die Vereinigten Staaten sind ein Wachstumsmarkt im Gegensatz zu Europa, wo die Mobilfunkpenetration deutlich höher ist."

Zwar räumt Feber ein, dass "im gesamten Telekommunikations-Bereich eine längere Durststrecke zu beobachten sein wird, bevor es zu einer deutlichen Belebung bei den Gewinnen kommen kann". Die Deutsche Telekom sei aber auf dem richtigen Weg. Die Schritte, die der Konzern etwa durch die geringere Subventionierung im Handybereich eingeleitet habe, sollten sich positiv auf das Ergebnis auswirken. Damit könnte sich die Gewinnsituation im Verhältnis zum Firmenwert verbessern wie auch das Rating angesichts einer zu erwartenden geringeren Schuldenquote.

Sollte es Voicestream zudem wie angekündigt gelingen, dieses Jahr noch den Ebitda-Break-Even zu erreichen, sei dies ein weiterer positiver Impuls, sagt Feber. "Ich glaube, dass im operativen Bereich vieles in die richtige Richtung zeigt und dass mit dem Heranrücken der dritten Mobilfunkgeneration, wenn dann erste Produkte sichtbar sind, das Interesse der Anleger auch wieder zunimmt."

Müsste, könnte, sollte - die Formulierungen des Experten sind mit Bedacht gewählt. Ron Sommer hat noch zu beweisen, dass sich die mehrere Milliarden Euro hohen Investitionen allein in den Ausbau der neuen Mobilfunknetze rechnen werden - von den astronomisch hohen Lizenzgebühren ganz zu schweigen.

Von Lutz Reiche

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