Börsen Renaissance der Value-Werte

Der Vermögensverwalter Frank Lingohr glaubt an eine Rückkehr der Substanzwerte und sieht weiterhin Probleme bei Hightech-Titeln.
Von Clemens von Frentz

mm.de:

Wie bewerten Sie die Rolle der Analysten, wenn Sie die Phase vor dem Platzen der Spekulationsblase betrachten?

Frank Lingohr: Die Analysten haben immer wieder neue Modelle erfunden, um die hohen Bewertungen zu rechtfertigen. Aber am Ende hat sich gezeigt, dass immer noch die alten Bewertungsmaßstäbe gelten - aller "New Economy" zum Trotz. Im übrigen folgen die Analystenmeinungen immer nur dem Trend, das hat die Geschichte oft genug gezeigt. Wenn die Aktien nach oben gehen, wird für den Einstieg getrommelt, wenn sie fallen, raten die Analysten zum Verkauf.

mm.de: Wie ist Ihre persönliche Einschätzung für den Markt? Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Frank Lingohr: Eine Prognose für den Index will ich nicht abgeben, weil Index-Prognosen absoluter Blödsinn sind. Niemand ist in der Lage, den Verlauf eines Index seriös vorherzusagen. Außerdem sollte man nicht so auf den Index starren, sondern sich auf Einzelwerte konzentrieren. Wenn ich den breiten Markt betrachte, erwarte ich nicht allzuviel. Bei näherer Betrachtung finde ich allerdings eine ganze Latte von Unternehmen, die ausgesprochen billig sind.

mm.de: Was heißt das konkret?

Frank Lingohr: Wenn man sich die Situation genauer ansieht, muss man feststellen, dass wir immer noch einen gespaltenen Markt haben. Lange Zeit waren die sogenannten Value-Werte out und Wachstumstitel in. Warum sollte sich dieses Verhältnis jetzt nicht umdrehen? Ich sehe eine Renaissance der Value-Werte, und unsere Modelle bestätigen mich in dieser Auffassung. Wir lagen im vergangenen Jahr mit unserem "Lingohr Systematic" keinen einzigen Tag im Minus, und im laufenden Jahr maximal vier oder fünf Tage. Ein Zeichen dafür, dass man mit Value-Titeln gut positioniert ist.

mm.de: Welche Einzelwerte sehen Sie als aussichtsreich an?

Frank Lingohr: Um mit den Werten anzufangen, die ich derzeit nicht kaufen würde: Dazu gehört für uns auf jeden Fall DaimlerChrysler und Infineon. Auch die Deutsche Telekom begeistert uns nicht. Mit unserem Bewertungsmodell kommen wir da auf ein Kursziel von knapp 19 Euro. Interessant sind Werte wie Hannover Rück und Hugo Boss, überhaupt alle Werte, die einen hohen freien Cash Flow haben. Im Auge behalten sollte man außerdem die Aktie von Pfeiffer Vacuum, die nach unserer Meinung noch einiges Potenzial hat.

mm.de: Wie ist das Ergebnis, wenn Sie Ihr Bewertungsmodell auf den Neuen Markt anwenden?

Frank Lingohr: Hier sind Bewertungen enorm schwierig. Erstens brauche ich für eine seriöse Bewertung mindestens drei oder vier Bilanzen, zweitens arbeiten die Nemax-Unternehmen zum Teil in Bereichen, die sich einer klassischen Bewertung entziehen. Ein Beispiel: Die Biotech-Branche. Wenn man beispielsweise Qiagen mit unserem Modell untersucht, fällt das Ergebnis sehr negativ aus. Das muss aber nicht heißen, dass die Aktie nichts taugt.

mm.de: Welche ausländischen Werte halten sie für kaufenswert?

Frank Lingohr: Wir haben unser Geld mit Philip Morris verdoppelt, und ich glaube, das Unternehmen ist immer noch doppelt soviel wert wie die aktuelle Börsenbewertung. Im europäischen Ausland fallen zum Beispiel einige britische Titel durch gute Daten auf. Darunter sind BAT, aber auch BP Amoco, Cadburry Schweppes und die Royal Bank of Scotland.

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