Börsen Renaissance der Value-Werte

Der Vermögensverwalter Frank Lingohr glaubt an eine Rückkehr der Substanztitel und sieht weiterhin Probleme bei Hightech-Aktien.
Von Clemens von Frentz

mm.de:

Vor 15 Monaten platzte die Spekulationsblase am Neuen Markt, und seitdem ging es mit den Wachstumswerte kontinuierlich nach unten. War der "Salami-Crash" übertrieben?

Frank Lingohr: Nein, er war nicht übertrieben. Im Gegenteil, der Salami-Crash war absolut überfällig. Es gab eine Hysterie im Markt, wie es seit der Tulpenmanie keine mehr gab. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen: Genaugenommen hatten wir eine Form von kollektiver Geisteskrankheit, speziell im Bereich der Hightech-Werte. Als ich vor einiger Zeit auf einer Veranstaltung gesagt habe, Amazon hat für mich ein Kursziel von fünf Dollar, wurde ich von wütenden Zuhörern ausgepfiffen. Mit solchen Äußerungen war man der Spielverderber.

mm.de: Ein hartes Urteil ...

Frank Lingohr: ... aber leider wahr. Für mich hatte das zum Teil schon Symptome einer Suchterkrankung. Mitunter musste man den Eindruck haben, man ist nicht mehr unter Anlegern, sondern unter krankhaften Spielern. Es war der klassische Casino-Effekt zu beobachten: Die Leute haben viel Geld verloren, dann wurden sie emotional und versuchten, sich ihren Einsatz zurückzuholen.

mm.de: Wie sehen Sie den Markt nach diesen 15 Monaten der Ernüchterung? Haben wir die immer wieder beschworene Bodenbildung erreicht?

Frank Lingohr: Vieles spricht für eine Bodenbildung, aber man muss sich eines ganz klar machen: Ein Boden ist kein Trampolin. Dass es mit den abgestürzten Werten jetzt wieder genauso steil nach oben geht, halte ich für ausgeschlossen. Meiner Meinung nach sind die Technologiewerte für die nächsten Jahre erst mal out. Das heißt nicht, dass man mit einzelnen Titeln nicht gutes Geld verdienen kann.

mm.de: Was macht Sie so skeptisch bei Ihrer Einschätzung der Technologiewerte?

Frank Lingohr: Ich glaube, dass der Bereich der Hightechs zum großen Teil immer noch überbewertet ist. Die Kurse sind zwar sehr stark nach unten gekommen, aber die Gewinne ja auch. Das hat dazu geführt, dass die Kurs-Gewinn-Verhältnisse bei vielen Titeln heute immer noch höher sind als Anfang vergangenen Jahres.

mm.de: Das werden einige Anleger nicht gerne hören...

Frank Lingohr: Sicher, das glaube ich auch. Aber die meisten Anleger neigen ja leider dazu, immer das zu sehen, was sie sehen wollen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Aktie von Cisco steht heute kursmäßig wieder dort, wo wir Anfang 1999 waren - nur die Gewinnzahlen sind schlechter. Das wird vielleicht von einigen Experten übersehen, die jetzt wieder für einen Einstieg trommeln.

mm.de: Ein gutes Stichwort. Viele Anleger suchen die Schuld für ihre Verluste heute bei den Analysten, die ihnen zum Kauf von Hightech-Titeln geraten haben. Teilen Sie diese Auffassung?

Frank Lingohr: Tatsache ist, dass die Anleger es den Unternehmen auch sehr leicht gemacht haben. Viele Leute, die einfach nur einen Wisch als Geschäftsplan hatten, sind ja mit Geld regelrecht zugeschmissen worden. In dieser Phase sind Dotcom-Firmen ohne Ende an den Markt gekommen. Das hat natürlich zu einem Überinvestment in diesem Bereich geführt, zu einer regelrechten Übersättigung.

mm.de: Sehen Sie auch Versäumnisse auf institutioneller Seite, zum Beispiel bei den Banken oder bei der Börse und Ihren Organen?

Frank Lingohr: Das auch, aber ich wundere mich eigentlich viel mehr, dass niemand die Strolche erwähnt, die solche Unternehmen an die Börse gebracht haben. Ich kann mir das nur so erklären, dass die deutsche Anlegerkultur im Vergleich zu den USA noch in den Kinderschuhen steckt. Wenn ich mir da unseren Markt so ansehe, kann ich eigentlich immer nur wieder den Kopf schütteln ...

Welche Einzelwerte Lingohr empfiehlt

mm.de: Wie bewerten Sie die Rolle der Analysten, wenn Sie die Phase vor dem Platzen der Spekulationsblase betrachten?

Frank Lingohr: Die Analysten haben immer wieder neue Modelle erfunden, um die hohen Bewertungen zu rechtfertigen. Aber am Ende hat sich gezeigt, dass immer noch die alten Bewertungsmaßstäbe gelten - aller "New Economy" zum Trotz. Im übrigen folgen die Analystenmeinungen immer nur dem Trend, das hat die Geschichte oft genug gezeigt. Wenn die Aktien nach oben gehen, wird für den Einstieg getrommelt, wenn sie fallen, raten die Analysten zum Verkauf.

mm.de: Wie ist Ihre persönliche Einschätzung für den Markt? Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Frank Lingohr: Eine Prognose für den Index will ich nicht abgeben, weil Index-Prognosen absoluter Blödsinn sind. Niemand ist in der Lage, den Verlauf eines Index seriös vorherzusagen. Außerdem sollte man nicht so auf den Index starren, sondern sich auf Einzelwerte konzentrieren. Wenn ich den breiten Markt betrachte, erwarte ich nicht allzuviel. Bei näherer Betrachtung finde ich allerdings eine ganze Latte von Unternehmen, die ausgesprochen billig sind.

mm.de: Was heißt das konkret?

Frank Lingohr: Wenn man sich die Situation genauer ansieht, muss man feststellen, dass wir immer noch einen gespaltenen Markt haben. Lange Zeit waren die sogenannten Value-Werte out und Wachstumstitel in. Warum sollte sich dieses Verhältnis jetzt nicht umdrehen? Ich sehe eine Renaissance der Value-Werte, und unsere Modelle bestätigen mich in dieser Auffassung. Wir lagen im vergangenen Jahr mit unserem "Lingohr Systematic" keinen einzigen Tag im Minus, und im laufenden Jahr maximal vier oder fünf Tage. Ein Zeichen dafür, dass man mit Value-Titeln gut positioniert ist.

mm.de: Welche Einzelwerte sehen Sie als aussichtsreich an?

Frank Lingohr: Um mit den Werten anzufangen, die ich derzeit nicht kaufen würde: Dazu gehört für uns auf jeden Fall DaimlerChrysler und Infineon. Auch die Deutsche Telekom begeistert uns nicht. Mit unserem Bewertungsmodell kommen wir da auf ein Kursziel von knapp 19 Euro. Interessant sind Werte wie Hannover Rück und Hugo Boss, überhaupt alle Werte, die einen hohen freien Cash Flow haben. Im Auge behalten sollte man außerdem die Aktie von Pfeiffer Vacuum, die nach unserer Meinung noch einiges Potenzial hat.

mm.de: Wie ist das Ergebnis, wenn Sie Ihr Bewertungsmodell auf den Neuen Markt anwenden?

Frank Lingohr: Hier sind Bewertungen enorm schwierig. Erstens brauche ich für eine seriöse Bewertung mindestens drei oder vier Bilanzen, zweitens arbeiten die Nemax-Unternehmen zum Teil in Bereichen, die sich einer klassischen Bewertung entziehen. Ein Beispiel: Die Biotech-Branche. Wenn man beispielsweise Qiagen mit unserem Modell untersucht, fällt das Ergebnis sehr negativ aus. Das muss aber nicht heißen, dass die Aktie nichts taugt.

mm.de: Welche ausländischen Werte halten sie für kaufenswert?

Frank Lingohr: Wir haben unser Geld mit Philip Morris verdoppelt, und ich glaube, das Unternehmen ist immer noch doppelt soviel wert wie die aktuelle Börsenbewertung. Im europäischen Ausland fallen zum Beispiel einige britische Titel durch gute Daten auf. Darunter sind BAT, aber auch BP Amoco, Cadburry Schweppes und die Royal Bank of Scotland.

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