Freitag, 3. April 2020

Metabox Chronik eines angekündigten Todes

Die lange Geschichte eines Unternehmens, das die Internet-Technik revolutionieren wollte.

Teil 8

Anfang April 2001

: Aktionäre wollen Domeyer stürzen

Eine Gruppe von etwa 60 Anteilseignern startet einen letzten Rettungsversuch für das angeschlagene Unternehmen, an dem sie beteiligt sind. Die Aktionärsgemeinschaft, die nach eigener Auskunft etwa fünf Prozent des Kapitals kontrolliert, bietet dem Vorstand Hilfe an. Ihr Sprecher Christian Stach erklärt, man wolle der Metabox AG Börsen-Chart zeigen noch einmal Kapital zur Verfügung stellen. Die Rede ist von ein bis zwei Millionen Mark.

Mit diesem Angebot ist allerdings eine Bedingung verbunden. Vorstands-Chef Stefan Domeyer soll auf der Hauptversammlung im Sommer seinen Rücktritt anbieten. Außerdem ist zu hören, dass die Gemeinschaft den Wunsch geäußert habe, einen Vertreter in den Aufsichtsrat zu schicken.

Begründet wird dies Engagement damit, dass man in die Produkte der Hildesheimer AG nach wie vor Vertrauen habe. Es seien einige Fehler in der Öffentlichkeitsarbeit gemacht worden, so Stach gegenüber dem "Handelsblatt", technologisch sei Metabox jedoch führend. Dann ist noch die Rede von "Skandaleifer der Medien".

Ein anderer Sprecher der Aktionärsgemeinschaft, Karl-Heinz Jäger, erklärt gegenüber der "Welt", man habe bereits mit dem Vorstand gesprochen, und dieser habe das Vorhaben begrüßt. Metabox-Sprecherin Aenne Schaper bestätigte das Gespräch, betont aber gleichzeitig, eine Entscheidung sei noch nicht getroffen. Das Unternehmen mache Umsätze und verfüge über liqidie Mittel aus dem Verkauf von Tochtergesellschaften. Schaper wörtlich: "Wir sind nicht verzweifelt, freuen uns aber über Investitionen."

27. April 2001, Morgen: Der Bilanzkrimi beginnt

Die Hildesheimer sorgen erneut für Unmut bei Aktionären und Analysten: Die für den heutigen Freitag-Morgen (11 Uhr) angekündigte Bilanzpresse- und Analystenkonferenz wird in einer nächtlichen Aktion wenige Stunden vorher abgesagt. Auf der Konferenz wollte das Unternehmen den bereits mehrfach verschobenen Jahresabschluss vorstellen. Wie der Vorstand am Vormittag mitteilt, soll die Veranstaltung später nachgeholt werden. Die Zahlen sollen im Laufe des Tages kommen.

27. April 2001, Mittag: Das lange Warten

Deutschlands Börsenjournalisten warten. Nichts tut sich. Keine Zahlen von Metabox. Keine Nachricht. In den Aktienboards werden Durchalteparolen verbreitet.

27. April 2001, Abend: Das Warten geht weiter

Immer noch keine Zahlen. Die Lage wird bedrohlich. Die Deutsche Börse hat Metabox ein Ultimatum gestellt. Die Zahlen müssen bis Mitternacht vorgelegt werden. Aus Hildesheim kommt nichts.

27. April 2001, Nacht: Es wird spannend

Es ist kurz vor Mitternacht. Noch immer keine Zahlen von Metabox. Dafür gibt es andere Nachrichten aus Hildesheim. Das Amtsgericht hat für die Metabox-Tochter ICS Kassensysteme am Donnerstag ein Insolvenzverfahren eingeleitet und den hannoverschen Rechtsanwalt Helge Wachsmuth als Insolvenzverwalter bestellt. Doppelt bitter für Vorstand Stefan Domeyer, hatte er doch geplant, die Tochter schnellstmöglich zu verkaufen.

27. April 2001, Mitternacht: Die Zahlen!!

Vom Hamburger Michel schlägt es 12 Uhr Mitternacht, der Börsenredakteur von manager-magazin.de sitzt vor dem Bildschirm und wartet immer noch. Plötzlich kommt eine Meldung über die Ticker - die Zahlen sind da. In der Mitteilung aus Hildesheim heisst es: "Die vor Jahresfrist gegebene Umsatz- und Ergebnisprognose für das Jahr 2001 wird revidiert. Nach Abschluss der Restrukturierung wird die Gesellschaft eine neue Prognose bekannt geben."

Die vorgelegten Zahlen sind schlechter als erwartet. Der Jahresfehlbetrag verfünfachte sich. Genaueres weiss man allerdings immer noch nicht. Der Jahresabschluss ist - entgegen der Forderung der Deutschen Börse - nicht testiert. "Die Wirtschaftsprüfer von Arthur Anderson arbeiten noch daran", heisst es. Das tun sie bis heute. Ihr Testat liegt immer noch nicht vor.

In einem Internet-Brief an seine Aktionäre versichert Vorstands-Chef Stefan Domeyer, dass Sorgen um das Unternehmen überflüssig sind. Im Gegenteil. Wörtlich heisst es: "Sie haben nun, mit Blick auf die Zahlen, keinen diversifizierten kleinen Konzern mehr, sondern ein Technologieunternehmen mit drei herausragenden Produkten: der Metabox 1000, dem Kundenmanagementsystem SMS und dem Metabox Publishing System MPS."

In einem zweiten Schreiben an die Aktionäre geht der Vorstandsvorsitzende auf die Razzia der Staatsanwaltschaft ein. Er spricht von "Vorverurteilung" und wünscht den Ermittlern "viel Spaß bei der Spesenabrechnung". Die Aktienboards nehmen diese Äußerungen mit gemischten Gefühlen auf. Das auch deswegen, weil man in Domeyers Schreiben erfährt, dass sich am Tag der Durchsuchungen der Leiter für das Rechnungswesen von Metabox verabschiedet hat...



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