Dienstag, 2. Juni 2020

Metabox Chronik eines angekündigten Todes

Die lange Geschichte eines Unternehmens, das die Internet-Technik revolutionieren wollte.

Teil 6

13. Dezember 2000

: Egbert Prior meldet sich zu Wort

Der Börsenjournalist übt harte Kritik an Metabox. Zuvor hatte Prior die Aktie in sein Musterdepot aufgenommen, ähnlich wie zahlreiche andere Börsenbriefe und Magazine, die nun auf Abstand gehen.

15. Dezember 2000: M.M.Warburg empfiehlt "Halten"

Die Konsortialbank M.M. Warburg & Co. rät den Anlegern unterdessen, die Aktie zu halten. Das Produkt des Unternehmens biete für Netzbetreiber und Anbietern von Content eine interessante Möglichkeit, das Geschäftsmodell zu erweitern und zusätzliche Umsätze zu erwirtschaften. Aufgrund der Systemstabilität und der einfachen Bedienbarkeit sei das Gerät auch für den technisch nicht versierten Fernsehnutzer geeignet.

Dem Kurs der Aktie hilft das wenig. Sie ist inzwischen wieder auf etwa 5 Euro gefallen, obwohl es zwischendurch nach Empfehlungen immer wieder zu Käufen bei hohen Umsätzen kommt.

30. Januar 2001: Metabox enttäuscht erneut

Die Aktiengesellschaft hat ihre zuletzt im September gesenkten Umsatz- und Ergebnisprognosen für das abgelaufene Jahr nicht eingehalten. Begründet wird dies mit nicht erfüllten Aufträgen über die Lieferung von Set-Top-Boxen im Wert von 20 Millionen Mark. Der Umsatz erreichte im Jahr 2000 nach vorläufigen Berechnungen daher lediglich 50 statt der avisierten 70 Millionen Mark. Ursprünglich war der Vorstand sogar von 200 Millionen Mark ausgegangen. Der Jahresverlust soll nun bei 19 statt der prognostizierten 15 Millionen Mark liegen.

Außerdem wird ein weiterer Abgang gemeldet. Der für Vertrieb und Marketing zuständige Vorstand Rainer Kochan verlässt das Unternehmen "mit sofortiger Wirkung". Zu seinem Nachfolger wird Peter White ernannt. Er war bislang Vorstand der Metabox International AG.

Eine zweite Personalie lässt aufhorchen: Es gibt einen neuen Vertriebsleiter, Karl Hallmann, der vom Motorola-Konzern zu Metabox wechselt. Die Hoffnungen der Anleger auf neue Impulse im Vertrieb sind allerdings verfrüht - Hallmanns Tätigkeit wird nicht von langer Dauer sein. Bereits Ende Mai erfährt manager-magazin.de aus internen Quellen, dass Hallmann das Unternehmen wieder verlassen hat.

26. Februar 2001: Metabox holt sich PR-Verstärkung

Die Hildesheimer melden, dass sie "zur Verstärkung ihrer PR-Aktivitäten die auf Fernsehen und Internet spezialisierte Agentur a+o" der Hamburgerin Angelika Oplesch engagiert haben. Der Name Oplesch ist in der Szene nicht ganz unbekannt. Der Ex-Mann der PR-Expertin hatte sich Ende der 90er Jahre mit den später in Untersuchungshaft genommenen Infomatec-Vorständen Alexander Häfele und Gerhard Harlos zusammengetan, um eine Firma für Internet-TV zu gründen. Das Unternehmen scheiterte. Die Manager des Augsburger Software-Hauses forderten laut "kress report" rund 2 Millionen Mark von Michael Oplesch zurück.

27. Februar 2001: Gerüchte über Ermittlungen

Schon wieder Prior: Diesmal meldet der Börsenjournalist, er habe "aus gut unterrichteten Kreisen" erfahren, dass die Staatsanwaltschaft gegen Metabox ermittelt. Es bestehe der Verdacht auf Kursmanipulation.Die Staatsanwaltschaft habe bereits Anfang des Jahres die Geschäftsräume des Unternehmens durchsucht und dabei Beweismaterial sichergestellt. Außerdem ist von Insiderhandel und Kapitalanlagebetrug die Rede.

Metabox-Chef Stefan Domeyer
Metabox-Chef Stefan Domeyer
Erneut werden Zweifel am Wahrheitsgehalt der Metabox'schen Erfolgsmeldungen laut. Nach Ansicht verschiedener Fachleute drängt sich der Verdacht auf, dass Verträge über angebliche Großaufträge in der bekannt gegebenen Form überhaupt nicht existierten. Dabei soll es laut Prior auch um Ad-hoc-Mitteilungen gehen, die der Kursexplosion im Sommer vorausgegangen seien.

Die Aktienboards brodeln. Die Diskutanten sind in zwei Lager gespalten. "Alles Blödsinn", schreiben die einen, "wir haben es immer gewusst", schreiben die anderen. Die Aktie fällt weiter, zumal Stefan Domeyer sich beharrlich weigert, die Namen der Auftraggeber zu nennen.

28. Februar 2001: Metabox dementiert

Gegenüber manager-magazin.de bestreitet Metabox-Sprecherin Aenne Schaper die Darstellung Priors. Eine Razzia habe es nicht gegeben, und alle Vorwürfe seien aus der Luft gegriffen. Nach ihrer Darstellung hat die Metabox AG nun ihrerseits Strafanzeige gegen Egbert Prior gestellt.

Die anhaltende Diskussion allerdings gibt dem Unternehmen offenbar zu denken. Ein Mitarbeiter von Schumachers AG, zuständig für die Aktionärsbetreuung von Metabox, teilt mit, die bislang geheim gehaltenen Auftraggeber sollten bis Ende März öffentlich gemacht werden. Zwei Stunden später wird hektisch zurückgerudert: Die Äusserung des Mitarbeiters sei "missverständlich zitiert" worden; nun heisst es, nicht alle, sondern nur ein Name sollte genannt werden. Bei dieser Ankündigung bleibt es...

3. März 2001: "Spiegel"-Bericht zur Kapitalerhöhung

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" meldet vorab, Metabox habe neue Aktien weit unter dem Börsenkurs ausgegeben. Bei mehreren Kapitalerhöhungen seien die Papiere teilweise zum Preis von einem Euro von Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder gezeichnet worden.

Vorstands-Chef Domeyer bestreitet den Sachverhalt. Er erklärt, die jüngsten Aktientransaktionen ständen im Zusammenhang mit dem Einstieg eines US-Investors im letzten Herbst. Dafür sei die kurzfristige Bereitstellung von handelbaren Aktien eine Voraussetzung gewesen. Die von den Altaktionären im Wege eines Darlehens zur Verfügung gestellten Aktien seien zu "marktnahen Preisen" an die Investoren weitergegeben worden.

7. März 2001, Vormittag: Besuch vom Staatsanwalt

Der Vorstand hat gerade einige "Spiegel"-Redakteure in Hildesheim empfangen, um ihnen zu versichern, dass bei Metabox alles mit rechten Dingen zugeht, da klingelt es an der Tür. Es ist der Staatsanwalt, begleitet von einigen Ermittlern. Die Firmenräume der Metabox AG sowie die Haupt- und Nebenwohnungen der Vorstandsmitglieder werden durchsucht. Für ein Gespräch mit den Hamburger Journalisten ist nun leider keine Zeit mehr. Sie setzen sich ins Auto und reisen unverrichteter Dinge wieder ab.

Die Razzia ist generalstabsmäßig vorbereitet. Fünf Staatsanwälte, ein Sachverständiger, 16 Beamte des Landeskriminalamtes Niedersachsen, zwei Beamte der Polizei Darmstadt sowie zwei Mitarbeiter des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel nehmen an der Veranstaltung teil. Nach Auskunft eines Behördensprechers werden diverse Umzugkartons mit Beweismitteln sichergestellt.

Der Vorstandsvorsitzende gibt sich kooperativ. "Eine rasche Aufklärung des Falles", so Stefan Domeyer, "ist in unserem ureigensten Interesse. Wir haben nichts zu verbergen". Im übrigen seien Unternehmen und Vorstand seit Beginn der Ermittlungen "permanent Verdächtigungen ausgesetzt".

7. März 2001, Nachmittag: Wertpapieraufsicht prüft

Die Nachrichtenagentur vwd meldet: "Das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel, Frankfurt, prüft die jüngste Ad-hoc-Mitteilung der Metabox AG, Hildesheim. Es werde eine routinemäßige Voruntersuchung durchgeführt, sagte eine Sprecherin des Amtes am Mittwoch auf Anfrage von vwd. Untersucht würden die Aktienbewegungen im Vorfeld der Pflichtmitteilung."

Auf Nachfrage von manager-magazin.de wird der Sachverhalt bestätigt. Dabei ist zu erfahren, dass das Bundesaufsichtsamt bereits im September vergangenen Jahres Prüfungen eingeleitet hatte, um zu klären, ob Metabox gegen Ad-hoc-Vorschriften verstoßen hat. Wenige Wochen später sei dann in einem zweiten Schritt mit einer Prüfung wegen des Verdachts auf Insiderhandel und Kursmanipulation begonnen worden.



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