Dienstag, 2. Juni 2020

Metabox Chronik eines angekündigten Todes

Die lange Geschichte eines Unternehmens, das die Internet-Technik revolutionieren wollte.

Teil 4

27. Juli 2000

: Vorstand meldet Umsatzsteigerung

Anlässlich der Hauptversammlung in Hildesheim veröffentlicht die Metabox AG ad-hoc vorläufige Zahlen über den Geschäftsverlauf im ersten Halbjahr 2000. Auszug: "Der Umsatz steigt im Vergleich zum Vorjahr um 341 Prozent auf 26,6 Millionen Mark. Der führende Anbieter von Systemlösungen für interaktives Fernsehen verzeichnete im vergangenen Halbjahr dabei einen Verlust von einer Million Mark (1. Halbjahr 1999: -1,3 Millionen Mark). Diese Zahl spiegelt die Vorleistungen des Unternehmens bei Personal und kundenspezifischer Systemsoftware wider, die durch den ersten Großauftrag im April 2000 über 500.000 Set-Top-Boxen im Wert von 500 Millionen Mark notwendig wurden. Die Auslieferung dieser Order beginnt noch im dritten Quartal."

Anfang September 2000: Erste Warnungen

Der Aktienexperte Hans Bernecker hat einen Auftritt in der "Telebörse" (n-tv) und warnt vor verschiedenen Aktien des Neuen Marktes, darunter auch Metabox. Einige Tage später beklagt sich Metabox-Chef Stefan Domeyer in einem Brief an seine Aktionäre über die unbotmäßigen Vertreter des deutschen Pressewesens: "Ich werde meine Zeit also nicht mehr mit irgendwelchen Schreiberlingen verbringen, sondern mich wieder auf meine Aufgaben innerhalb des Unternehmens kümmern. Sensationsgeilheit soll sich doch woanders austoben. Auch der letzte Freitagsspass, den sich Herr Bernecker erlaubt hat, hat unsere Aktionäre bisher ca. 130 Millionen Mark gekostet. Daher habe ich zunächst einmal Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft gestellt, als Aktionär werde ich auch Schadensersatz geltend machen. Ich kann diese Ignoranten (wörtlich: Nicht-wissende) einfach nicht mehr ertragen."

Diese Aktion findet bei zahlreichen Aktionären Zustimmung. Noch ahnen sie nicht, dass Bernecker in allen Punkten recht behalten wird.

14. September 2000: Metabox meldet "Ost-Erweiterung"

Der Vorstand teilt mit: "Die Metabox AG gibt die Gründung ihrer neuen Tochtergesellschaft Metabox Polska bekannt. Dieses Joint-Venture mit dem polnischen Staat soll als Unternehmen das Metabox-Konzept für interaktives Fernsehen auf den dortigen Markt übertragen. Mit Konzentration auf Business-to-Business-Geschäfte wird die Metabox Polska den Vertrieb von Produkten des Metabox-Konzerns auch in den östlichen Nachbarländern organisieren."

Ende September 2000: Weitere Warnungen

Die kritischen Stimmen häufen sich. Einige Fachleute, darunter die Analysten von "Wirtschaftswoche heute", bemängeln die Informationspolitik von Metabox. Vorstands-Chef Domeyer habe über Chats und ein langes Interview im Internet versucht, verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen. Zuvor, so heisst es in "Wirtschaftswoche heute", hätten Branchenexperten erhebliche Zweifel an den gemeldeten Großaufträgen geäußert. Diese hätten den Aktienkurs erheblich nach oben getrieben, aber der Effekt sei inzwischen wieder verpufft. Da sich die positiven Meldungen als voreilig heraus stellen könnten, drohe der Aktie eine ähnliche Entwicklung wie dem Papier von Infomatec.

28. September 2000: Prognosen werden revidiert

Metabox korrigiert seine Umsatz- und Ergebnisprognosen für das laufende Jahr wegen angeblicher Probleme mit Software-Zulieferern nach unten. Statt des avisierten Gewinns von 14 Millionen Mark erwartet das Unternehmen nun einen Verlust von 15 Millionen Mark.

(Später wird sich übrigens herausstellen, dass auch diese düstere Prognose noch viel zu optimistisch ist. Am Ende liegt der 2000er Verlust bei 26,8 Millionen Mark - zumindest nach Angaben des Vorstands. Ob diese Zahl tatsächlich zutrifft, war bis Redaktionsschluss ungewiss, da die Rechnungsprüfer auch vier Wochen nach dem verspäteten Einreichen der Bilanz durch Metabox noch immer kein Testat erteilt haben.)

Die Fachleute reagieren verschnupft. Nicht ganz unberechtigt, immerhin hatte Vorstands-Chef Stefan Domeyer noch wenige Tage zuvor, am Abend des 13. September, in einem Interview mit dem Fernsehsender n-tv am Umsatzziel von rund 200 Millionen Mark festgehalten.

Die Experten von Value Research (VR) mahnen die Anleger zur Vorsicht. VR-Analyst Andreas Lambrou hält die Begründung des Vorstands für "nicht plausibel". Im Vorfeld habe es keine Anzeichen für derartige Probleme gegeben. Vielmehr sei nun zu befürchten, dass die angekündigten Großaufträge nicht stichhaltig seien.

Achim Fehrenbacher, Analyst der Hamburger Konsortialbank M.M. Warburg, äußert einen schwerwiegenden Verdacht. Er sagt der Nachrichtenagentur Reuters, er gehe davon aus, dass der Vorstand bereits vor zwei Wochen von der Liefer-Verzögerung gewusst haben müsste.

Die Informationspolitik der Hildesheimer nennt er "mangelhaft", weist allerdings gleichzeitig darauf hin, dass auch ohne detaillierte Informationen aus dem Management zu erkennen sei, wie schlecht Metabox auf dem Markt für digitales interaktives Fernsehen positioniert ist.

Auch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel meldet sich zu Wort. Eine Sprecherin erklärt, man prüfe "sehr eingehend", ob der Metabox-Vorstand die Ad-hoc-Regeln des Wertpapierhandelsgesetzes einhalte. Diese verpflichten börsennotierte Firmen, kursrelevante Tatsachen umgehend zu veröffentlichen. Nach Angaben der Sprecherin läuft die Untersuchung gegen Metabox und weitere Unternehmen allerdings schon "ein bisschen länger".

28. September 2000: Betreuerbank geht auf Distanz

Die Privatbank Merck Finck & Co zeigt sich erstaunt über die Prognose-Korektur von Metabox. Das Unternehmen erwarte nach neuen Angaben einen Verlust von 7,6 Millionen Euro, nachdem zuvor von einem Gewinn in Höhe von 7,1 Millionen Euro die Rede gewesen sei. Angesichts dieser Gewinnwarnung stufen die Analysten von Merck Finck die Aktie herab und raten zum Verkauf. Die Experten von Hornblower Fischer schliessen sich diesem Votum an. Andere Analysten sprechen bereits von einem möglichen Totalverlust. In den Aktienboards verschiedener Finanzportale entbrennt ein Kampf zwischen Anhängern und Kritikern von Metabox.

5. November 2000: Die kritischen Stimmen werden lauter

Im manager magazin erscheint ein Artikel zu Metabox. Darin heisst es: "Der Vertrieb über den Einzelhandel läuft äußerst schleppend. 10.000 Geräte gingen im vergangenen Jahr über Fachmärkte und Kaufhäuser weg, 40.000 hätten es sein sollen. Computermuffel sind für den alternativen Zugangsweg zum Internet bisher offenbar nicht zu begeistern. Interaktives Fernsehen, bei dem die Zuschauer mit dem Sender kommunizieren können, wird nur in wenigen Teilen Deutschlands angeboten."

Kritisiert wird auch das Informationsgebaren des damals 39jährigen Vorstandsvorsitzenden. Der lässt sich von der Kritik der Berichterstatter, Analysten und Anleger allerdings nicht beeindrucken. "Letztlich bezahlen mich nicht meine Aktionäre", sagt er, "sondern meine Kunden." Die Namen dieser angeblichen Kunden will er aber auch weiterhin nicht nennen.

19. November 2000: Aufsichtsrat Kuhlo scheidet aus

Karl-Ulrich Kuhlo, Aufsichtsrats-Chef des Berliner Börsen- und Nachrichtensenders n-tv, legt sein Amt als Aufsichtsrat von Metabox nieder. Er war erst am 27. Juli in das Kontrollgremium berufen worden - zusammen mit dem CDU-Politiker Engelbert Nelle, der gleichzeitig Aufsichtsrat der Toto Lotto GmbH Niedersachsen, Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes und ehemaliger Vorsitzender des Ausschusses für Post und Telekommunikation im Bundestag ist.



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