Banken Das Wall-Street-Kartell

Ein Blick hinter die Kulissen der US-Finanzwirtschaft. Der mm-Report leuchtet aus, wie gut die New Yorker Investmentbanker verdrahtet sind - mit der Politik, der US-Notenbank und den Medien.
Von Patricia Döhle, Wolfgang Hirn und Ulric Papendick

Noch 15 Minuten. Der Countdown läuft. Im amerikanischen Wirtschafts-Fernsehsender CNNfn tickt die Uhr bis zur großen Entscheidung. Um exakt 14.15 Uhr gibt die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) bekannt, ob und - viel spannender ­ um wie viel sie die Zinsen senken wird.

Noch 13 Minuten. Der Moderator hat eine Expertenrunde ins Studio geladen. Alle sagen das Gleiche: Die Fed muss die Zinsen senken. Schon seit einer Woche machen vor allem Banker öffentlich Druck auf Fed-Chef Alan Greenspan.

Noch neun Minuten: Live-Schaltung aufs Parkett der New Yorker Börse. Die Reporterin schreit die Erwartungen der Wall-Street-Banken in ihr Mikrofon: Ein viertel Prozentpunkt bedeute Enttäuschung, ein halber sei okay, noch besser wäre ein dreiviertel Prozentpunkt.

Es ist kurz vor 14.15 Uhr. Eine Stimme im Hintergrund zählt: three, two, one. Schnell zum Kollegen nach Washington. Der teilt die Entscheidung der Fed mit: Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt. Schwenk in den Börsensaal: frohe Stimmung. Erste Interviews mit zufriedenen Bankern. Ihr Resümee: Das haben wir erwartet.

Die Fed hört auf die Stimme der Banken

Bingo! Wieder einmal hat die Fed im Sinne der Geldhäuser funktioniert. Wieder einmal ist es den Anliegern der Wall Street, der mächtigen Finanzmeile im Herzen New Yorks, gelungen, ihre Interessen durchzusetzen. Sinkende Zinsen bedeuten steigende Aktienkurse. Und die wiederum bedeuten steigende Gewinne für die Banken. So einfach ist die Rechnung des Wall-Street-Kartells.

Wie keine andere Branche der Welt beeinflussen die Investmentbanken die öffentliche Meinung, setzen Trends, machen Stimmung.

Alle sind den Mächtigen von Goldman Sachs, Morgan Stanley Dean Witter oder Merrill Lynch zu Diensten, und geben sie sich auch noch so unabhängig: die amerikanische Notenbank, das Washingtoner Finanzministerium, die Massenmedien, die Hochschulen.

Aus den Herren der Hochfinanz sind die "Masters of the Universe" geworden. Was sie tun oder fordern, ist fast schon Gesetz. Mit Hilfe fein gesponnener Netzwerke ist es den Finanzexperten gelungen, fast der ganzen Welt ihre Heilslehre überzustülpen: den unerschütterlichen Glauben, dass die Finanzmärkte der alleinige Schlüssel zum weltweiten Wohlstand seien.

Die Botschaft kommt fast überall gut an: Bei Anlegern, die auch falsche Tipps schnell verzeihen; bei Politikern und Notenbankern, die selbst zweifelhaften Rat meist befolgen; bei den Medien, die interessengeleitete Wertpapierverkäufer unkritisch zu Börsengurus hochjubeln.

Trotz Börsenkrise verdienen die Geldhäuser kräftig

Und die Hauptgewinner des Meinungskartells sind fast immer dieselben: die Geldhäuser.

Der Wall-Street-Klub feiert, und das seit Jahren. Ob Asien-, Mexiko- oder Russland-Krise, stets brachen die Gewinne anderer Branchen ein. Große Investmentbanken wie Morgan Stanley hingegen erzielen seit Beginn der 90er Jahre regelmäßig neue Rekordergebnisse.

Auch im Jahr 2000, in dem die Börsen weltweit abstürzten und Anleger Milliarden verloren, lieferten die drei führenden Häuser ­ Goldman Sachs, Morgan Stanley Dean Witter und Merrill Lynch ­ ein historisches Spitzenergebnis ab: Zusammen verdienten sie mehr als zwölf Milliarden Dollar, gut 20 Prozent mehr als 1999.

Wenn die Wall Street jetzt die Boni an ihre Mitarbeiter ausschüttet, wird es wohl auch doppelt so viele neue Millionäre wie im Vorjahr geben. Rund 100 Topbanker, 30 Prozent mehr als 1999, dürfen sogar zehn Millionen Dollar und mehr mit nach Hause nehmen.

Die Stars der Branche sind ihr Geld wert. Wenn Topanalysten wie Abby Joseph Cohen (Goldman Sachs) oder Mary Meeker (Morgan Stanley Dean Witter) eine Prognose stellen oder gar einen neuen Trend ausrufen, bringt das ihren Arbeitgebern mehr Geschäft als jede Werbekampagne.

Analysten reden Trends herbei

Ohne Meeker etwa wäre die Hightech-Börsenblase der vergangenen Jahre womöglich nie entstanden - oder zumindest für die Banken weniger lukrativ ausgefallen.

Meeker war es, die mit ihrer Analyse der Netscape-Aktie 1995 den Boden für einen der ersten typischen New-Economy-Börsengänge bereitete. Der Hersteller von Internet-Browsern machte zum Zeitpunkt der Emission Millionenverluste. Meeker empfahl das Papier trotzdem, auf Grund der enormen Zukunftschancen, die sie im World Wide Web vermutete. Der Netscape-Kurs explodierte bereits am ersten Handelstag.

Tausende Unternehmen, denen zuvor kein Anleger auch nur einen Dollar anvertraut hätte, gingen in den darauf folgenden Jahren an die Börse. Meeker wurde zum Star, Morgan Stanley einer der Marktführer im boomenden Emissionsgeschäft an der US-Hightech-Börse Nasdaq.

Der gesamten Wall Street eröffnete sich ein ungeahnter Wachstumsmarkt - und der wurde ausgereizt, ohne Rücksicht auf Verluste.

Als die sich einstellten, hatten Meeker und Kollegen längst Kasse gemacht. Anders als viele Privatanleger sortierten die Banken die New-Economy-Aktien rechtzeitig aus ihren eigenen Depots aus. Große Häuser wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley fuhren im Eigenhandel auch dann noch Gewinne ein, als die Wachstumsmärkte vergangenes Jahr in den Keller rauschten.

Jetzt, da dank Notenbankchef Alan Greenspan das Schlimmste vorüber zu sein scheint, werden viele Aktien wieder angepriesen. Goldman-Staranalystin Cohen hält den Markt für drastisch unterbewertet, einige ihrer Kollegen wittern sogar eine der größten Kaufgelegenheiten der vergangenen zehn Jahre.

Weiter zu Teil 2: Trommelfeuer der Medien


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Teil 1: Ohne Rücksicht auf Verluste Teil 2: Trommelfeuer der Medien Teil 3: Ein Freund, ein guter Freund Teil 4: Der "Greenspan-Put"

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