Lock-up-Fristen Auf und davon

Auch die Lock-up-Frist konnte nicht verhindern, dass viele Alteigentümer auf Kosten der Kleinanleger Kasse gemacht haben. Die Verschärfung der Börsen-Regeln soll abschrecken, löst die Probleme aber nicht.

Anfang vergangenen Jahres, inmitten all der Begeisterung am Neuen Markt, erlitt der Aktienkurs von Buecher.de plötzlich einen Schwächeanfall. In nur zwei Tagen verlor der Internet-Buchhändler fast einen Viertel seines Werts.

25 Prozent in derart kurzer Frist, und das auch noch in einer Boomphase - was war passiert?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Aber einen Verdacht. Bei Buecher.de war die Lock-up-Periode für Altaktionäre ausgelaufen; eine Sechs-Monats-Frist nach dem Börsengang, während der es den alten Eigentümern - Gründern, Vorständen, Aufsichtsräten oder Wagnisfinanziers - untersagt ist, ihre Aktien zu verkaufen.

Diese Regel soll vor allem die Kleinanleger am Neuen Markt davor schützen, dass die Alteigentümer der meist noch nicht profitablen Unternehmen erst Kasse machen und sich dann verabschieden.

Eine schöne Regel. Doch nicht nur bei Buecher.de stellt sich die Frage, ob sie ausreicht, um die anderen Aktionäre vor Schäden zu bewahren. Eine Studie der Universität Frankfurt legt den Verdacht nahe, dass nach dem ersten halben Jahr bei vielen Gründern und ihren Geldgebern der Drang zum Aussteigen sprunghaft wächst. Erstmalig in Deutschland untersuchten jetzt Experten des Frankfurter Lehrstuhls für internationales Bank- und Finanzwesen die Kursentwicklung von Aktien des Neuen Marktes nach dem Auslaufen der Lock-up-Frist.

Resultat: In den ersten sechs Wochen nach Ende der Sperrfrist entwickeln sich die Kurse im Schnitt 8 Prozent schlechter als der Markt. Gleichzeitig nimmt die Zahl der gehandelten Aktien um 25 Prozent zu.

Der Verdacht drängt sich auf, dass da jemand Kasse macht und so viele Anteile wie möglich verkauft. Denn von der Sperrfrist abgesehen, sind die Macher der am Neuen Markt notierten Firmen in ihrer Vermögensdisposition frei. Ist die Lock-up-Zeit vorbei, können sie ihre Aktien ohne weitere Einschränkung an der Börse platzieren. Heimlich, still und leise.

In den USA ist das anders. Bill Gates muss als Insider seine Verkäufe von Microsoft-Aktien der amerikanischen Börsenaufsicht melden. Und die macht das publik.

In Deutschland erfährt die Öffentlichkeit bis jetzt nichts von solchen Börsengeschäften. Und deshalb weiß hier keiner etwas Genaues.

Buecher.de, mittlerweile in Mediantis umgetauft, übrigens auch nicht. Von Verkäufen der Altaktionäre sei nichts bekannt, heißt es lapidar in der Münchener Zentrale. Na gut, ganz auszuschließen sei es nicht, schließlich handele es sich bei der Mediantis-Aktie um ein nicht namentlich registriertes Inhaberpapier. Die Kursentwicklung? Tja, schwer zu sagen, so richtig abgestürzt sei die Aktie ohnehin erst später. Welch ein Glück für die Alteigentümer, sollten sie damals verkauft haben.

Gleiches gilt für den Software-Hersteller Fantastic. Dort gibt Investor-Relations-Managerin Hanne Dyg wenigstens zu: "6 Prozent unserer Altaktionäre haben sich nach Ende der Sperrfrist von ihren Papieren getrennt, außerdem einige Großinvestoren, die beim Börsengang eingestiegen waren."

Fantastic verlor nach dem Auslaufen der Lock-up-Frist zwischen Ende März und Anfang Mai vergangenen Jahres fast die Hälfte des Börsenwerts. Bei einem aktuellen Kurs von knapp zwei Euro ist der Rest mittlerweile auch weitgehend verloren.

Für den Neuen Markt, der ohnehin mit rapide schwindendem Anlegervertrauen zu kämpfen hat, ist die Unsicherheit über das Verhalten der Altaktionäre nicht gerade ein Pluspunkt. Dennoch gibt sich die Börse gelassen. "Wir sind die einzigen in Europa, die überhaupt eine Lock-up-Verpflichtung verlangen", kommentiert Walter Allwicher von der Deutsche Börse AG die Ergebnisse der Studie.

Immerhin: Die Börsenverantwortlichen haben einen gewissen Handlungsbedarf ausgemacht. Seit dem 1. März dieses Jahres sind gemäß dem amerikanischen Vorbild auch die Vorstände und Aufsichtsräte deutscher Unternehmen verpflichtet, ihre Aktienverkäufe innerhalb von drei Tagen nach dem Verkauf öffentlich kundzutun. Strafe bei Regelverstoß: 100.000 Euro.

Ulric Papendick

Achtung, Anleger: Hier laufen die Haltefristen ab