Sonntag, 25. August 2019

Telekom-Aktien "Vertrauens-Rezession" im Mobilfunk

Die Kurse der Telekommunikations-Unternehmen versinken im Stimmungstief. Weltweit fallen die Kurse der Börsenschwergewichte wie Blei. Und kaum ein Experte traut den ehemaligen Lieblingen der Anleger noch eine schnelle Kurserholung zu.

Die negativen Bewertungen zum Sektor reißen nicht ab: Goldman Sachs stuft Nokia, Marconi und Alcatel herab, Intel und Qualcomm äußern sich skeptisch zur UMTS-Technologie und Motorola, der weltweit zweitgrößte Handyproduzent, muss aufgrund rapide zurückgegangener Auftragseingänge eine Gewinnwarnung aussprechen. Selbst ein Verlust wird nun in Betracht gezogen. Und zu all dem kursieren Gerüchte am Markt, dass selbst der Branchenprimus Nokia in Kürze eine Gewinnwarnung ausgeben wird.

Qualcomm zerstört die UMTS-Träume

Bunt und niedlich sehen die UMTS-Versuchsgeräte aus. Den Telekom-Konzernen droht ein Milliardengrab.
AP
Bunt und niedlich sehen die UMTS-Versuchsgeräte aus. Den Telekom-Konzernen droht ein Milliardengrab.
Qualcomm hat den Anstoß für die jüngste Kurserosion gegeben. Der amerikanische Telekommunikationsausrüster warnte vor einer verspäteten Einführung der UMTS-Technologie. Die neuen Mobilfunknetze würden erst zwei Jahre später in Betrieb gehen als die Telekomkonzerne bisher angenommen haben, sagte Irwin Jacobs, Gründer und Vorstandsvorzeitsender von Qualcomm, am Rande des Branchentreffens in Cannes, dem GSM World Congress. Erst Ende 2004 oder im Frühjahr 2005 würde UMTS flächendeckend eingesetzt werden können. Es gebe noch vielfältige technischen Hürden. "Ich glaube nicht dass es vor 2004 oder 2005 eine bedeutende Anzahl an UMTS-Geräten geben wird", betonte Jacobs.

Damit würde den europäischen Telekomkonzernen ein Strich durch die Rechnung gemacht werden. Sie gehen von einer Einführung des neuen Standards im Jahr 2002 aus. Bis dahin müssen sie milliardenschwere Schuldenberge aus der Lizenz-Versteigerung vor sich hin schieben. Der Druck auf die angeschlagenen Unternehmen nimmt damit weiter zu.

Die Erwartungen Jacobs decken sich mit denen von Michel Rahier, Chef der Handy-Division des französischen Elektronikhersteller Alcatel, und Hans Geyer, Vizepräsident und Geschäftsführer von Intel. Laut Geyer stehen eine Reihe von Unternehmen vor dem Aus: "Wir nähern uns einer Situation, in der eine ganze Industrie dem Bankrott zusteuert, bevor ein einziger Anruf der dritten Generation (UMTS) gemacht wurde." Rahier sagte, dass der UMTS-Standard erst 2003 eingeführt werde, ein Jahr später als geplant. Bis zum Massenbetrieb könnte es sogar bis 2007 dauern.

Banken stufen die Aktien herab

Die Branchenskepsis zur UMTS-Technologie hat die Banken zu weiteren Herabstufungen des Sektors veranlasst. Brian Modoff, Analyst bei der Deutsche Banc Alex. Brown, hat Qualcomm von "Strong Buy" auf "Buy" heruntergestuft. Die sinkenden Ausgaben der Telefongesellschaften machten sich nun bemerkbar, stellte er fest: "Zusätzlich haben wir weitere negative Nachrichten eingepreist, die die sich abkühlende Investitionsbereitschaft und die bleibende Unsicherheit reflektieren."

Goldman Sachs hatte am Freitag zusätzlich die Telekom-Ausrüster Nokia, Alcatel und Marconi herabgestuft. Nokia wird allerdings als "Outperformer" immer noch besser eingestuft als der Gesamtmarkt. Alcatel ist für Goldman Sachs fortan "Marketperformer" und Marconi sogar nur noch "Underperformer".

Die Rückstufung sei im Rahmen einer Branchenanalyse erfolgt, in der das Geschäft von Siemens und anderen Unternehmen mit Handsets und Telefon-Infrastruktur zurückhaltend beurteilt werde, hieß es. Die eigentliche Bombe könnte aber erst noch platzen: Sollte Nokia wirklich in den kommenden Tagen eine Gewinnwarnung aussprechen, wie am Markt befürchtet, könnte sich der Abwärtstrend beschleunigen.

Das finnische Unternehmen habe angekündigt, aggressiv um Marktanteile zu kämpfen - selbst mit fallenden Gewinnmargen. Im Gegensatz zu kleineren Konkurrenten könne Nokia sich das erlauben, sagt Janne Uski, Analyst bei Mandatum Stockbrokers in Helsinki.

Absatzeinbruch bei Motorola

Dem amerikanischen Konkurrenten Motorola scheint dagegen die Luft auszugehen. Der Mobiltelefon- und Chiphersteller teilte am Freitag mit, er werde die Gewinn- und Umsatzprognosen für die ersten drei Monate verfehlen und vielleicht sogar den ersten operativen Quartals-Verlust seit gut 15 Jahren ausweisen. Grund sei die Konjunkturschwäche, nicht ein rückläufiger Marktanteil.

Motorola begründete die Herabsetzung der Ergebnisprognosen mit einer deutlichen Abschwächung der Auftragseingänge in allen Geschäftsbereichen. "Nach unserer Einschätzung befinden wir uns jetzt in einer Rezession - und zwar einer Vertrauens-Rezession", sagte der Vorstandsvorsitzende und Chief Operating Officer (COO) Robert Growney vor Analysten. "Wir brauchen vertrauensbildende Maßnahmen, um den Markt wieder herzustellen. Aber die allgemeine Rezessions- Stimmung schwappt sehr, sehr schnell nach Europa und in den asiatisch-pazifischen Raum über."

Der zweitgrößte Mobiltelefon-Hersteller der Welt hatte schon im Januar erklärt, die Ergebnisse im Auftaktquartal würden unter der Abschwächung des Telekom- und Halbleitergeschäftes leiden. Halte die Tendenz der Abschwächung an, sei mit einem operativen Verlust zu rechnen. Der weltweite Handyabsatz werde im angelaufenen Jahr voraussichtlich auf unter 500 Millionen sinken, nach zuvor prognostizierten 525 bis 575 Millionen.

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